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Raues Klima für Windenergie

Jens Thurau 31. August 2003

Bei der Förderung der Windenergie ist Deutschland international führend: Rund ein Drittel des weltweit produzierten Windstroms kommt aus deutschen Anlagen. Doch jetzt bekommt die junge Branche Gegenwind aus der Politik.

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Bislang stark gefördert: <br>Windenergie in DeutschlandBild: AP

Das Treffen hatte Symbolcharakter: Vor gut zwei Wochen speisten die Chefs der vier wichtigsten deutschen Energiekonzerne mit Gerhard Schröder zu Abend. Mit dabei: Wirtschaftminister Wolfgang Clement. Nicht dabei: Umweltminister Jürgen Trittin.

Gesprochen wurde an diesem warmen Abend im Kanzleramt über die Energiepolitik der Zukunft. Da würden Vorfestlegungen getroffen - für ein Wiedererstarken des Energieträgers Kohle, gegen die sanften Energie wie Sonne und Wind, argwöhnten Umweltverbände. Der Bundestag werde übergangen, befürchteten Parlamentarier. "Das ist wirklich keine Frage, die ernsthafter Überlegungen bedarf", widersprach Kanzler Schröder. "Ein Abendessen beim Bundeskanzler mit Wirtschaftsführern, das muss gehen, ohne dass man fragt."

Föderung stößt an Grenzen

Tatsächlich wettert speziell Wolfgang Clement seitdem gegen die Windenergie. Die Förderung durch Rot-Grün - ein Lieblingsprojekt von Trittin - stoße jetzt an die Grenzen. Ein Ersatz der Kohle durch die Wind sei undenkbar, die Subventionen für die Branche gehörten zurechtgestutzt. Hier und da stünden Windräder an Orten, an denen gar kein Wind wehe. Vor allem dieser Vorwurf erregt Peter Ahmels, der Präsident des Bundesverbandes Windenergie: "Es ist nur natürlich, dass Windanlagen auch dort gebaut werden, wo auch Wind weht. Das Risiko liegt einzig und allein beim Investor. Wenn der Wirtschaftsminister der Branche Abzocke vorwirft, zugleich aber das Füllhorn der Subventionen über die Kohle auswirft, dann scheint das Augenmaß verloren zu sein."

Das sind ungewohnte Töne der Windenergiebetreiber. Denn unter der rot-grünen Regierung erlebte die Branche einen vorher undenkbaren Boom. Die Zahlen sind beeindruckend: Über 14.000 Windanlagen stehen derzeit in Deutschland - das ist Weltrekord. Ein Drittel des weltweit produzierten Windstroms kommt aus Deutschland. 46.000 Menschen arbeiten in der Branche, Tendenz steil steigend.

Vor noch fünfzehn Jahren waren Windanlagenbetreiber Außenseiter, 2002 wurden fast 1,5 Milliarden Euro umgesetzt. Die Entwicklung ist rasant, betont Knut Rehfeld vom Bundesverband Windenergie: "Die Anlagen selbst sind seit 1990 um das Zehnfache vergrößert worden. Dass heißt, die durchschnittliche Leistung von 160 Kilowatt im Jahre 1990 ist auf 1600 Kilowatt im Jahre 2003 angestiegen."

Weiterer Quantensprung

Und ausgerechnet jetzt kommt leichter Gegenwind aus der Politik. Zahlreiche konventionelle Kraftwerke in Deutschland müssen in den nächsten Jahren erneuert werden, es geht um Milliarden-Investitionen und um Zukunftsanteile am Energiemarkt. Noch beträgt der Anteil der Windenergie am Nettostromverbrauch gerade einmal fünf Prozent.

Aber Deutschland will aus der Kernkraft aussteigen und die ehrgeizigen Klimaschutzziele erreichen - weniger Kohlendioxid also. Da fürchtet die traditionelle Energiewirtschaft, Einfluss zu verlieren. Die Windenergie steht vor dem nächsten Quantensprung. Schon sind die ersten Anlagen auf hoher See genehmigt - so genannte Off-Shore-Parks mit bis zu hundert Windrädern und der Gesamtleistung eines Kernkraftwerks.

Derzeit bekommen Betreiber von Windanlagen rund neun Cent pro Kilowattstunde. Der Markt-Strompreis liegt bei etwa 2,5 Cent. Der höhere Einspeiselohn für den Windstrom wird auf den Stromkunden umgelegt - eine Subvention. Im Gesetz ist die Verringerung der Förderung auf 6,6 Cent bis 2010 vorgesehen. Jetzt will Trittin der Kritik am Vorrang für den Wind zuvorkommen und den Festpreis bis auf 5,8 Cent senken.

Noch aber ist die Branche kaum fähig, mit solchen Preisen zu kalkulieren. Und die Off-Shore-Anlagen stehen mittlerweile bei einigen Umweltverbänden in der Kritik. Die Einflüsse der riesigen Türme auf Vogelflug und Meeresströme sind ebenso ungeklärt wie die Frage, wie die dann alten Türme in zwanzig oder dreißig Jahren entsorgt werden - wird man sie gar im Meer versenken? Schon sind Klagen gegen das erste Projekt westlich von Sylt anhängig, dabei soll es erst 2005 realisiert werden. Das Klima wird rauer für die Windenergie.