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Shirin Neshat: "Aida' ist ein Riesending"

Andrea Kasiske
21. Juli 2017

Sopranistin Anna Netrebko kennt die "Aida" aus dem Effeff, für Regisseurin Shirin Neshat ist Verdis Oper Neuland. Ihre Inszenierung bei den Salzburger Festspielen soll anders als gewohnt daherkommen, verrät sie der DW.

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Deutschland Berlinale 2013 Filmfestival Jury Shirin Neshat
Bild: Reuters

Die aus dem Iran stammende US-Amerikanerin Shirin Neshat feiert mit ihrer "Aida"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen am 08.08.2017 ihre Regie-Premiere. Der Künstlerin, Filmemacherin und Fotografin geht es in ihren Arbeiten immer wieder um das Frauenbild in Persien und dem Westen und um aufeinanderprallende Kulturen - Themen, die auch in Verdis "Aida" im Zentrum stehen. Das Werk aus dem 19. Jahrhundert erzählt die Geschichte einer äthiopischen Prinzessin, die als Sklavin nach Ägypten verschleppt wird. Der ägyptische Heerführer Radames verliebt sich in Aida und muss sich zwischen ihr und seiner Loyalität gegenüber dem Pharao, der ihm seine Tochter Amneris zur Frau geben will, entscheiden. 

DW: Frau Neshat, wie haben Sie sich gefühlt, als der Direktor der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, Sie gefragt hat, ob Sie die Oper "Aida" in Salzburg inszenieren möchten?

Das Timing von "Aida" war schon speziell. Ich bin ja schon seit ein paar Jahren weg von den iranischen Themen: Ich war es einfach leid, immer Arbeiten zu einem Land zu machen, das ich schon lange nicht mehr besuche. So begann dieser Prozess, der mich zu anderen Kulturen führte, zum Beispiel nach Ägypten. Ich habe diesen Film über "Umm Kulthum", die Ikone der arabischen Musik, gemacht. Das hat sechs Jahre gedauert von der Entwicklung der Idee bis jetzt, wo er fertig ist. Vor circa zwei Jahren, ich war noch mitten in der Skriptentwicklung für "Umm Kulthum", hat mich Markus Hinterhäuser zum Mittagessen eingeladen. Ich habe mich gefragt, was er will, vielleicht irgendeine Zusammenarbeit mit einem Regisseur. Und dann hat er mich tatsächlich gefragt, ob ich "Aida" inszenieren will.

Opernsängerin Anna Netrebko singt, hier in München
Starsopranistin Anna Netrebko wird "Aida" verkörpernBild: picture-alliance/dpa/J. Niering

Ich bin fast umgefallen und hab' gesagt, du machst wohl einen Witz, ich habe kaum Opern in meinem Leben gesehen und ich weiß nichts über Aida und klassische Musik. Keine Angst, sagte er, ich hab' Vertrauen in dich, du schaffst das. Er ist sofort mit mir zu einem Musikladen gegangen und hat mir eine Aufnahme von "Aida" mit Riccardo Muti geschenkt. Mit den Worten: Hör dir das an, du wirst es lieben.

Wie haben Sie denn den berühmten Dirigenten Riccardo Muti kennengelernt?

Naja, ich bin dann zurück in die USA und habe nicht weiter drüber nachgedacht. Einige Zeit später dirigierte Maestro Muti in der Carnegie Hall in New York. Markus kam auch und wir drei gingen, gemeinsam mit Mutis wunderbarer Frau, essen. Er schaute mich an und sagte, und das werde ich nie vergessen, Sie sind Aida, Sie sehen genau aus wie Aida.

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Und dann fragte er mich nach meinen Ideen zu "Aida". Ich habe keine, ich habe noch nicht darüber nachgedacht, antwortete ich. Aber ich war so überwältigt von seinem und Markus Vertrauen und ihren Ermutigungen, dass ich einfach nicht nein sagen konnte. Ich dachte, okay, das wird die Herausforderung deines Lebens: Während du diesen Film über diese ägyptische Starsängerin drehst, widmest du dich jetzt gleichzeitig Verdis größter Oper und das auf den Salzburger Festspielen mit Riccardo Muti als Dirigent und mit Anna Netrebko als Sopran. Das ist ein Riesending, hab' ich zu mir gesagt, das musst du wirklich ernst nehmen.

Dirigent Riccardo Muti
Riccardo Muti wird die berühmte Oper dirigierenBild: picture-alliance/dpa/Javier del Real

Jetzt hatten Sie ja Zeit, Ihre Ideen zu entwickeln. Wie sieht Ihre Interpretation der "Aida" aus, worin unterscheidet sie sich von anderen?

Ich weiß, dass es jede Menge Interpretationen von Aida gibt, sowohl aus der westlichen und aus der nicht-westlichen Perspektive. Und ich weiß auch, dass es gerade aus dem Mittleren Osten Kritik von Intellektuellen gibt, die sagen, die Oper würde orientalisieren, Ägypten exotisch und als barbarische Gesellschaft hinstellen. Andererseits gibt es Stimmen, die meinen, dass Verdi in Wirklichkeit mit "barbarisch" gar nicht Ägypten, sondern Europa meint. Die Diskussion ist noch nicht abgeschlossen. Und natürlich gibt es ja auch dieses wunderschöne Libretto, diese Liebestragödie und diese starke Musik. Was mich gereizt hat, ist diese große Dynamik, das Liebesdreieck Radames, Aida und Amneris auf der einen Seite und auf der anderen die religiösen Fanatiker, diese ganze politische Kaste und das autoritäre Regime unter dem König.

Das ist eigentlich so ziemlich das, womit ich mich auch bisher in meinen Fotoarbeiten und Filmen beschäftigt habe. Alles hat mit Frauen zu tun, die sich in dem Fadenkreuz zwischen politischer Tyrannei und religiösem Fanatismus bewegen. Für mich repräsentieren sie Menschlichkeit und Individualität. Das war eine große Erleichterung, als mir das klar wurde. Hinzu kommt, dass Musik für mich Emotion bedeutet, etwas zutiefst Menschliches, das kulturelle Grenzen überwinden kann.

Shirin Neshat Ausstellung in Madrid 05.06.2013
Shrin Neshats künstlerische Fotografien sprechen für sichBild: picture-alliance/dpa

"Aida" ist für mich eine zeitlose, universelle Geschichte, die uns heute auch noch enorm viel zu sagen hat. Die "traditionelle 'Aida'" ist ein Konstrukt europäischer Fantasie, da werden die Ägypter und Äthiopier wirklich schlecht gemacht, da konnte ich gar nicht anders als das zu differenzieren. Das Alte Ägypten ist jetzt Europa, es gibt einen Mix der Religionen, des Christentums, Islams und Judentums, und des kulturellen Backgrounds. Und es geht um das Verhältnis archaische Zeit versus Moderne und Zukunft, alles soll komplexer werden.

Das Interview führte Andrea Kasiske.