Kraken: Schlaue Köpfe mit acht Beinen

Oktopusse - schlau und neugierig

Krake Paul im Sea Life in Oberhausen sagte fast alle Ergebnisse der Fußball-EM 2008 und der WM 2010 voraus. So erlangte er in den deutschen Medien große Berühmtheit. Aber Oktopusse sollten aus noch anderen Gründen gefeiert werden: Sie gehören zu den intelligentesten Weichtieren und sind angeblich so schlau wie Ratten. Denn sie sind zwar scheu, aber neugierig und lernen schnell.

Acht Arme mit Saugnäpfen

Kraken zählen zu den achtarmigen Tintenfischen. An jedem Arm haben sie unzählige Saugnäpfe. Eine Spezialisierung gibt es nicht: alle acht Arme können die gleichen Aufgaben erfüllen. Allerdings haben Kraken einen Lieblingsarm: Wenn es knifflig wird, sie etwa eine eigenartig geformte Höhle ertasten wollen, dann bevorzugen sie dabei immer einen bestimmten Arm.

Linsenaugen wie wir

Genau wie der Mensch verlässt sich der Krake stark auf seine gut entwickelten Augen, wenn er seine Umwelt erkundet. Das Auge von Wirbeltieren und von Kopffüßern ist ähnlich aufgebaut, bei letzteren ist es an das Leben im Wasser angepasst. In einem ist das Auge des Kraken dem des Menschen aber unterlegen: Kraken sind farbenblind.

Verwandlungskünstler

Kraken haben kein Innenskelett und können sich durch kleinste Öffnungen zwängen. Bei Gefahr können sie ihre Farbe der Umgebung anpassen. Ein besonders geschickter Verwandlungskünstler ist der Mimik-Oktopus im indischen und pazifischen Ozean. Er kann sich durch Farb- und Formänderungen optisch in eine Seeschlange, eine Flunder, einen Stachelrochen und vieles mehr verwandeln.

Acht oder zehn Arme

Kraken haben acht Arme, Kalmare hingegen zehn. Beide zählen aber zur Klasse der Tintenfische. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Farbe wechseln können. Außerdem können sie bei Gefahr "Tinte" abfeuern: ein Farbsekret, hinter dessen Wolke sie sich in Sicherheit bringen können. Alle Tintenfische ernähren sich zudem von anderen Tieren, sind also Raubtiere.

Tief unten und in der Luft

Es gibt über 250 Kalmararten. Sie alle haben relativ große Augen und zehn Arme, acht kürzere, zwei längere. Mit den langen Armen fangen sie ihre Beute, die kürzeren führen die Beute zum Mund. Einige Kalmararten leben in der Tiefsee, andere direkt unter der Wasseroberfläche. Sie können sogar aus dem Wasser springen und einige Dutzend Meter weit über der Wasseroberfläche "fliegen".

Manchmal riesengroß

Riesenkalmare können - ohne Arme gemessen - mehrere Meter groß werden. Inklusive ihrer dehnfähigen Arme erreichen sie so eine wirklich beeindruckende Größe von etwa 20 Meter. Wie alle Tintenfischarten werden sie allerdings nicht sehr alt - nur maximal fünf Jahre. Das bedeutet: Sie wachsen nach dem Schlüpfen wirklich sehr schnell heran!

"Echter" Tintenfisch

Hier ein weiterer Vertreter der Tintenfische: eine Sepie, auch "echter" Tintenfisch genannt. Sepien haben zehn Arme und ein hartes Kalkgehäuse - die Sepia-Schale - , das ihren Körper in Form hält. Sie leben in Bodennähe, können sich blitzschnell eingraben und ihre Farbe wechseln. Das hier ist übrigens eine Grünaugen-Sepie.

Wie von einem fernen Planeten

Keine Tintenfische, aber trotzdem Kopffüßer sind die Perlboote. Diese skurrilen Tiere haben bis zu 100 Fangarme, die um die Mundöffnung angeordnet sind. Perlboote können weder Tinte versprühen noch ihre Farbe wechseln. Das haben sie auch nicht nötig, denn ihre Kalkschale schützt sie vor Fressfeinden. Ihre Tentakel haben keine Saugnäpfe, geben stattdessen ein klebriges Sekret ab.

Papierboot

Wirkt wie ein Aprilscherz, ist es aber nicht: Neben den Perlbooten gibt es auch Papierboote. Das ist eine Krakenart. Die Tiere haben also acht Arme und leben im Meer. Die Weibchen werden bis zu zehn Zentimeter groß. In dem kalkhaltigen Gehäuse speichern die Papierboote Studien zufolge Luft und tarieren sich damit in der Tiefsee aus.

Oktopusse werden oft als die Intelligenzbestien unter den Meeresbewohnern dargestellt. Sind sie das wirklich? DW-Autorin Brigitte Osterath hat einen Kraken getroffen - und seinen Forscher.

Darwin ist erst vor ein paar Tagen in David Scheels Labor in Anchorage eingezogen - unfreiwillig allerdings. Der Meeresbiologe von der Alaska Pacific University hat den Kraken im Prince William Sound vor Alaskas Küste gefangen. Jetzt werden die Forscher Darwin und sein Verhalten im Aquarium ein Jahr lang genau studieren.

Wissen & Umwelt | 13.08.2015

"Er hat noch nicht versucht, aus dem Becken zu flüchten", sagt David Scheels Doktorandin Stephanie und lacht. "Wenn er das wollte, könnte er das sicher. Aber ihm scheint nicht langweilig zu sein." Kein Wunder: Ein Umzug vom Meeresboden ins Laboraquarium ist mit Sicherheit einigermaßen aufregend.

Kraken haben kein Innen- oder Außenskelett und können sich daher durch die kleinsten Löcher zwängen. Selbst Flaschenhälse sind mitunter kein Problem. Noch im April brach Krake Inky aus seinem Aquarium in einem neuseeländischen Zoo aus, wanderte über den Fußboden und entwich über ein Abwasserrohr ins Meer.

Einen Kraken anzufassen ist ein ganz besonderes Erlebnis. Bei Kontakt mit einem seiner acht Arme haften sich sofort Darwins Saugnäpfe an meinem Finger fest - ein tolles Gefühl. "Er schmeckt Sie gerade", erklärt Stephanie. "Am Geschmack kann er die Leute unterscheiden."

Big Picture
Wissen & Umwelt | 16.03.2016

Aber Vorsicht, fügt die Doktorandin hinzu, "nicht, dass er beißt." Kraken haben nur einen harten Körperteil - das ist ihr Schnabel, ähnlich dem von Papageien. Damit zerkleinern sie ihre Nahrung: Krabben, Muscheln und mitunter Fische. Der Biss eines Kraken soll zwar harmlos sein, aber weh tun. Es empfiehlt sich also, vorsichtig zu sein und sich nicht zu weit über die langen Arme hinweg in Richtung Krakenkopf vorzuwagen.

Meister der Manipulation

Kraken haben nicht einmal eine Wirbelsäule mit Rückenmark, und trotzdem sind sie viel schlauer, als wir Menschen es von solchen Weichtieren erwarten.

Die Intelligenz von Kraken ist mit der von Ratten, Hunden, Vögeln oder dreijährigen Kindern verglichen worden. "Ich mag diese Art der Vergleiche nicht sonderlich", sagt David Scheel. "Denn die eigentliche Frage ist nicht, wie schlau sie sind, sondern inwiefern. Es gibt keine artübergreifende Skala für Intelligenz." Was genau Kraken gut können - das ist das, was Verhaltensforscher wie Scheel interessiert.

USA Oktopus im Labor der Alaska Pacific University

Die Saugnäpfe fühlen sich so klasse an!

Geschickt sind Kraken tatsächlich: "Sie können sehr gut Gegenstände handhaben", sagt Scheel, "und beispielsweise Spalten erkunden." So kommen sie an ihre Nahrung auf dem Meeresboden: Steine umdrehen, Muscheln aus Gesteinsritzen klauben, überall neugierig mit ihren geschickten Armen nach Essbaren suchen.

Das bringt es mit sich, dass sie etwa auch Schraubgläser öffnen können. Scheels Laboroktopusse müssen sich einen Teil ihres Futters selbst erarbeiten. Sie bekommen Kinderspielzeuge in der Art eines Mr. Potato Head, der in den USA sehr beliebt ist und durch den Film Toy Story auch weltweit bekannt wurde. Die unterschiedlichen Plastikteile des Spielzeugs lassen sich abnehmen und wieder aufstecken. "Der Krake muss Teile abziehen, um an eine Kammer zu kommen, in der eine Muschel liegt", erklärt Scheel. "Und sie spielen sehr gerne damit."

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Auch in vielen Zoos beschäftigen die Pfleger ihre Kraken beispielsweise mit Labyrinthen, aus denen sie ihr Futter heraussammeln müssen.

Nicht von ungefähr

Kraken können Rätsel lösen und schließen bei Labyrinthversuchen besser ab als so manche Wirbeltierart. Sie können auch Menschen unterscheiden - und das nicht nur am Geschmack ihrer Haut. Studien haben gezeigt, dass sie Personen schon erkennen, wenn diese den Raum betreten, in dem das Aquarium steht. Bei Indonesien haben Forscher beobachtet, wie Oktopusse Kokosnussschalen einsammeln, um sich später Schutzhütten daraus zu bauen (YouTube-Video) - vorausschauendes Denken also.

Die Tiere sind nicht nur zufällig schlau, sagt David Scheel. "Oktopusse haben sich zu so intelligenten Wesen entwickelt, um in ihrer komplexen Umwelt erfolgreich zu sein." Wer als Taucher schon mal da unten war, weiß, was Scheel mit "komplex" meint: Korallenriffe, Felsspalten, Sandwüsten, ganze Gebirge unter Wasser - und überall unzählige Lebewesen ganz unterschiedlicher Art, die dort schwimmen, kreuchen und fleuchen oder einfach nur herumstehen.

In dieser Unterwasserwunderwelt bewegt sich der Oktopus recht schnell umher, findet viel leckere Nahrung - trifft aber auch immer wieder auf Gefahren, darunter andere Raubtiere, die gerne Kraken verspeisen. Er interagiert also mit vielen verschiedenen Lebewesen auf vielfältige Weise - das hat seine Intelligenz geformt. Übrigens, fügt Scheel hinzu, nicht nur bei Kraken, sondern auch bei den anderen Tintenfischarten Kalmaren und Sepien. Auch sie sind intelligenter, als ihre Gestalt glauben lässt.

Jeder Arm denkt für sich

Was Scheel an Kraken besonders fasziniert? "Sie haben ein zentralisiertes Gehirn, aber trotzdem hat jeder Arm für sich eine Art von Intelligenz." Die Arme eines Kraken können sich ungesteuert vom Gehirn bewegen - vielleicht ist das der Grund dafür, dass ein Oktopus, der mit mehreren Armen gleichzeitig nach Essen sucht, oftmals etwas unkoordiniert wirkt. "Sogar jeder Saugnapf verhält sich selbstständig - und trotzdem bilden sie gemeinsam ein Individuum."

Selbst wenn Forscher den Tieren im Labor einen Arm abtrennten, reagierte dieser losgelöste Arm noch auf Reize wie Schmerz. Wenn wir eine heiße Herdplatte anfassen, zuckt unsere Hand ganz automatisch wieder zurück. Diese Reaktion ist allerdings rückenmarkgesteuert. Wenn man einem Mensch den Arm abtrennt und diesen an die Herdplatte führt, passiert nichts mehr - bei einem Kraken hingegen schon. Das liegt daran, dass ein Großteil der Nervenzellen eines Kraken nicht im Gehirn, sondern in den Armen angesiedelt sind.

Ein Wort zu Tierversuchen

Wenn Kraken aber so intelligent sind und sogar ihr abgetrennter Arm noch so etwas wie Schmerz empfindet - ist es da ethisch vertretbar, mit ihnen Neugierforschung im Labor zu betreiben?

Seit Januar 2013 ist die Forschung an Kopffüßern in der EU immerhin reguliert, genau wie die Forschung an Wirbeltieren. Wer mit ihnen experimentiert, muss Auflagen erfüllen, die verhindern sollen, dass die Tiere unnötig leiden.

USA Brigitte Osterath mit Oktopus im Labor der Alaska Pacific University

DW-Autorin Brigitte Osterath im Labor von David Scheel in Anchorage

Darwin wird so ein Schicksal, bei dem ihm zu Versuchszwecken die Arme abgetrennt werden, nicht ereilen - verspricht David Scheel zumindest. "Wir halten unsere Kraken immer ein Jahr hier, bis sie zu groß fürs Aquarium geworden sind - dann lassen wir sie wieder frei."

Das beruhigt sehr. Allerdings bleibt es ein Fakt, dass es für reine Verhaltensforschung an lebenden Tieren heutzutage so gut wie keine Forschungsgelder mehr gibt. Viele Forscher sind daher gezwungen, 'ihre' Tiere aufzuschneiden, um ihre Arbeitsgruppe finanziell am Leben zu erhalten. Das gilt nicht nur für Kraken. Aber vermutlich treffen diese Gegebenheiten in der Forschungslandschaft die intelligenten Kraken mit ihren acht eigenständigen Armen besonders hart.

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