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Verse für den Präsidenten

Marlis Schaum19. Januar 2009

Nein, so platt wird das Gedicht nicht sein, das Elizabeth Alexander bei der Amtseinführung von Barack Obama am Dienstag vortragen wird. Immerhin werden Millionen Menschen zuhören – nur, warum überhaupt ein Gedicht?

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Porträtfoto vo Elizabeth Alexander zu Hause in Cambrige, Massachussetts
Elizabeth Alexander zu Hause in MassachussettsBild: picture-alliance/ dpa

Es war eine Herausforderung. Obwohl Elizabeth Alexander schon 46 Jahre alt ist, bereits fünf Gedichtbände veröffentlicht hat, einmal für den Pulitzer Preis nominiert war und an der Universität Yale unterrichtet - ein Gedicht für die Amtseinführung Barack Obamas zu schreiben, war aufregend.

Vorwahlen South Carolina Barack Obama, Michelle Obama 2008
Auf zur Inauguration!Bild: AP

"Das Gedicht zur Amtseinführung ist ein Gedicht für einen bestimmten Anlass, es ist für den Moment gemacht", sagte Elizabeth Alexander in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN. Und genau das sei anspruchsvoll. "Etwas zu schreiben, das in dem Moment, an diesem speziellen Tag, Sinn macht. Aber natürlich hoffe ich, dass ich eine Sprache finde, die noch nachklingt, wenn der Tag vorbei ist."

Zeichen für eine neue Politik

Es ist erst das vierte "inaugural poem" zur Amtseinführung eines Präsidenten in der Geschichte der USA. John F. Kennedy hat 1961 damit begonnen, Bill Clinton hat die Geste 1993 und 1997 aufgegriffen, und 2009 zieht Barack Obama nach. Alle drei sind Demokraten.

John F. Kennedy
John F. Kennedy, der 35. US-PräsidentBild: APTN

"Es sind ja interessanterweise die bislang intellektuellsten Präsidenten, die diese Entscheidung getroffen haben“, sagt Catrin Gersdorf, Amerikanistin der Freien Universität Berlin. Zwar seien die drei recht unterschiedliche Persönlichkeiten, dabei aber alle sprachlich sehr sensibel und rhetorisch versiert. "Kein Wunder, dass da Dichter eingeladen werden, um bei der Inauguration zu sprechen."

Obama zeige damit, dass ihm der Zusammenhang von Sprache und Politik sehr deutlich sei und setze ein Zeichen, dass jetzt eine andere Kultur die Politik bestimme, als es die vergangenen acht Jahre der Fall gewesen sei. Bis Dienstag weiß allerdings niemand, was Elizabeth Alexander geschrieben hat. "Ich werde es vorher nur meinem Mann zeigen. Er ist mein erster, letzter und bester Kritiker", sagte sie CNN.

Gespür für Ironie und Widersprüche

Robert Lee Frost
Robert Lee FrostBild: picture-alliance / akg-images

1961 lud John F. Kennedy den gestandenen Dichter Robert Frost zu seiner Inauguration ein. Kennedy hatte sich das Gedicht "The Gift Outright" ausgesucht. Frost schrieb dennoch ein neues mit dem Titel "Dedication". Er hatte aber keine Zeit mehr, es auswendig zu lernen. Und als er es vortragen wollte, soll ihn die Sonne so geblendet haben, dass er seine Zeilen nicht mehr lesen konnte. Also hat er auf "The Gift Outright" zurück gegriffen. "Zum Glück", sagt Catrin Gersdorf, "das neue war doch ziemlich schmalzig."

1993 schrieb dann die afro-amerikanische Schriftstellerin und Menschenrechtlerin Maya Angelou ein lyrisches Werk für Bill Clinton mit dem Titel "On the Pulse of Morning."

Maya Angelou
Maya AngelouBild: AP

Für diesen Vortrag bekam sie nachher sogar einen Grammy. Bill Clinton nannte sie seine Lieblingsdichterin, wählte aber 1997 Miller Williams für das Gedicht zu seiner zweiten Amtseinführung.

Barack Obama hat keine Erklärung abgegeben, warum er Elizabeth Alexander ausgewählt hat. Sie hat sich in ihren Gedichten und Essays bisher überwiegend mit sozialen Problemen beschäftigt und habe, so die Amerikanistin Catrin Gersdorf, "Sinn und Gespür für die Ironien und Widersprüche in der amerikanischen Kultur."

Ein effektiver Redner

Obama und Alexander kennen sich aus den Zeiten, als sie beide Anfang 30 waren und an der Universität von Chicago unterrichtet haben. "Wir gehörten zu einer Gruppe von Leuten, die darüber nachgedacht haben, wie sie in der Gesellschaft etwas verändern und verbessern können", so Elizabeth Alexander zu CNN.

The Queen of Soul, Aretha Franklin
Auch sie wird für Obama auf der Bühne stehen: Aretha FranklinBild: picture-alliance / dpa

Sie will am Dienstag ein kurzes Werk vortragen. Viel wichtiger sei ja das, was der Präsident selbst zu sagen habe. "Obama geht mit Sprache sehr vorsichtig um", so Alexander in einem Interview mit dem amerikanischen Magazin „Poetry“, "er hat seine Worte immer schon ungewöhnlich präzise und vorsichtig gewählt. Er weiß, wie man Form und Funktion verbindet und ist deshalb ein sehr effektiver Redner."

Außerdem wird sie nicht alleine auf der Bühne sein. Sie selbst freut sich vor allem auf die Sängerin Aretha Franklin, die ebenfalls bei der Zeremonie auftreten wird. "Können Sie sich das vorstellen? Ich werde sie aus nächster Nähe hören. Das wird mein Geschenk des Jahres."