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Renaissance des Mittelalters

23. Juli 2002

Im französischen Burgund bauen 50 Arbeiter eine nagelneue mittelalterliche Burg – mit den gleichen Werkzeugen wie die Bauherren des 13. Jahrhunderts. Besucher können hautnah dabei sein.

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Filmkulisse oder Realität?

In Frankreich, im nördlichen Burgund, mitten im einsamen Wald gelegen, saß ein Ritter einsam auf seiner Burg ... nun ja, zwar findet man dort heute keinen einsamen Ritter, aber wer sich für das Mittelalter interessiert, wer sich gerne verzaubern lässt vom Lebensgefühl vergangener Zeiten, der sollte unbedingt nach Burgund fahren, denn dort, in Guédelon, gibt es etwas Außergewöhnliches zu sehen.

Seit fünf Jahren sind 50 Arbeiter damit beschäftigt, mit authentischen Werkzeugen und ausschließlich aus dem Material, das sie vor Ort finden und abbauen, eine komplette mittelalterliche Burg im Stil des 13. Jahrhunderts neu zu bauen. Dabei vermitteln sie den Besuchern mittelalterliches Leben so haut- und praxisnah, wie man es sonst schwerlich irgendwo erleben dürfte.

Vor Baubeginn reiste Michel Guynot, der Initiator des Guédelon-Projektes, mit seinem Team durch ganz Frankreich. Sie besichtigten Überreste von Burganlagen aus dem sogenannten Philippinischen Zeitalter und suchten nach einem geeigneten Ort für die Durchführung des einmaligen Bauvorhabens.

Mittelalteriche Szenen live erleben

Der Ort hatte einigen Anforderungen zu genügen: Er musste genügend Holz bieten, einen Steinbruch und Wasser – sozusagen die Zutaten für eine Burg. Guynot: "Wenn man eine alte Kathedrale oder eine Burg besucht, ist man oft erstaunt über das große Können der damaligen Baumeister, aber bis heute hat niemand genau erklärt, wie die Leute das geschafft haben - genau das wollen wir hier herausbekommen."

Burgneubau
Steine werden selbst im Steinbruch abgebaut und bearbeitet

Und so brechen Arbeiter im groben Kittel rote Sandstein-Blöcke aus dem Fels und ziehen mit einem Pferde-Gespann die Blöcke vom Steinbruch zum Holz-Gerüst, wo ein massiger Wehrturm entsteht. In der Schmiede werden Nägel zurecht gehämmert, aus ungelöschtem Kalk wird Mörtel gemischt und zum Transport der Baumaterialien werden Körbe geflochten und Töpfe geformt.

Fünf Jahre nach Baubeginn ist ein Viertel der Anlage fertiggestellt. Die Mauern ragen bereits vier Meter in die Höhe, in 15 Jahren sollen sie stolze 25 Meter hoch in die Luft reichen. Alles was in den Werkstätten vor sich geht, können die Besucher live miterleben. Beispielsweise die Arbeit mit alten Maßeinheiten wie der Elle oder mit einem bleiernen Lot, mit dem dafür gesorgt wird, dass die starken Mauern nicht schief wachsen.

Wenige Menschen für monumentale Bauten

Etliche Erkenntnisse über die mittelalterliche Baukunst wurden während der bisherigen Bauarbeiten schon gewonnen. Bauleiter Florian Renucci: "Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass es gar nicht viele Leute braucht, um so ein monumentales Gebäude zu errichten. Kleine Mannschaften sind viel besser: Kompetent, spezialisiert und gut organisiert."

Für ihn ist durch die Erfahrung von Guédelon die Annahme widerlegt, dass am Bau von Burgen oder Kathedralen im Mittelalter riesige Menschenmengen beteiligt waren. Für die Zukunft plant Guyot schon die nächsten Projekte. Als nächstes möchte er eine mittelalterliche Kirche und ein Dorf entstehen lassen.

Guyot: "Wir werden nie aufhören. Wir werden einfach weitermachen - und irgendwann im 14. Jahrhundert ankommen." Ein fast evolutionäres Projekt ... AFP/ (fgö)