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Republik im Schwebezustand

Nina Werkhäuser1. Juli 2005

Geduld ist im politischen Berlin derzeit angesagt. Nach der verlorenen Vertrauensabstimmung des Kanzlers wird Bundespräsident Horst Köhler mit aller Sorgfalt prüfen, ob er den Bundestag auflösen wird oder nicht.

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Soviel Stress hatte der gute Mann auch nicht erwartet, als er vor genau einem Jahr ins Amt gewählt wurde. Von seiner Entscheidung hängt ab, ob im September in Deutschland gewählt wird - nicht mehr und nicht weniger. Also heißt es warten. Die Republik ist im Schwebezustand.

Diese Ungewissheit irritiert die Politiker, die sich bereits in den letzten Wochen aufgeführt haben wie Hamster auf Ecstasy. Bei einigen blühen die Machtphantasien: Jedes Ministeramt in einer möglichen neuen Regierung ist schon etwa zehn Mal vergeben, obwohl die Wahlen noch gar nicht beschlossene Sache sind. Besonders begehrt ist der Posten des Außenministers, was gewisse Rückschlüsse auf den Zustand Deutschlands zulässt. Denn allein der Außenminister kann lächelnd die Welt bereisen und dabei Sympathiepunkte sammeln. Niedere Themen wie Schulden oder Hartz IV interessieren nämlich nur peripher, wenn man mit Condi Rice Espresso trinken und Kofi Annan auf die Schulter klopfen kann - great job! Der Posten des Finanzministers ist komischerweise nicht so gefragt.

Ab nach Kasachstan?

Bei anderen Politikern wiederum macht sich Panik breit angesichts des drohenden Amts- oder Mandatsverlusts. Eine ganz normale Dosis Deutschland-Gefühl, möchte man fast sagen, verlieren doch hierzulande viele gut ausgebildete Fachkräfte von heute auf morgen ihren Job. "Flexibel sein und notfalls in den Freistaat Bayern oder in die Niederlande ziehen", heißt in solchen Fällen gerne die naseweise Empfehlung der Politiker. Genau! Vielleicht werden ja in Kasachstan noch ein paar Politikberater gebraucht. Eine neue Sprache lernen mit 45, das dürfte im Zeitalter des Lifelong-Learning nun wirklich kein Problem sein - das gehört heutzutage praktisch zur Minimalanforderung an Arbeitssuchende.

Demut im Weinberg des Grundgesetzes

Indes, nicht jeder neue Job wäre unseren Regierungsvertretern im Fall des Falles genehm: "Ich mache nicht den Opa aus der Muppet-Show", ließ Bundesaußenminister Joschka Fischer wissen - irgendwie schade. Andere betonen zu oft und zu laut, dass sie auch ganz prima ohne Politik leben können und suggerieren damit das Gegenteil. Glück und Pech liegen in Berlin zur Zeit jedenfalls ganze nahe beieinander. Da gibt es zum Beispiel jenen Abgeordneten, der erst vor wenigen Wochen als Nachrücker in den Bundestag gekommen ist und seine Kisten im Büro noch gar nicht ausgepackt hat. Das braucht er jetzt wohl auch nicht mehr. Aber wer weiß - momentan lässt sich in Berlin nichts so richtig vorhersagen. Höchstens, dass im Bundespräsidialamt in den kommenden Wochen die Köpfe rauchen werden, bis dann endlich weißer Rauch aufsteigt. Naja, nicht ganz - aber Köhler ist trotzdem zurzeit vor allem ein einfacher, demütiger Arbeiter im Weinberg des Grundgesetzes. Und wenn die Entscheidung gefallen ist, kommt der Papst ihn und uns alle im August besuchen. Für den Augenblick aber müssen wir geduldig sein.