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Politik

Rechtspopulist und Muslim: Der Mann, der beides sein will

Kay-Alexander Scholz
11. Februar 2018

Ein Russlanddeutscher, der AfD-Politiker ist und aus tiefer Überzeugung zum Islam konvertiert, sorgt für Schlagzeilen. Arthur Wagner - wer ist dieser Mann? DW-Reporter Kay-Alexander Scholz hat ihn getroffen.

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DW Shabab Talk |  Arthur Wagner (AfD)
Bild: DW

Obwohl er erst seit zehn Tagen Erfahrungen mit Medien hat, merkt man Arthur Wagner nicht an, dass er gerade eine anstrengende einstündige TV-Sendung hinter sich hat. Er, der Politiker der rechtspopulistischen Partei "Alternative für Deutschland" (AfD), der zum Islam konvertiert ist und damit in Deutschland für Schlagzeilen sorgt, war Gast in der arabischen Talk-Sendung "Shabab-Talk" der Deutschen Welle. Nein, er wolle sich nicht abschminken, das finde seine Frau sicherlich ganz lustig, sagt er, nimmt seinen schwarzen Wollmantel, den schwarzen Hut und lässt sich auf ein Gespräch bei schwarzem Kaffee und einem Schoko-Cookie ein. Schon auf dem Weg dahin piept sein Smartphone ständig. Das bleibt auch beim Gespräch so. Der "Spiegel", das ZDF, sogar die "Washington Post", so viele würden über ihn berichten wollen, sagt er.

Ein Politiker der islamfeindlichen AfD, der Muslim werden will - wie passt denn das zusammen? Seine Lebensgeschichte habe ihn schon früh in eine Außenseiterrolle gedrängt, erzählt Wagner, der in wenigen Tagen 49 Jahre alt wird. Er ist als Russlanddeutscher im Ural aufgewachsen. "Wir waren Aussätzige", erzählt er. Sein Abitur habe er auf einer Schule gemacht, auf der auch viele Kinder von Parteikadern, wie die Tochter von Boris Jelzin, waren. Als Deutscher galt man dort "noch weniger als ein Jude", erzählt er. Dabei sei er doch "durch und durch Sowjet" gewesen. "Ich hatte die falschen Eltern und den falschen Namen - das hat mich schon früh in eine Identitätskrise gestürzt". Auf die Frage, ob er diese Außenseiterrolle jetzt wieder habe, horcht er auf und sagt: das sei eine interessante Parallele.

Immer irgendwie dazwischen

Wagners Mutter war Musiklehrerin, sein Vater Programmierer. Das Gespräch verläuft sehr reflektiert. Er tritt ausgesprochen höflich auf. Als Jugendlicher habe er immer die Radioprogramme der Deutschen Welle gehört, erzählt er stolz. Damals, 1982, und zwar Sendungen über Religion und Kirche. Also Dinge, die im offiziellen Russland nicht erwünscht waren. In der Gegend, in der er aufwuchs, war Religion trotzdem sehr präsent. Nur waren es nicht die Christen, sondern die Muslime, die seit vielen Jahrhunderten im Wolga-Ural-Gebiet leben. Vor 250 Jahren kamen deutsche Familien - wie die von Wagner - als Siedler dorthin.

Als sogenannter Spätaussiedler kam er in den 1990er-Jahren "zurück" nach Deutschland. Noch in Russland hatte er sechs Semester Mathematik studiert. In Deutschland wechselte er zu Wirtschaftsinformatik. Es folgten zehn Jahre im Vertrieb für eine Firma, die Handel mit Staaten der ehemaligen Sowjetunion betrieb. Dann Mittelstand, dann Midlife-Krise, wie er sagt. Er wurde Pfarrer in einem Kinderheim in seiner neuen Heimat in Brandenburg. Das war gut für meine Seele, erzählt er. Doch das sei nun vorbei, schließlich sei er kein Christ mehr.

Sein Geld will er nun mit einer Consulting-Firma verdienen, die Handel mit seiner alten Heimat, der russischen Republik Baschkirien, voranbringen will. Die Republik gilt wegen seiner Erdölvorkommen als reich. Eine Website gibt es schon, drei Partner hat die Firma, Wagner ist einer davon.

Nach Ufa, Baschkiriens Hauptstadt, sei er schon 600 Mal geflogen, sagt Wagner. Doch nicht nur aus geschäftlichen Gründen. Dort, wo die Mehrheit zum sunnitischen Islam gehört, habe er auch seinen Weg zum Islam begonnen. Auf diesem Weg sei er "geführt" worden.

Wie kam es zu seiner Mission?

Schon in der arabischen TV-Sendung hatte Wagner zum Moderator Jaafar Abdul Karim von spirituellen Momenten gesprochen. "Ich habe was gesehen … ein Erlebnis gehabt … jemand hat zu mir gesprochen". Auch beim Kaffee bricht seine Stimme, als er darüber erzählt. Genau könne er es nicht ausführen. In diesem Moment strahlt er eine seltsame Emotionalität aus.

DW Shabab Talk |  Arthur Wagner (AfD)
Arthur Wagner mit "Shabab-Talk"- Moderator Jaafar Abdul KarimBild: DW

Auch wer mit Esoterikern spricht, hört Berichte über "Eingebungen und magische Momente". Doch mit den szenetypischen Räucherstäbchen und "Om"-Rufen ist Wagner schwer zusammenzubringen. Grauer Anzug, weißes Hemd, Krawatte - er wirkt seriös und bieder. Trotzdem scheint er sich mit diesen Dingen auszukennen: Er redet wie selbstverständlich von seinem Sternzeichen Wassermann und der sogenannten "Sieben-Jahres-Regel der Erneuerung".  

Auch sind Esoteriker, anders als Wagner, meist eher unpolitische Menschen, trotz ihres üblicherweise starken Sendungsbewusstseins - Politik gilt dabei vielen als zu rational. Wagner aber will Muslim und AfD-Politiker gleichzeitig sein. Er bejaht die Frage, ob sein esoterischer Weg zum Islam ihn zu einem politischen Auftrag geführt habe. Nämlich als eine Art Missionar "Brücken zu bauen zwischen Europa und dem Islam". Später sagt er, er wolle "Wächter" sein.

Dann piepst sein Handy erneut. Er geht dieses Mal ran - seine Tochter ist dran. Sie sei gerade in der Pubertät, erzählt er dann, und beginne sich, so wie er damals, mit Religion auseinanderzusetzen. Sie interessiere sich für radikale Christengruppen in den USA. Irgendwie liege das Thema in seiner Familie, sagt er schmunzelnd, sein Onkel in der Schweiz sei gerade als Orthodoxer zum Judentum gewechselt. Wagner kann auch Humor. Auch im TV-Studio lacht er manchmal. Ein Strahlemann ist er aber nicht. In der Diskussion im Studio wirkt er manchmal unsicher und hält sich ab und an mit dem Finger den Mund zu. Im direkten Gespräch beim Kaffee tritt er selbstbewusster auf.

Wie geht die Brücke zwischen AfD und Muslim-Sein?

Religion ist die eine Seite von Wagner, die AfD ist die andere. In der TV-Sendung hatte er sich vehement gegen "Werbung für Homosexualität wie bei Christopher Street Day-Demonstrationen" ausgesprochen. Das sei schließlich nicht gut für die Seele der Kinder, wenn diese das sähen. Jugendlichen zu sagen, Homosexualität sei okay - das sei falsche "Gender-Politik".

Am Kaffeetisch wird seine ansonsten ruhige Stimme lauter, als er die Schließung der Grenzen fordert. Weil Deutschland einfach nicht noch mehr Flüchtlinge verkrafte. Das Land sei schon jetzt überfordert. Hier vertritt Wagner absolut die Meinung seiner Partei. Auch wenn er sagt, ansonsten drohe ein Bürgerkrieg in Deutschland, appelliert er, wie die AfD, an Ängste in der Bevölkerung. Doch das Verhältnis zu den schon in Deutschland lebenden Muslimen und den neu dazu gekommenen ist bei Wagner ein anderes als in der AfD: Der Islam sei nun einmal Teil dieses Landes. Es werde höchste Zeit, dass auch die AfD das akzeptiere. Vielleicht könne er, sagt Wagner, seinen Parteikollegen beibringen, wie Muslime denken. Andererseits seien auch die Muslime gefragt: Sie müssten beantworten, was sie für dieses Land tun könnten. So schlägt Wagner für sich die Brücke zwischen AfD und Muslim-Sein.

Nicht zu viele Flüchtlinge, aber auch nicht zu viel AfD

Der Querschläger Wagner: Auch bei der Frage, welche Rolle die AfD spielen solle, äußert er eine Position, die in seiner Partei - nicht mehr -  gern gehört wird, aber von der geschassten Ex-Vorsitzenden Frauke Petry vertreten wurde: Die AfD müsse schnell koalitionsfähig werden, am liebsten als Juniorpartner einer starken CDU.

In einem Punkt geht Wagner über alle Meinungen in der AfD hinaus: Er glaubt, dass die AfD langfristig nicht über 20 Prozent kommen wird. Und: Er findet das gut so. Denn eine noch stärkere AfD würde nicht gut sein für den "Frieden in Deutschland".

DW Shabab Talk |  Arthur Wagner (AfD)
Arthur Wagner will sich Zeit lassen, den Koran zu studierenBild: DW

Die spezielle Aufgabe der AfD sei die einer konservativen oder auch national-konservativen Kraft zur "Wahrung der deutschen Kultur und Seele". Die Vorwürfe, dabei auch rassistische oder homophobe Gedanken zu verbreiten, weist Wagner mit dem Argument von sich, das seien "Kampfbegriffe der Linken" - und deshalb untauglich. Dafür brauche es neue Begrifflichkeiten.

Seine nächsten Schritte

Wie weit er auf seinem Weg sei, Muslim zu werden, wurde Wagner im TV-Studio gefragt. Von den 114 Suren habe er erst sechs gelesen, entschuldigt er sich. Mit dem Fasten habe er schon erste Erfahrungen gemacht. Er brauche Zeit, um ein echter und guter Muslim zu werden.

Ein strammer AfD-Politiker ist der Mann jetzt schon. Als nächstes wolle er - über seine neue Firma - eine Stiftung gründen, um seinen "Auftrag" weiterzubringen, wie er sagt. Es soll eine Denkfabrik für "Seele, Gott und den Islam" werden.

Ob die AfD auf die Muslime zugehen wird, was Wagner befürwortet, muss sich zeigen. Der Co-Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, jedenfalls hatte noch im vergangenen Sommer im DW-Interview gesagt, er persönlich sehe keinen Anlass, sich mit Muslimen auseinander zu setzen.

Das Haus der Deutschen Welle verlässt Wagner federnden Schrittes, sein Auto stehe gleich um die Ecke, nun gehe es nach Hause, nach Falkensee. Dort, wo er zuletzt Gemeindevertreter der evangelischen Kirche war. Und nun als Muslim auftreten will, mitten in einem Gebiet, in dem die islamfeindliche AfD hohe Umfragewerte hat. Ob er sich aber auf seine Parteikollegen verlassen kann, scheint mehr als unsicher. Sein "Islam-Outing" jedenfalls, so berichtet er, habe ihm schon viel böse Kritik beschert. Aus seinem AfD-Kreisverband gab es Meldungen, wonach man Wagner am liebsten loswerden wolle.