Kommentar: Warum weiter gedopt wird | Sport | DW | 27.12.2017

Doping

Kommentar: Warum weiter gedopt wird

Der größte Betrug in der Sportgeschichte - und was geschieht? Nicht viel. Der Umgang mit Staatsdoping in Russland wird das Sportjahr 2018 prägen, meint Joscha Weber. Die Lehren aus dem Skandal will nur niemand ziehen.

Symbolbild - Biathlon (picture-alliance/dpa/P. Kneffel)

Wie Schattenmänner werden russische Sportler zu Olympia reisen - der Verdacht begleitet sie

Zur Hochzeit des Kalten Krieges war eines der Schlachtfelder der Sport. Im Systemkonflikt zwischen Ost und West ließ sich kaum publikumswirksamer ein Punktsieg feiern als mit einem sportlichen Erfolg über den politischen Gegner. Siegerposen, die um die Welt gingen und mit viel Pathos geschmetterte Nationalhymnen bei der Siegerehrung - für solche Momente voller Triumphsymbolik wurden viele Register gezogen. Gegenseitiger Boykott der Olympischen Spiele in Moskau und Los Angeles, erbitterte Duelle am Rande der Fairness auf Eis, in der Halle oder auf der Laufbahn, und natürlich der massive Einsatz von Steroiden und Aufputschmitteln. Es wurde gedopt ohne Rücksicht auf Kollateralschäden am Athleten, und das auf beiden Seiten. Schließlich stand viel auf dem Spiel. Und heute? Ist manches noch viel schlimmer.

Verschwörungstheorien statt Aufklärung

Weber Joscha Kommentarbild

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Die Glaubwürdigkeit des Sports wird weiter ausgehöhlt und das IOC trägt seinen Teil dazu bei."

Eigentlich kaum vorstellbar, aber: Es wird noch mehr gedopt, noch mehr betrogen und noch mehr gelogen als damals. Das staatlich gesteuerte und finanzierte Dopingsystem, das Russland betrieben hat, um Erfolge bei Olympischen Spielen wie 2014 in Sotschi zu feiern, ist beispiellos. Und es übertrifft bei weitem das, was Forscher über die Dopingpraktiken vor dem Mauerfall herausfanden. Mehr als 1000 involvierte Athleten, und das unter der Regie des Sportministers - die Abgründe des russischen Betrugs sind in den Berichten des WADA-Ermittlers Richard McLaren detailliert beschrieben. Das IOC hat sie in einem langwierigen Verfahren schließlich - etwas widerwillig wirkend - bestätigt. Vom Geheimdienst durchgeführte Probenaustausche, eine zentralisierte Dopingmittelbeschaffung und Dopingkontrolleure, die beim dopen helfen - Russland hat eine neue Dimension des Sportbetrugs betreten. Reue? Fehlanzeige.

Im Gegenteil: Russlands Präsident Wladimir Putin sagte kürzlich, dass der Doping-Skandal bewusst vor den russischen Wahlen im März 2018 "angefacht" wurde. Und überhaupt glaubt er, dass der zentrale Kronzeuge der Affäre, der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Zentrums Grigori Michailowitsch Rodschenkow, unter der Kontrolle der amerikanischen Geheimdienste sei und man ihm dort mit "Substanzen" zur Aussage gebracht habe. Negieren, ignorieren, weiter lügen. Russlands Politik und Sport denken gar nicht daran, den Doping-Skandal aufzuarbeiten. Die gesperrten Athleten werden als Opfer eines anti-russischen Komplotts dargestellt, ihre Klagen gegen die Dopingsperren vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) werden offiziell unterstützt. Die Glaubwürdigkeit des Sports wird so weiter ausgehöhlt, und das Internationale Olympische Komitee (IOC) trägt seinen Teil dazu bei.

"Die komplette Sportgemeinschaft beschissen"

Auch wenn die Welt-Anti-Doping-Agentur und zwei IOC-Kommissionen hinreichende Beweise für ein staatlich gelenktes Betrugssystem vorlegten - IOC-Präsident Thomas Bach will das Wort "Staatsdoping" partout nicht über die Lippen kommen. Und das hat wohl einen guten Grund: Das IOC will einen wichtigen politischen wie finanziellen Partner nicht vergraulen. Russland wurde zwar als Nation von den im Februar beginnenden Olympischen Winterspielen im koreanischen Pyeongchang ausgeschlossen. Doch "Olympische Athleten aus Russland" dürfen starten und trotz erheblicher Vorwürfe weiter Medaillen gewinnen. Die Kriterien dafür wurden in reichlich verbalen Nebel gehüllt. Eine lasche Reaktion auf den gigantischsten Betrug der Sportgeschichte. Das Signal: Selbst wer die "komplette Sportgemeinschaft beschissen" hat, wie es Biathlet Erik Lesser treffend formuliert, bleibt selbstverständlich Teil der olympischen Familie.

Das gilt übrigens auch beim zweiten Sport-Megaevent 2018: der Fußball-WM in Russland. Deren Ex-Organisationschef Witali Mutko ist wegen seiner nachweislichen Verstrickung in das russische Dopingsystem bei Olympischen Spielen lebenslang gesperrt. Obwohl der Fußball-Weltverband FIFA ihn weiter gewähren ließ, trat Mutko nun von seinem Amt als WM-OK-Chef zurück. Im McLaren-Bericht tauchen zudem auch Beweise gegen 34 dopingverdächtige russische Fußballer auf. Whistleblower Rodschenkow ließ ausrichten, dass definitiv auch russische Nationalspieler in den Dopingskandal verwickelt seien. Die in Dopingfragen in der Regel wenig engagierte FIFA sieht aber bisher keinen Regelverstoß. Es ist die alte Erkenntnis: Der Sport bleibt gefangen in seinem Interessenkonflikt. Warum sollte man sein gut vermarktbares Produkt selbst durch schmutzige Doping-Enthüllungen wertmindern? 

Wer Doping so achselzuckend hinnimmt, darf sich nicht wundern, wenn 2018 einfach weiter betrogen wird, als wäre nichts geschehen.

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