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Mut zur Jugend

Tobias Oelmaier
12. Juni 2017

Die Fußball-Bundesliga erlebt den Jugendstil. Etliche der neuen Trainer haben wenig Erfahrung im Profigeschäft und sind trotzdem bei vielen Vereinen - auch den großen Klubs - gefragt. Warum eigentlich?

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Fußball 1. Bundesliga 1899 Hoffenheim - Bayern München
Bild: picture-alliance/dpa/U. Anspach

Gerade erst am vergangenen Wochenende hat der chinesische Fußball-Erstligist Beijing Guoan die Verpflichtung von Roger Schmidt bekannt gegeben. "Roger Schmidt ist ein hervorstechendes Beispiel für aufstrebende deutsche Trainer", schrieb der neue Verein über den im Frühjahr in Leverkusen gefeuerten Schmidt. Ob sie da im fernen Peking dessen Lebenslauf nicht richtig studiert haben? Schmidt ist 50, von wegen aufstrebend. Oder kennen sie dort die Bundesliga gar nicht?

Aufstrebend, das heißt momentan hierzulande: um die Dreißig! Julian Nagelsmann hat sich binnen weniger Monate zur Ikone der Jungen auf den Trainerbänken gemausert. Mit 28 kurz mal die TSG Hoffenheim vor dem Abstieg gerettet und dann mit 29 in die Champions-League-Qualifikation geführt. Dazu Alexander Nouri, 37, in Bremen nicht nur beliebt, sondern auch im Rahmen der dortigen Möglichkeiten erfolgreich, Manuel Baum, der Augsburger, 37, oder Stuttgarts Aufstiegsheld Hannes Wolf, 36. Und seit Freitag verjüngt sich auch Schalke 04: Domenico Tedesco, 31, soll Königsblau zu neuem Glanz verhelfen.

Kein Platz mehr für Feuerwehrleute?

Was manchem Arrivierten Sorgenfalten macht. Peter Neururer, einst "Feuerwehrmann" und seit drei Jahren auf Jobsuche, formuliert das so: "Ich kenne Tedesco nicht, er hat zweifelsohne in Aue erfolgreiche Arbeit abgeliefert, aber wie will Manager Christian Heidel seine Qualität richtig einschätzen?", sagte er dem SID. "Keine Phrasen, alles hat Tiefe", lobt dagegen der gescholtene Heidel seine Neuerwerbung vom Zweitligisten Aue.

Frank Wormuth DFB Trainerausbilder
Frank Wormuth erkennt bei den jungen Trainern viele Inhalte wieder, die er ihnen in der Trainerausbildung vermitteltBild: Getty Images/Bongarts/M. Hitij

Frank Wormuth, Leiter der Fußballlehrerausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie des Deutschen Fußball-Bundes und Sportlicher Leiter Aus-, Fort-, Weiterbildung des DFB, freut es natürlich, dass seine Schützlinge so gefragt sind im Profifußball: "Um Ihnen aufzählen zu können, was sich in der Ausbildung alles verändert hat, müsste ich einen stundenlange Vortrag halten," sagte er der DW. "Natürlich bauen wir auf dem auf, was meine Vorgänger Gero Bisanz und Erich Rutemöller geleistet haben. Und wir hinterfragen uns ständig selbst und lassen uns hinterfragen. So hatten wir kürzlich die Unternehmensberatung McKinsey im Haus, und unsere Lehrgangsteilnehmer müssen immer am Ende in anonymen Fragebögen ihr Feedback geben."

Spieler mit ins Boot nehmen

Die Lehrpläne, so Wormuth, der selbst als Profi und als Amateur sowohl gespielt als auch trainiert hat, seien verschlankt worden, die Praktika verlängert. Die Dozenten der Hennes-Weisweiler-Akademie blicken auf viele Jahre Erfahrung sowohl in Theorie als auch in Praxis zurück. Externe Experten aus Wissenschaft und Praxis, etwa von der Deutschen Sporthochschule oder renommierte ehemalige Bundesligatrainer, vermitteln Hintergründe. Und vor allem wird den angehenden Fußballlehrern eingetrichtert, "die Spieler mitzunehmen".

Wormuth schmunzelt, als er erzählt, einige seiner Gedanken aus dem Mund von Domenico Tedesco wieder zu hören. Genau dann, wenn es darum geht, "die Spieler ins Boot zu holen, ihnen das Gefühl zu geben, an Entscheidungsprozessen beteiligt zu sein". Manchmal, so Wormuth, merke man "dass die jungen Trainer noch immer gebrandmarkt sind von uns, natürlich im positiven Sinne".

Die Trainerhelden der vergangenen Jahre und Jahrzehnte hätten dabei sehr wohl die Möglichkeit, sich weiterzubilden. 20 Unterrichtseinheiten innerhalb von drei Jahren muss ein Fußballlehrer nachweisen, damit seine Lizenz verlängert wird. Und Wormuth hat auch keinen Zweifel, dass Neururer und Co. auf dem aktuellen Stand der Lehre sind.

Geänderte Führungskultur

VfB Stuttgart - SpVgg Greuther Fürth Peter Neururer, Hannes Wolf
Altes und neues Eisen - Neururer (l.) und Wolf (r.)Bild: picture alliance/dpa/R.Rudel

Was ist also der Grund für den "Jugendwahn" in der Bundesliga? Für Wormuth gibt es da gleich mehrere Erklärungen - neben der immer besser werdenden Ausbildung: Die Vereine beschäftigten in ihren Jugendleistungszentren meist mehrere hauptamtliche Trainer, die von den Verantwortungsträgern der Klubs tagtäglich beobachtet werden könnten, erklärt der Chef-Ausbilder. Erwiesen sie sich als sozial kompetent, sprachlich kompetent und vor allem fachlich tauglich, dann sei es die naheliegendste Lösung, auf einen Mann aus den eigenen Reihen zurückzugreifen, wenn ein Trainerposten bei den Profis frei werde.

"Da laufen so viele gute Trainer draußen rum", sagt Wormuth, "man muss nur den Mut haben, sie zu verpflichten." Und es komme noch eine Veränderung in der Führungskultur allgemein hinzu: "Die Verantwortlichen setzen inzwischen mehr auf Inhalte als auf Namen."

Nun müssen sich nicht alle Trainer der Ü-40-Generation gleich grämen. Die Trainer der beiden Branchenführer der Bundesliga, Carlo Ancelotti (FC Bayern) und Peter Bosz (Borussia Dortmund) sind 58 beziehungsweise 53 Jahre alt - und haben nie die Hennes-Weisweiler-Akademie besucht. Es gibt ihn also noch, den Arbeitsplatz für Graumelierte!