Luther

Luther, der deutsche Gigant

Deutschland, die Welt feiert Martin Luther. Mit dieser Sonderseite feiert die DW mit, aktuell und hintergründig. In seinem Editorial bietet Alexander Kudascheff einen Crashkurs in neun Punkten zum großen Reformator.

Deutschland Martin Luther-Farbglasfenster in der Lutherkapelle der Kunstsammlungen der Veste Coburg (picture-alliance/dpa/D. Ebener
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1.Luther heute

Luther ist für die Deutschen groß. Groß, weil er die deutsche Sprache regelrecht erfunden hat. Groß, weil er dem Volk aufs Maul geschaut hat. Groß, weil er die katholische Kirche herausgefordert hat. Groß, weil er den Bruch mit dem Papst gewagt hat. Groß, weil er die deutsche, die europäische, die Weltgeschichte beeinflusst hat. Groß, weil sein Name untrennbar mit der Reformation weltweit verbunden ist. Groß, weil er indirekt für den 30-jährigen Krieg verantwortlich ist – die Ur-Katastrophe der deutschen Geschichte.  Groß, weil er in den letzten 500 Jahren immer wieder für nationale Begeisterung und schlimmer für nationalistische Deutschtümelei  miss- oder gebraucht wurde. Luther ist kein Ahnherr der Deutschen wie Karl der Große oder Otto der Große oder der preußische König Friedrich der Zweite. Aber im Kanon der "großen" Deutschen, die dieses Land geistig geprägt haben, hat er einen prominenten Platz.

Kudascheff Alexander Kommentarbild App

Alexander Kudascheff ist fasziniert von Martin Luther

2. Luther und der Glaube.

Luther war in heutiger Sprache ein Fundamentalist. Er hat der Hierarchie, er hat der christlichen Institution Vatikan, er hat den Lehren des Katholizismus getrotzt. Er wollte sie nicht umstürzen; er wollte sie reformieren. Er wollte sie auf den Ursprung des Glaubens zurückführen. Er suchte und fand den Glauben in sich selbst – in seiner persönlichen Beziehung zu Gott. Der Glaube der Reformation ist ein innerlicher Glaube. Er lehnt sich nicht an die Kirche in Rom an. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" ist der Satz, der die Unbedingtheit des Glaubens mit dem persönlichen Gewissen verbindet. Gott steht über allem.  Der Rest ist Protz, Pracht, Prunk.  Luther ist Fundamentalist, weil das Fundament des Glaubens die Schrift ist – und er ist radikal, weil er mit seiner Bibelübersetzung dieses Fundament für alle freilegte.

3. Luther und die Sprache

Martin Luther hat in wenigen Wochen die Bibel ins Deutsche übersetzt. Es war nicht die erste Übersetzung, aber die wirkmächtigste.  Er hat, wie er selbst sagte, "dem Volk aufs Maul geschaut". Er wollte, dass das Volk die Bibel versteht. Er wollte durch seine Übersetzung den Glauben befördern. Er wollte, dass jeder direkten Zugang zur heiligen Schrift hat – ohne Vermittlung durch Roms Priester. Er war ein Populist, der die Revolution des Buchdrucks für sein Anliegen nutzte.  Luthers Bibelübersetzung erreichte noch zu seinen Lebzeiten unglaubliche Auflagen. Das mehrte seinen Ruhm, das stärkte sein Ansehen, das machte ihn gegen Verfolgung immun. Und er prägte mit der Bibelübersetzung  die deutsche Sprache: Wortmächtig. Bildstark. Eindringlich –noch bevor es Deutschland überhaupt gab.

Martin Luther, 500 Jahre Reformation- Wartburg-Ausstellung zu 475 Jahren Lutherbibel (picture-alliance/dpa/Schmidt)

Der erste "Bestseller" im neuen Zeitalter des Buchdrucks: Luthers Bibelübersetzung

4. Luther und  "die da oben"

Luther, der lange den Schutz seines Landesherren vor der Verfolgung durch die Katholiken  brauchte, hat eine protestantische Tradition geprägt: "Christen verzichten darauf, sich gegen die Obrigkeit zu erheben". Der Glaubens-Revolutionär wollte keine politische, keine gesellschaftliche Revolution. Er wollte die religiösen Verhältnisse zum Tanzen bringen, aber nicht die weltliche Ordnung stürzen. Deswegen lehnte er die Bauernkriege ab – forderte stattdessen zum rigorosen Eingreifen gegen die aufständischen Bauern auf.  Das verdunkelte schon zu Lebzeiten sein Bild. Luther gehörte zu denen  "da oben".  Der moderne Protestantismus wiederum sucht in der Gewissensfrage  die entgegengesetzte Haltung: Was nicht mit dem Gewissen vereinbar ist, dagegen muss man sich auflehnen.

5. Luther und die Juden

Das ist die ganz dunkle Seite Martin Luthers. Der Reformator, der am Anfang seines Aufbegehrens  noch hoffte, die Juden zum Protestantismus bekehren zu können, war ein übler Judenhasser. Er war ein fanatischer Antisemit. Natürlich war Luther, wie Alan Posener geschrieben hat, "in seinem Fanatismus, seinem Antisemitismus, seiner Frauenfeindlichkeit, seiner Wissenschaftsskepsis, seiner Kapitalismuskritik, seinem Hexenwahn ein Mann seiner Zeit". Das entschuldigt aber nicht die Mord-und Brennlust in Luthers judenhassenden Tiraden und Schriften. "Die Juden", schrieb Luther, "sind ein solch… durchgiftetes Volk, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind. Summa: Wir haben rechte  Teufel an ihnen". Und Teufel müssen verbrannt, verjagt, ermordet werden. Kein Wunder, dass Martin Luther für Adolf Hitler "ein Riese" war.

6. Luther und die Humanisten

Luther war in seinem Judenhass ein Zeitgenosse. So wie er sich auch vor dem Teufel und der Hölle leibhaftig fürchtete. Aber nicht alle Reformer der damaligen Zeit waren und dachten so. In seinem religiösen Eifer unterschied er sich zum Beispiel deutlich von dem Humanisten Erasmus von Rotterdam: Der sang lieber das "Lob der Torheit" als dass er menschliche Selbstkritik beschwor. Luther hingegen erkannte in seiner Denkschrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen"  die unbedingte Autorität der weltlichen Herrscher an. Wahre Christenmenschen seien nur in ihrem Gewissen und Glauben frei. Der "mündige Bürger" kam bei Luther nicht vor.

Deutschland Geschichte Der Bauernkrieg (picture-alliance / akg-images)

In den Bauernkriegen stand Luther auf der Seite von "denen da oben"

7. Luther und die Welt

Luther hat das geistige und religiöse Zentrum der Welt – den Vatikan und den Papst – herausgefordert. Er setzte gegen die Institution  Kirche den Christenmenschen in seinem religiösen Bewusstsein.  Der Christ findet sich bei Luther in seinem Glauben wieder. Zu Luthers Lebzeiten ändert sich aber auch das Bild der Welt radikal: Seefahrer beginnen die Erde zu entdecken; Columbus landet 1492 in der "Neuen Welt" Amerika; die Globalisierung beginnt. Die Wissenschaften explodieren, das ptolemäische Weltbild verschwindet – auch wenn es der Papst noch lange verteidigt. Die bislang göttlichen Naturgesetze werden naturwissenschaftlich entschlüsselt. Die Moderne beginnt. Und das sich seiner selbst bewusste Ich beginnt das philosophische Denken von Descartes bis heute zu durchströmen.  Augustinus, Albertus Magnus, Thomas von Aquin werden zu katholischen Denkern.  Die abendländische Welt erlebt einen geistigen Höhenflug. Luther  und die Reformation gehören dazu.

8. Luther und die Welt II

Die Entdeckung der Welt: Sie ist eine Eroberung der Welt.  Und sie ist in vielen Ländern eine Eroberung durch vertriebene oder unglückliche oder verzweifelte Protestanten: Quäker, Methodisten, Lutheraner, Reformierte, Protestanten – sie sind die Speerspitze der Eroberung der Welt. Und hinterlassen weltweit ihre Spuren – vor allem in den USA, wo sie auch die Religion der Afroamerikaner sind. Luther verändert Deutschland.  Luther prägt die Welt.

DW Doku | Filmstill | 9481 Luther Matrix - Teil 1 (SWR)

Im Reformationsjahr schafft es Luther sogar in TV-Thriller: "Die Luther-Matrix"

9. Luther – heute

Luther wird 2017 gefeiert. Im schwedischen Lund wie im deutschen Wittenberg. Luther ist ein Ereignis, für manche auch ein Event. Was aber bedeutet Luther heute? Er ist kein Zeitgenosse. Aber er  gehört zu unserem  Erbe.  Das gilt gerade für die Deutschen und ihre mehr als schwierige Geschichte. Das Unbedingte, die Obrigkeitshörigkeit, der Judenhass gehören zu den Merkmalen der letzten 500 Jahre. Aber auch der Selbstzweifel, die Innerlichkeit, das von sich selbst Überzeugte sind Teil der deutschen DNA.  Die Deutschen  - und nicht nur sie - stehen auf den Schultern Luthers. Aber die tiefe Frömmigkeit des ehemaligen Mönchs, Bestsellerautors,  Bibelübersetzers, Religionsgründers – sie ist in der europäischen Moderne nicht  mehr zeitgemäß.  Mit Luther  muss man sich – auch mit historischem Abstand – trotzdem weiter beschäftigen.

 

 

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