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(Ver)störende Kommunikation

Marcel Fürstenau30. Januar 2016

Beim Thema Flüchtlinge herrscht Chaos. Eine Lösung ist kaum erkennbar. Das liegt nicht nur an der Politik. Denn die Gesellschaft insgesamt redet lieber übereinander als miteinander, bedauert Marcel Fürstenau.

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Das Wort "Flüchtlinge" steht auf einem Zettel
Bild: picture-alliance/dpa/P. Pleul

Der erfundene tote Flüchtling von Berlin ist nur der jüngste Tiefpunkt, den die Gesprächskultur bei diesem Aufreger-Thema in Deutschland erreicht hat. Der Fall zeigt auf besonders drastische Weise, wie gestört die Kommunikation inzwischen ist. Jeder hat etwas zu sagen, aber nur wenige bemühen sich um einen ehrlichen Dialog. Stattdessen dominieren Symbolpolitik, Populismus und Demagogie. Schlechte Vorbilder gibt es überall: in der Regierung, den Parteien, den Medien, bei Flüchtlingsgegnern und Flüchtlingshelfern. Ein paar Beispiele:

1. Angela Merkels Regierungskoalition

Sie beschließt im November 2015 ein sogenanntes "Asylpaket" und streitet anschließend wochenlang über den Inhalt. Kanzlerin Merkel leiert weiter ihr "Wir schaffen das!" runter, Bayerns Regierungschef Seehofer droht mit Verfassungsklage. Der Eindruck ist verheerend: Die reden nicht mehr miteinander! Eine Ehe, in der die Partner Anwälte einschalten, gilt als gescheitert. CDU/CSU und SPD stehen gefühlt kurz davor. Was sie zusammenhält, ist die Angst vor dem Machtverlust. Die Angst hat seit Donnerstagnacht einen Namen: "Asylpaket II".Dieser faule Kompromiss wird der Öffentlichkeit als Erfolg verkauft. Tatsächlich ist er Ausdruck der Unfähigkeit, vernünftig miteinander zu reden.

2. Medien und soziale Netzwerke

Das Schauermärchen vom gestorbenen Syrer am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) konnte nur so reißerisch und stümperhaft (weiter)erzählt werden, weil alle irgendwie daran glauben wollten. Das "Lageso" ist seit Monaten zu Recht ein Synonym für staatliches Versagen in der Flüchtlingskrise. Ein gefundenes Fressen für Journalisten. Dumm nur, wenn das zynische Redakteurs-Motto "Only bad news are good news" ("Allein schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten") auf Kosten der Seriosität geht.

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau (Foto: DW)
DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel FürstenauBild: DW/S. Eichberg

Über Kanäle wie Facebook oder Twitter in die Welt gesetzte angebliche Skandale oder Tragödien münden ungeprüft in Eilmeldungen und Schlagzeilen. Gerüchte werden als Tatsachen verkauft. Die von beiden Seiten gewollte Liaison zwischen klassischen und sozialen Medien lockt in der Flüchtlingskrise vor allem die Vereinfacher und Besserwisser an. Es ist eine explosive Mischung: fehlende Professionalität hier, Wut und Hass dort. Journalisten ignorieren einstmals eherne Grundsätze, wozu im Fall des (Un)toten am Lageso ein simpler Anruf bei der Polizei gehört hätte. Und oft anonyme User pöbeln mit rassistischen Parolen im Internet. Die gesellschaftliche Atmosphäre ist vergiftet.

3. Politik und Medien

Auch diese Beziehung offenbart in der Flüchtlingskrise ihre latente Anfälligkeit für fragwürdige Verhaltensweisen. Beispielhaft, aber keinesfalls exklusiv steht dafür die Weigerung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Dreyer (SPD), im Fernsehen mit Politikern der Alternative für Deutschland (AfD) zu diskutieren. Vordergründig geht es um die Frage, welche Partei an einer TV-Runde zur Landtagswahl teilnehmen darf oder soll. Hintergründig will da jemand mit ihm unsympathischen Leuten nicht über das alles dominierende Thema reden. Man muss die populistische AfD ja nicht mögen, schon gar nicht hofieren. Aber den politischen Gegner mit Argumenten stellen und für die eigenen Überzeugungen werben, wäre doch eine gute Alternative.

Leider fehlen im Moment die Anzeichen dafür, dass sich der gesellschaftliche Diskurs beim hochsensiblen Themen-Mix Flüchtlinge, Asyl und Zuwanderung kurzfristig entspannt. Mehr miteinander als übereinander zu reden - dafür sind alle verantwortlich! So lange diese Einsicht nicht reift, so lange werden wir als Gesellschaft keine vernünftige und erfolgversprechende Lösung finden. Das vielstimmige Sprachgewirr ist ein alarmierender Befund. Es nährt Zweifel an der Demokratie und ermuntert schlimmstenfalls zu Gewalt gegen Menschen. So weit ist es inzwischen in der Flüchtlingsdebatte gekommen, die leider allzu oft eine Scheindebatte ist.

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