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Pillen in der Mogelpackung

Monika Lohmüller22. Januar 2004

Immer mehr Arzneimittel werden gefälscht. Die Bandbreite reicht von nachgemachten Packungen bis hin zu geänderten Wirkstoffen. Dabei sind Industrienationen vermehrt ein lukrativer Markt für Fälscher.

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Fälschungen sind oft täuschend echtBild: Bilderbox

Weltweit werden immer mehr Arzneimittel nachgeahmt. Für Patienten kann dies im Extremfall tödlich enden. Wie 1990 in Nigeria, als über 100 Kinder an einem Hustensaft starben, der mit giftigem Lösungsmittel versetzt wurde. Die Weltgesundheitsorganisation WHO registrierte zwischen 1982 und 1999 weltweit über 770 Arzneimittelfälschungen, 70 Prozent davon in den Entwicklungsländern.

Doch auch Industrieländer sind immer mehr im Visier der Fälscher. Allerdings muss ein gefälschtes Medikament, das in einer deutschen Apotheke landet, schon ein ziemlich "perfektes Plagiat" sein. So sieht es Richard Karl Mörbel, Kriminaldirektor beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, seit Jahren auf der Spur der meist international agierenden Täter. Denn an diesem Arzneimittel ist dann nicht nur der Inhalt nachgemacht, sondern die Verpackung, der Beipackzettel, der Blisterstreifen - einfach alles. "Wer eine Totalfälschung eines Medikamentes macht, der muss schon ein ganz tolles Equipment haben", sagt Mörbel.

Geldgier als Motiv

Ganz gleich, ob Medikamente umverpackt oder im großen Stil gefälscht oder vertrieben werden, das Motiv ist immer das selbe: Geldgier. Nach gegenwärtiger deutscher Rechtslage handelt es sich um Produktpiraterie, die bereits strafbar ist. Seit Jahren drängt das Bundeskriminalamt aber darauf, die Strafen zu verschärfen. Denn in jedem Falle kommen Menschen zu Schaden. Ein neues Gesetz steht nun kurz vor der Verabschiedung. Danach werden künftig Gefängnisstrafen je nach Schwere bis zu zehn Jahren verhängt werden können.

Ein Drittel aller Plagiate landet nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mittlerweile in Industrienationen. Am stärksten betroffen bleiben aber nach wie vor Afrika und Südostasien, besonders schlimm ist der Missbrauch bei Tuberkulose, Malaria und Aids. "Wir stellen immer wieder fest, dass ein ganz erheblicher Teil der Medikamente, die eigentlich Hilfsbedürftige in Afrika, in Südafrika erreichen sollten, nicht nach Südafrika letztlich oder an den Endverbraucher gelangt sind, sondern abgefangen, umverpackt und nach Europa gebracht und hier verkauft werden", sagt Mörbel

Medikamente ohne Wirkstoff

Gefälscht werde alles, berichtet Mörbel, der Schaden sei schwer zu beziffern, aber er gehe schon in die Milliarden Euro. Versuche, an dem lukrativen Markt des illegalen Medikamentenhandels teilzuhaben, habe es immer schon gegeben. Dass aber organisierte Banden Arzneien mit großem Aufwand selbst herstellten, das sei erst Anfang der 90er Jahre zu beobachten gewesen, sagt Mörbel. 1996 seien zum ersten Mal in Deutschland gefälschte Medikamente aufgetaucht:

Nach Berechnungen der WHO sind unter den weltweit gefälschten Arzneimitteln etwa 60 Prozent, die überhaupt keinen Wirkstoff enthalten, in rund 16 Prozent ist ein falscher Wirkstoff drin, in etwa 17 Prozent eine falsche Dosierung enthalten und nur sieben Prozent sind dann die "perfekten Imitate". Einen "perfekten" Schutz wird es wohl gegen Fälschungen nicht geben. Aber viele Pharmaunternehmen haben bereits Vorkehrungen getroffen. So werden beispielsweise Hologramme oder spezielle Codierstreifen auf hochpreisige Medikamente geklebt. "Es ist nur die Frage, wie viel will der Hersteller da investieren. Investiert er es, muß er es auf den Preis aufschlagen", sagt Mörbel. Die Sicherheit der Verbraucher, das richtige Medikament zu schlucken, die kostet dann noch zusätzlich.