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Rau in Rente

Judith Hartl30. Juni 2004

Trommelwirbel, Fackeln, Fanfaren: Über 350 Bundeswehrsoldaten verabschiedeten Johannes Rau mit einem Großen Zapfenstreich. Nach fünf Jahren als Bundespräsident verlässt der 73-jährige Schloss Bellevue: Eine Bilanz.

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Rau kann auf eine erfolgreiche Amtszeit zurückblickenBild: AP
Angeleuchtetes Schloss Bellevue, Zapfenstreich von Bundespräsident Johannes Rau
Feierlicher Abschied im Schloss BellevueBild: AP

Über 80 Prozent der Deutschen waren mit Bundespräsident Johannes Rau sehr zufrieden. Die meisten wünschten sich sogar eine zweite Amtszeit. Das war anfangs nicht so. Als er vor fünf Jahren gewählt wurde, hieß es, Rau habe ausgedient, sei ausgebrannt. Doch die meisten Kritiker und Skeptiker von einst sind verstummt, sagt sein Sprecher Klaus Schrotthofer. Rau habe das Bild eines modernen, weltoffenen, demokratischen Deutschland vermittelt. "Er hat das so glaubwürdig getan, dass er an Orten, wo dies vielleicht nicht selbstverständlich war, oder wo es Vorbehalte aus der Geschichte gab, tatsächlich Veränderungen herbeigeführt hat."

Das Unmögliche tun

So durfte Johannes Rau im Februar 2000 als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor dem israelischen Parlament, der Knesset sprechen. Und das in der Sprache der Täter - in Deutsch. Einige Abgeordnete verließen daraufhin sogar den Saal. Mit seinen Eingangssätzen, in denen er sich für sein Land entschuldigte, konnte er einige von ihnen umstimmen: "Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte. Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben." Damit hatte er nahezu Undenkbares geschafft.

Versöhnen statt spalten

Johannes Rau will Brücken bauen zwischen den Menschen und den Kulturen. Sein Motto: versöhnen statt spalten. In Deutschland hat er sich von Anfang an für ein gutes Zusammenleben zwischen Deutschen und Migranten eingesetzt. Das Thema Zuwanderung war Schwerpunkt seiner ersten Berliner Rede im Mai 2000 - aufgerüttelt hatte er damals niemanden. Das, was er sagte, war breiter Konsens. In seiner letzten Berliner Rede dagegen - im Mai 2004 - bezog er Stellung und übte deutliche Kritik an Politikern und den deutschen Eliten: Er wisse kein Land, sagte Rau "in dem so viele Verantwortliche und Funktionsträger mit so großer Lust so schlecht, so negativ über das eigene Land sprechen, wie das in Deutschland geschieht."

Johannes Rau war ein politischer Bundespräsident, für viele der politischste überhaupt. Er bezog Stellung zu Menschenrechtsfragen in China, äußerte Zweifel über den EU-Beitritt der Türkei, sprach sich gegen ein generelles Kopftuch-Verbot aus und widersprach sogar dem Kanzler in Sachen Gentechnik.

Für jede Situation einen Witz

Doch bei allem Ernst: Johannes Rau verlor nie seinen Humor und seine Gemütlichkeit, meint Klaus Schrotthofer, der den Präsidenten auf den meisten seiner fast 80 Auslandsreisen begleitet hat: "Er hat einen verblüffend großen Schatz an Geschichten, Anekdoten, manchmal auch Witzen parat. Er nutzt das manchmal sehr gezielt, um steife Situationen aufzulockern."

Doch es bleibt nicht verborgen, dass Johannes Rau der Abschied schwer fällt. Gerade in der letzten Phase hat ihm sein Amt mehr und mehr Spaß gemacht. Es sei gut gewesen, dass er in der letzten Zeit einen so vollen Terminkalender gehabt habe, sagt Schrotthofer. Da blieb fast keine Zeit für Wehmut.