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Nach dem Tsunami kamen die Touristen

22. Dezember 2009

Die Andamanen und Nikobaren gelten als eines der schönsten Inselgruppen überhaupt. Vor fünf Jahren wurden sie von dem Tsunami schwer getroffen. Dass viele Touristen die Inseln heute entdecken, ist eine der Folgen.

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Durch das Siedlungsgebiet der Jarawa führt jetzt eine Straße.Bild: AP

Kristallklares Wasser, dessen Blau in tausenden Farben die Sonne reflektiert, ein körniger weißer Sandstrand, saftige Palmen, die sich sanft im Wind wiegen – Radhanagar Beach auf Havelock Island gehört zu Recht zu den schönsten Stränden der Erde. Und das Beste ist: Es gibt kaum Touristen. Die wenigen Urlauber haben den Strand fast für sich. Dabei ist Radhanagar Beach nur eine von vielen Attraktionen der Andamanen und Nikobaren, sagt der 25-jährige Carsten Schiller aus Hamburg begeistert: “Um relaxen zu können, um die Sonne zu genießen, sind die Andamanen das Schönste, was man in Indien finden kann.“

Tsunami im Taucherparadies

Andamanen und Nikobaren Strand
Weiße Strände, blaues Meer und Palmen - Urlaubsparadies AndamanenBild: picture-alliance/ dpa

„Hier kann man wunderbar tauchen“, sagt ein finnischer Tourist. "Die Inseln sind ein wenig abgeschieden und quellen daher nicht so über von Touristen. Alles ist herrlich ruhig und still hier.“ Mohammad Jadwed war bis vor kurzem Vorsitzender der Handelskammer der Andamanen und Nikobaren. Heute ist er Besitzer einer Flotte von Schiffen, die er einsetzt, um Touristen zu den schönsten Flecken der Inseln zu bringen. Er ist sich sicher, dass der langsam wachsende Tourismus der Schlüssel ist, um Wohlstand auf die Inseln zu bringen. Eine Entwicklung, an deren Anfang die Katastrophe stand, wie er sagt: "Der Tsunami gehört sicherlich zu den schrecklichsten historischen Ereignissen gehört, die die Inseln jemals trafen. Und doch hatte die Katastrophe etwas Positives. Denn nach dem Tsunami rückten wir ins Bewußtsein der Menschen. Und diesen Vorteil müssen wir unbedingt ausnutzen. Wir müssen gezielt in das Marketing der Inseln einsteigen, um den Tourismus anzukurbeln.“

Hunderte Millionen Euro Investitionen

Erste Anzeichen für den Boom gab es schon vorher. Bis 2004 verbuchten die Inseln stetig steigende Touristenzahlen. Damals besuchten um die 150.000 Touristen aus Indien und dem Ausland die Inseln jährlich. Der Bau von großen Hotels war bereits geplant, dann kam der Tsunami. Nun, fünf Jahre später, scheint unaufhaltsam, was damals noch angedacht war. Die indische Luxushotelkette Taj will ein riesiges Ressort bauen. Der indischen Regierung liegt ein Investitionsplan über mehre hundert Millionen Euro vor, mit dem in den nächsten Jahren die Inseln erschlossen werden können. Die Zahl der Flüge vom indischen Festland wurde bereits verdoppelt, auch über die Öffnung des Flughafens der Provinzhauptstadt Port Blair für internationale Flüge wird nachgedacht. Für den Umweltaktivisten Samir Acharya sind derartige Überlegungen ein Graus. Acharya sieht vor allem die Stämme von Ureinwohnern bedroht- auch wenn es immer wieder heißt, dass nur wenige Inseln für den Tourismus erschlossen werden sollen und auf keinen Fall die Regionen und Inseln, auf denen die Stämme leben. "Natürlich brauchen wir den Tourismus hier auf den Inseln“, sagt er. "Aber den Tourismus zu missbrauchen, das ist falsch.“ Dass in den Plänen viel von Ökotourismus die Rede ist, beruhigt den Aktivisten nicht. "Heute gibt man einfach allem einen grünen Anstrich“, konstatiert er nüchtern.

Andamanen und Nikobaren
Fährhafen in Port Blair, der ProvinzhauptstadtBild: AP

Samir Acharya fürchtet nicht nur um die große Artenvielfalt der Inseln und die dichten Wälder. Er fragt sich, wem der Tourismus überhaupt etwas nützen wird. Den vielen Siedlern vom indischen Festland, die sich kontinuierlich auf den Inseln ansiedeln, oder der einheimischen Bevölkerung? Und inwieweit werden die Gewinne genutzt, um die Ureinwohner weiterhin zu schützen? Lassen sich die Touristen und die Gefahren für das fragile Ökosystem der Inseln überhaupt kontrollieren? Skeptisch machen ihn Erfahrungen wie jene, die das Volk der Jarawas machen musste. Die etwa 350 Jarawas bewohnen als einziger Stamm ein Reservat, durch das eine große Verbindungsstrasse geht. “Ihr Lebensstil, ihre Kultur – all dies begegnet immer öfter unserem Lebenstil, unserer Kultur“, sagt Shyami Sodhi, die auf den Inseln für die Ureinwohner zuständig ist. „Wir kommen einander immer näher. Da müssen wir aufpassen.“

Verlorenes Paradies

Bereits vor sechs Jahren hatte das oberste Gericht in Indien verfügt, dass genau diese Verbindungsstrasse gesperrt werden müsse. Dies ist bis heute nicht geschehen. Immer wieder ist sogar zu hören, dass Touristen für viel Geld von geschäftstüchtigen Insulanern in die Nähe der Jarawas gefahren werden. Foto gegen Kekse oder andere für die Jarawas unbekannte Lebensmittel, das ist der neue Sport. Noch sind dies vereinzelte Vorfälle. Doch viele haben Angst, dass in ein paar Jahren von dem Paradies auf Erden - als das die Andamanen und Nikobaren gelten - nichts mehr übrig sein wird.

Autorin: Priya Esselborn
Redaktion: Mathias Bölinger