Ausnahmezustand in der Türkei

Kurz vor dem Bachelor: Studentin verliert ihre Uni

Der Ausnahmezustand in der Türkei führt zur Schließung von tausenden Einrichtungen. Darunter ist auch die Universität Izmir. Özge Kabukcu hat aufgeschrieben, was eine ehemalige Studierende erzählt.

Türkei Universität Izmir (privat)

Die ehemalige Studentin vor ihrer Universität in Izmir. Selin wurde plötzlich wie viele andere suspendiert

Für die einen beginnt ein neues Semester, für die anderen ein neues Leben. Selin (26) studierte Internationale Beziehungen an der privaten Universität Izmir. Nach dem Putschversuch im Sommer 2016, für den die Regierung Erdogan die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen verantwortlich macht, mussten zahlreiche Einrichtungen schließen: Schulen, Universitäten sowie soziale Einrichtungen. Mehr als 150.000 Menschen wurden entlassen oder vom Dienst suspendiert. Etwa 50.000 kamen ins Gefängnis. Unter den geschlossenen Institutionen ist auch die private Universität Izmir, aus der inzwischen die staatliche "Demokratische Universität Izmir" wurde. Selin stand kurz vor ihrem Abschluss und wurde unerwartet suspendiert. Aus Sicherheitsgründen möchte sie ihren wirklichen Namen geheim halten. Özge Kabukcu hat ihre Geschichte aufgeschrieben.

"Als ich davon das erste Mal erfuhr, habe ich nicht geglaubt, dass meine Universität geschlossen wird. Ich dachte, meine Kommilitonen machen Witze. Eine Woche nach dem Putschversuch berichteten Freunde, die die 'summer school' besuchten, dass Polizisten die Uni geschlossen hätten. Ein totaler Schock! Was kann die Universität mit Fethullah Gülen nur gemein haben? Es ist eine Bildungseinrichtung - zudem eine private. Sowas habe ich nicht erwartet. Selbstverständlich gibt es viele Institutionen, die mit Gülen verbunden sind, aber die sind uns bekannt - beispielsweise die Zeitung "Zaman“ oder das Sifa-Krankenhaus und die Sifa-Universität in Izmir. Es war zu erwarten, dass diese schließen mussten. Aber meine Universität? Das verstand niemand. Es gab einfach keinen Zusammenhang".

Türkei - Sicherheit - Ausnahmezustand (picture alliance/AP Photo/E. Gurel
)

In der Türkei herrscht seit dem Putschversuch der Ausnahmezustand

Ungewissheit und psychische Belastung

"In unserer Universität herrscht ein sehr gemütliches Klima. Die Studierenden und Professoren haben eine gewisse Lässigkeit, selbst die Kleidung ist formlos und eher leger gehalten. In meiner Klasse hatte ich beispielsweise einen Schwulen, und an der Uni hatten wir viele Transsexuelle. Probleme gab es deswegen nicht. Ein weiteres Beispiel: unser großes Herbst-Festival. Hier treten verschiedene Bands auf, wo natürlich der Alkohol nicht fehlen darf. Jeder kann das tun, worauf er Lust hat, soviel Alkohol konsumieren, wie er mag, und einfach frei sein. Dagegen darf an der Gediz- oder Sifa-Universität, die ebenfalls aufgrund des Terrorverdachtes schließen mussten, bei Veranstaltungen kein Alkohol konsumiert werden. Hier wird vor allem gebetet. Es gibt Kleiderordnungen und klare Vorschriften.

Dennoch wurde meine Universität geschlossen, ohne dass ich meinen Abschluss machen konnte. Das monatelange Vertrösten hat mich verrückt gemacht. Dennoch habe ich geduldig gewartet mit der Hoffnung auf eine Wiedereröffnung. Fragen, ob meine Universität vielleicht doch was mit der Gülen-Bewegung zu tun haben könnte, und wie nun meine Zukunft aussehen würde, trieben mich um. Ich war psychisch am Ende. All die Jahre umsonst, all die Mühe vergeudet. Nur noch wenige Kurse fehlten mir bis zum Abschluss. Alles schien ungewiss zu sein".

Was passiert jetzt?

"Die Hochschulbehörde entschied, alle Studierenden nach dem Zufallsprinzip auf die anderen Universitäten des Landes zu verteilen. Ich sollte nach Istanbul. Neue Stadt, neue Umgebung, neue Freunde - im Prinzip ein neues Kapitel in meinem Leben. Doch viele Studierende klagten dagegen, zumal es große qualitative Unterschiede zwischen den Hochschulen gibt. Nach den Protesten beruhigte uns die Regierung und sagte, dass niemand benachteiligt werden. Jeder hätte die Wahl, sich eine andere Universität auszusuchen. Die Studierenden dürfen nun, je nach ihrer Punktzahl im Zulassungstest, ihre Präferenzen für die Universitäten angeben.

Türkei Istanbul Boğaziçi Universität Junge Menschen auf Rasen vor Gebäuden (Universität Boğaziçi)

Vor dem Putsch: Entspannte Atmosphäre an einer Istanbuler Universität

Als der Hochschulrat die Beschlüsse verkündete, stand ich erneut vor vielen Fragen. Die Ungewissheit darüber, was jetzt mit uns passiert und wie es weitergehen soll, war groß. Ich hatte Angst, in der neuen Universität den Anschluss nicht zu finden. Viel mehr habe ich mich aber um meine Familie gesorgt. Zur dieser Zeit wurden Tausende von Menschen verhaftet, es hätte vielleicht auch meine Familie treffen können.

Ich hatte im Vergleich zu Freunden und Bekannten Glück, da ich auf eine staatliche Uni wechseln konnte. Meine fehlenden Prüfungen sowie meinen Abschluss konnte ich mit einigen Schwierigkeiten fortsetzen und schließlich beenden. Doch andere, die noch kurz bevor die Uni schloss, ihr Diplom erhalten haben, kämpfen nun auf dem Arbeitsmarkt und suchen vergeblich nach einem Job. Einen Absolventen von einer vermutlichen 'Gülen-Universität' möchte keiner - das Risiko ist zu groß, und die Folge eine Existenzfrage. Wiederum andere, die beispielsweise die 'summer school' besuchten, welches als eine Art zusätzliche Nachhilfe angeboten wird, konnten diese nicht abschließen. Sie warten immer noch auf Rückzahlung der Gebühren, die sie extra dafür eingezahlt haben. Familien, Schüler und Studierende, Lehrer und Professoren sowie alle Beschäftigte leiden unter diesen Bedingungen. Diese Zukunftsängste führen bis hin zur Depressionen und machen krank. Niemand sollte ein solches Chaos und eine solche Ungerechtigkeit erleben müssen. Ich distanziere mich in jeglicher Hinsicht von Terrororganisationen, dennoch wurde ich damit in Verbindung gebracht. Es ist traurig und zugleich beschämend, sich nun immer rechtfertigen zu müssen".

DW-Reporterin Özge Kabukcu hat mit Selin gesprochen und ihre Geschichte aufgeschrieben.

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