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Mit Facebook auf Verbrecherjagd

Marcel Fürstenau20. Februar 2013

Auf dem Europäischen Polizeikongress ging es um Schutz und Sicherheit im digitalen Raum, aber auch um soziale Netzwerke bei der Tätersuche. Dabei gibt es erste Erfolge und einen interessanten Image-Wandel.

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Eine Frau tippt auf einer Computertastatur (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa

Der Vorwurf hat es in sich: China soll eine Geheimarmee für Hacker-Angriffe auf Ziele in den USA haben. Wenn die Behauptung der amerikanischen Sicherheitsfirma "Mandiant" stimmt, attackieren die Computerspezialisten seit Jahren erfolgreich Regierungsbehörden, Medien und Wirtschaftsunternehmen. Die Meldung erschien pünktlich zu Beginn des Europäischen Polizeikongresses, der am Dienstag und Mittwoch (19./20.02.2013) in Berlin abgehalten wurde. Natürlich dementierte das chinesische Außenministerium die Darstellung postwendend und bezichtigte seinerseits die USA, für Cyber-Attacken gegen chinesische Einrichtungen verantwortlich zu sein.

Der aktuelle Streit zwischen den beiden Supermächten illustriert auf drastische Weise, welche Dimensionen das virtuelle Gefechtsfeld auf staatlicher wie auf privatwirtschaftlicher Ebene inzwischen angenommen hat. Nach Erkenntnissen von "Symantec", einem ebenfalls in den USA angesiedelten Sicherheitsunternehmen, gab es im weltweiten Netz 2011 rund 5,5 Milliarden Angriffe. Das war eine Steigerung um 81 Prozent binnen Jahresfrist. In Deutschland zählte das Bundeskriminalamt (BKA) im selben Zeitraum etwa 60.000 konkrete Fälle von Cyber-Kriminalität, wie Vize-Präsident Jürgen Maurer auf dem zweitägigen Kongress berichtete.

Das Dunkelfeld ist "nicht mal erahnbar"

Der BKA-Experte räumte in Berlin ein, das Dunkelfeld sei "nicht mal erahnbar". Es gebe kein klares Bild von der Bedrohung. Solche Sätze klingen in den Ohren mancher Experten und erst recht der besorgten Öffentlichkeit alles andere als ermutigend.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen, hält es deshalb für entscheidend, "dass wir der Technik nicht hinterherlaufen". Doch oft sind Internet-Kriminelle den Ermittlern weit voraus. Umso wichtiger ist es aus Maaßens Sicht, dem virtuellen Feind mit schlagkräftigen Geheimdiensten im In- und Ausland Paroli zu bieten. Das in Bonn ansässige Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sei nur dafür zuständig, dass die Infrastruktur stabil sei und funktioniere. Das BSI hat also keine Ermittlungs- oder Überwachungsbefugnisse.

Der Verfassungsschutz-Chef deutete auf dem Europäischen Polizeikongress an, mit welchen Methoden seine Behörde versucht, Hackern, heiligen Kriegern oder Rechtsextremisten im Netz auf die Spur zu kommen. Demnach werden Texte oder Videos mit Hilfe technischer Tools auf Hinweise zu verdächtigen Personen oder milieutypische Symbole gefiltert. Im zweiten, entscheidenden Schritt geht es darum, unter anderem durch Ermittlung des Internetprotokolls (IP-Adresse) die Identität mutmaßlicher Täter herausfinden. Klingt simpel, ist aber kompliziert, weil die Gesuchten oft und schnell Computer und Server wechseln. So verliert sich ihre Spur im digitalen Raum oft wieder.

Wie eine Autobahn ohne Tempolimit und Verkehrspolizei

Von Waffengleichheit sind die meisten deutschen Sicherheitsbehörden nach Einschätzung fast aller Experten weit entfernt.

Max-Peter Ratzel, von 2005 bis 2009 Direktor der europäischen Polizeibehörde in Den Haag (Europol), hält deshalb auch die Präsenz in sozialen Netzwerken wie Facebook für unverzichtbar. Deutschland sei im Unterschied zu anderen Ländern auf diesem Gebiet aber "schwach" vertreten, bedauerte Ratzel. Mit Präsenz meint der langjährige Europol-Direktor nicht nur die heimliche Ausforschung von Internet-Usern, sondern eigene Accounts bei Facebook oder Twitter. Diese Form der modernen Öffentlichkeit schaffe auch Vertrauen.

Max-Peter Ratzel (Foto: Europäischer Polizeikongress)
Fordert mehr sichtbare Polizei-Präsenz in sozialen Netzwerken: Max-Peter RatzelBild: Europäischer Polizeikongress

Als Vorreiter in Europa gelten Großbritannien, Belgien und die Niederlande. Nick Keane, Digital-Experte der britischen Polizei-Hochschule, verglich das Internet auf der Berliner Veranstaltung mit einer Autobahn ohne Tempolimit. Und wenn es dann keine Verkehrspolizei gebe, fühle man sich auf dieser Autobahn nicht gerade sicherer.

Fahndungserfolge dank sozialer Netzwerke

Wie nützlich und hilfreich Polizei-Accounts in sozialen Netzwerken auch für die Kriminalitätsbekämpfung außerhalb des digitalen Raums sein können, erläuterte der Polizeipräsident aus dem niedersächsischen Hannover, Axel Brockmann. Er berichtete von acht Straftaten, die mit Hilfe von Fahndungsaufrufen via Facebook aufgeklärt worden seien. Darunter waren Sexualdelikte, schwere Körperverletzungen und gewerbsmäßiger Diebstahl.

Die Polizei in Niedersachsen nutze Facebook aber auch zur Eigen- und Nachwuchswerbung, berichtete Brockmann. Eine Umfrage habe ergeben, dass 75 Prozent der Bewerber auf Ausbildungsplätze durch das weltweit größte soziale Netzwerk auf die zu vergebenden Stellen aufmerksam geworden seien. "Das Image der Polizei ist sehr, sehr positiv beeinflusst worden", sagte der Hannoveraner Polizeipräsident. "Die Polizei, dein Freund und Helfer", dieser Slogan aus alten analogen Zeiten scheint zuweilen auch im digitalen Internet zu funktionieren.