Deutschland

Potsdamer Konferenz entscheidet Neuordnung Deutschlands

Sommer 1945: Gebannt blickt die Weltöffentlichkeit auf ein Schloss in der Nähe von Berlin. Dort beraten die drei mächtigsten Männer dieser Zeit über die Zukunft des besiegten Deutschlands und die Neuordnung Europas.

Der britische Premierminister Winston Churchill, der amerikanische Präsident Harry S. Truman und der sowjetische Diktator Josef Stalin reichen sich während der Postdamer Konferenz vor Schloß Cecilienhof die Hände - Foto: picture alliance

Es war ein sonniger Nachmittag vor genau 70 Jahren als die Limousinen der Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition im Innenhof des Potsdamer Schlosses Cecilienhof vorfuhren. In dem Gebäude im Stil eines englischen Landhauses schienen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs weit weg zu sein. Am 8. Mai 1945 erst war der Krieg in Europa mit der Kapitulation Deutschlands zu Ende gegangen war. Nun ging es im Cecilienhof ab dem 17. Juli um den Umgang mit dem düsteren Erbe der Nazi-Herrschaft.

Vernichtung deutscher Kriegsindustrie

US-Präsident Harry Truman, Großbritanniens Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Staats- und Parteichef Josef Stalin wollten symbolhaft auf deutschem Boden die neue Friedensordnung regeln. Es sollten die Reparationszahlungen sowie die politischen und wirtschaftlichen Grundsätze festgelegt werden. Hinter allem standen die grundsätzlichen Fragen, wie man mit einem Land verfährt, das unsägliches Leid in die Welt gebracht hatte und welche Eigeninteressen die jeweilige Siegermacht verfolgt.

Im US-Rundfunk sagte Präsident Truman später, dass in Potsdam Vereinbarungen getroffen worden seien, "um den Nazismus zu vernichten und mit ihm die Kriegsindustrie, die Streitkräfte einschließlich des Generalstabes und seiner militaristischen Tradition." Wichtigstes Ziel der Reparationen sei es, alles aus Deutschland herauszuholen, "was der Vorbereitung eines neuen Krieges dienen könnte".

Potsdamer Konferenz - Foto: Bundesarchiv

Konferenz in der Empfangshalle des Schlosses Cecilienhof: 17 Tage Verhandlungen

Um 17 Uhr begannen die Verhandlungen der sogenannten Großen Drei in der holzgetäfelten Empfangshalle des Cecilienhofes. Die Delegationen nahmen an einen riesigen Rundtisch Platz, den die Sowjets für das Treffen extra angefertigt und aus Moskau angeliefert hatten. Bereits zu Anfang kamen die Gespräche ins Stocken. Winston Churchill wollte wissen, was man genau unter Deutschland zu verstehen habe?

Er spielte auf die geografische und politische Einordnung des Territoriums an. Ein zentrales Thema. Es ging nicht nur um das Interesse der Alliierten, das deutsche Gebiet möglichst klein zu halten - also mindestens ein Deutschland vor den Eroberungsfeldzügen Hitlers - sondern auch darum, wie groß die Besatzungszone der jeweiligen Siegermacht und damit der eigene Einfluss im Zentrum West-Europas ausfällt.

Tauziehen um Grenzen Deutschlands

Es entwickelte sich ein Gespräch, das nach amerikanischen Protokollen und einem russischen Text rekonstruiert werden konnte. Truman wollte oder konnte Churchills Frage zur Bedeutung Deutschlands zunächst nicht beantworten. Vielleicht war er überrascht; vielleicht wollte er nur Zeit für eine fundierte Antwort gewinnen. Jedenfalls wandte sich der US-Präsident an Stalin.

Truman: "Was versteht die sowjetische Delegation darunter?"

Stalin: "Deutschland ist das, was nach dem Kriege daraus geworden ist. Ein anderes Deutschland gibt es nicht. Österreich zum Beispiel ist jetzt nicht mehr ein Teil Deutschlands."

Truman: "Warum sagen wir nicht: das Deutschland von 1937?"

Stalin: "Abzüglich dessen, was es 1945 verloren hat."

Truman: "Es hat 1945 alles verloren." (Hier fügt das russische Protokoll hinzu: "Deutschland existiert jetzt faktisch nicht.")

Stalin: "Deutschland ist, wie man uns sagt, ein geografischer Begriff. Man kann unmöglich über die Ergebnisse des Krieges hinwegsehen."

Truman: "Aber wir brauchen eine Linie, von der wir ausgehen können."

(...)

Truman: "Ich habe das Deutschland von 1937 vorgeschlagen."

Beginn des Machtpokers

Die Konferenzteilnehmer einigten sich auf Trumans Vorschlag. Im Zuge dessen beschlossen sie, Deutschland in die Reparationszonen West und Ost aufzuteilen. Zugleich bestätigten sie die Autonomie der Besatzungsgebiete. Frankreich bekam eine eigene Besatzunszone zugesprochen. Faktisch hatte Deutschland seine geografische, politische und wirtschaftliche Einheit verloren. Aus den Reparationszonen entstanden später die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik. Damit markierte Potsdam auch den Beginn des Machtpokers zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, der in wenigen Jahren im Kalten Krieg gipfelte.

Blick auf den Innenhof des Schloss Cecilienhof in Potsdam - Foto: Jan Woitas (dpa)

Schloss Cecilienhof: Im Stil eines englischen Landhauses erbaut

Die Verhandlungen dauerten bis zum 2. August mit der Verabschiedung der Potsdamer Erklärung. Darin hatten sich die Großen Drei unter anderem auf die Westverschiebung Polens an die Oder/Neiße-Grenze geeinigt. Polen sollte für Gebiete entschädigt werden, die es unter Zwang an die Sowjetunion abgetreten hatte. Nur grob wurden die Reparationszahlungen festgehalten. Es gab dafür kein gemeinsames Verfahren. Jede Besatzungsmacht sollte ihre Reparationsansprüche aus der eigenen Zone abdecken. Die Höhe der deutschen Zahlungen wurde nicht festgelegt. Außerdem vereinbarten die Regierungschefs die Ausweisung deutscher Bevölkerungsteile in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn.

Letztlich markiert Potsdam einen Wendepunkt internationaler Geschichte. Das Deutsche Reich war zerbrochen, die Koalition der alliierten Weltmächte begann zu zerfasern. Zudem wurde der charismatische Premierminister Churchill in der Mitte der Verhandlungen vom Labour-Führer Clement Attlee abgelöst, der die ersten britischen Nachkriegswahlen gewonnen hatte. Und der außenpolitisch unerfahrene US-Präsident Truman, der auf den im April verstorbenen Franklin D. Roosevelt gefolgt war, gab noch während der Konferenz den Befehl zum ersten Atombombenabwurf.

Chance für Rückkehr in Weltgemeinschaft

Und die Bedeutung des Treffens für Deutschland? Auch wenn im Cecilienhof eher die Bestrafung des Kriegs-Aggressors im Mittelpunkt stand, so ging von der Konferenz doch ein Signal der Hoffnung aus. Frühere Vorschläge, wonach die Deutschen versklavt oder zu einem Volk von Ackerbauern gemacht werden sollten, wurden nicht diskutiert. Die Tür für eine Rückkehr Deutschlands in die internationale Gemeinschaft blieb ein Stück weit offen. Nicht zuletzt weil die USA frühzeitig die strategische Bedeutung Westdeutschlands angesichts einer sich ausdehnenden Sowjetunion erkannten.

Als Truman nach der Konferenz von Berlin aus nach Washington zurückgeflogen war, erklärte er einer Radio-Ansprache, dass er aus einer Stadt komme, "von der aus die Deutschen die Welt beherrschen wollten." Es sei eine Geisterstadt. Die Gebäude lägen am Boden, die Wirtschaft und die Menschen seien am Boden. "Wir werden tun, was wir können, damit Deutschland wieder eine anständige Nation wird. Damit es schlussendlich seinen Weg aus dem wirtschaftlichen Chaos, in das es sich selbst brachte, zurück zu seinem Platz in der zivilisierten Welt findet."

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