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Ohne Strohhalm geht's auch

Brigitte Osterath
7. Oktober 2017

Kurz geschlürft - dann weggeworfen: Einmal-Trinkhalme aus Plastik sind eine Umweltsünde und eine Gefahr für unsere Meere, meinen Anhänger der Initiative #StopSucking. Sie fordern: Schluss mit der Saugerei!

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Symbolbild Lippen Strohhalm
Bild: Colourbox/C. Boswell

Diese Initiative scheint bestimmte Softwareprogramme ganz schön zu verwirren - und zwar solche, die uns vor anstößigen Inhalten schützen wollen. Wer die Twitter-Seite von @LonelyWhale besuchen möchte, bekommt - je nach Voreinstellungen - eine Warnung angezeigt: "Dieses Profil enthält potenziell sensible Inhalte. Möchtest Du es trotzdem ansehen?"

Tja, zu häufiges Benutzen des Worts 'Sucking' auf einer Webseite ist halt verdächtig. Dabei hat die Stiftung 'Lonely Whale' ein ganz und gar unanrüchiges Ziel: Unter dem Hashtag #StopSucking ('Hört mit dem Saugen auf') plädiert sie dafür, weniger Einmal-Plastik-Strohhalme zu benutzen.

"Jedes Jahr gelangen 10 Millionen Tonnen Plastik ins Meer", sagt Adrian Grenier, Mitgründer der Stiftung. "Plastikstrohhalme sind zwar nur ein kleiner Teil davon - aber sie sind ein guter Anfang, etwas zu verändern." Er verweist darauf, dass angeblich allein in den USA jeden Tag 500 Millionen Plastikstrohhalme benutzt werden.

Wenn solche Halme im Meer landen, können sie beispielsweise Meerestieren gefährlich werden. So sorgte vor kurzem ein Video auf YouTube für Aufsehen, das zeigt, wie Umweltschützer einer Meeresschildkröte unter viel Blut einen Strohhalm aus der Nase ziehen, der sich dort festgesetzt hatte.

Zur Gewohnheit werden

"Wir alle saugen jeden Tag an Wegwerf-Kunststoffhalmen - im Durchschnitt benutzt jeder von uns zwei pro Tag", sagt Adrian Grenier. Auf der von der EU ausgerichteten Meeresschutzkonferenz "Our Ocean", die diese Woche auf Malta stattfindet, präsentierte er die #StopSucking-Initiative. Am Ende seiner Rede forderte er die Delegierten aus aller Welt dazu auf, aufzustehen und zu geloben, in Zukunft keine Plastikhalme mehr zu benutzen.

"Wir bitten die Leute, nur eine Kleinigkeit zu ändern - und das dann zur Gewohnheit werden zu lassen", sagt Grenier. So wie jemand, der eine Cola bestellt, unter Umständen "ohne Eis" hinzufügt oder seinen Kaffee automatisch "ohne Milch und Zucker" möchte, so sollen Menschen bei jedem Getränk, das sie bestellen, einfach sagen: "ohne Strohhalm, bitte."

Lonely Whale ist nicht die einzige Organisation, die in den kleinen langen Plastikröhrchen ein Problem sieht. Die Kampagne "The Last Straw" beispielsweise fordert Veranstaltungsorte in Australien auf, auf Strohhalme zu verzichten, und die Initiative "Last Plastic Straw" in den USA demonstriert anhand von Strohhalmen, wie absurd Einmalplastik ganz allgemein ist.

Kurze Geschichte vom Strohhalm

Umweltschützer verweisen darauf, dass Strohhalme "total überflüssig" sind.

Aber nicht jeder mag vielleicht auf die liebgewonnene Gewohnheit, an seinem Strohhalm zu nuckeln, verzichten. Vor allem, da Strohhalme quasi eine Tradition der Menschheit sind und schon mehrere tausend Jahre alt.

Historiker datieren den Gebrauch von Strohhalmen zurück auf das dritte Jahrtausend vor Christus. Allem Anschein nach haben bereits die Sumerer in Mesopotamien Trinkhalme für ihr Bier benutzt. "Wenn man ungefiltertes Bier trinkt, war ein Strohhalm vermutlich nötig, um die Schichten aus Hülsen und Hefe zu durchstoßen, die auf der Oberfläche schwammen", schreiben die Historikerin Mary Voigt und der Anthropologe Solomon Katz.

Damals waren Trinkhalme natürlich nicht aus Plastik. Die meisten bestanden vermutlich aus Schilfrohr. Forscher fanden aber auch Trinkhalme aus purem Gold, womit vermutlich die Reichen von damals ihr Bier genossen haben.

Erst im 19. Jahrhundert entstand die heutige, moderne Form des Strohhalms. Es heißt, die Idee dazu habe ein Bürger aus Washington DC gehabt, als er einen Cocktail schlürfte. Bis in die 1960er Jahre bestanden Trinkhalme aus Papier, danach begann der Siegeszug des Plastiks.

Es gibt Alternativen

Heutzutage wird Bier gefiltert, eigentlich braucht man also keine Strohhalme mehr. Von Ausnahmen mal abgesehen: Eine Schauspielerin, die für die Bühne geschminkt ist und dann Durst bekommt, kann mit einem Trinkhalm ihr Lippen-Make-Up schützen und sich ein erneutes Schminken ersparen.

Aber das ist kein Problem, stellt Lonely Whale auf seiner Webseite klar: "Wir sind nicht gegen Strohhalme allgemein, wir sind nur gegen Einmalplastik." Es gebe ozeanfreundliche Alternativen, etwa Halme aus Metall, Glas oder eben die guten alten Halme aus Papier.

In Kamboscha entwickelte ein Umweltschützer jetzt biologisch abbaubare Halme aus Bambus.

Strawless in Seattle

Auf der Meeresschutzkonferenz in Malta stellt Adrian Grenier klar, dass die #StopSucking-Initiative "einen kleinen messbaren Erfolg" erreichen wolle. "Es geht nicht darum, alles sofort zu tun."

Letzten Monat hatte sich die Initiative zum Ziel gesetzt, den Strohhalmgebrauch in Seattle an der Westküste der USA einzudämmen. Sie überredete hunderte Restaurants und Bars sowie zwei Sportstadien, auf Trinkhalme entweder völlig zu verzichten oder zumindest auf solche aus Papier umzusteigen. "Insgesamt haben wir zwei Millionen Halme gespart", sagt Grenier. "Und das von jetzt an für jeden Monat." Ihr Ziel sind 60 Millionen gesparte Trinkhalme jedes Jahr - alleine in Seattle.

Letzten Endes sei die Anti-Strohhalm-Initiative nur ein Beispiel dafür, "wie wir unseren Lebensstil ändern können und die Art, wie wir leben wollen", sagt Grenier. Verglichen mit so vielen anderen Opfern, die Umweltschützer von uns fordern, mag das Verzichten auf einen Strohhalm tatsächlich kaum weh tun.

Das Interview mit Adrian Grenier hat One Ocean FM durchgeführt.