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Schreiben am Checkpoint Charlie

1. Oktober 2010

Im Jahr der Wiedervereinigung kam sie nach Berlin: die rumänische Autorin Carmen Francesca Banciu. Längst ist sie überzeugte Berlinerin. Und sie zählt zu den internationalen Künstlern, die das Gesicht der Stadt prägen.

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Carmen Francesca Banciu am Checkpoint Charlie (Foto: Aya Bach)
Bild: DW

Hinter einem Laptop taucht der Lockenkopf von Carmen Francesca Banciu auf. Wir sind in ihrem Stammlokal verabredet, nur einen Steinwurf entfernt vom Checkpoint Charlie, dem wohl berühmtesten früheren Grenzübergang zwischen West- und Ostberlin. 1990 kam sie zum ersten Mal hierher, genau zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung.

"Erstmal habe ich geweint", erzählt sie. "Ich habe mir vorgestellt, meine Kinder wären auf der anderen Seite und ich könnte nicht mehr 'rüber." Dass sie ihre Kinder eines Tages hierher holen würde, ahnte sie damals noch nicht. Doch Checkpoint Charlie hat noch heute etwas Magisches für sie: "Ich empfinde hier einen Kern von Energie, etwas Blühendes, das hier ein Kraftzentrum hat." Darum schreibt sie nun schon seit Jahren ihre Bücher dort, in dem Lokal, in dem sie fast noch den Atem der Geschichte spürt.

Carmen Francesca Banciu hält auf einem Berliner Kunstmarkt einen Sticker mit der Aufschrift "Berlin - alles ist möglich" in der Hand. Im Hintergrund Berlin-Fotos (Foto: Aya Bach)
Wurde leidenschaftliche Berlinerin: Carmen Francesca BanciuBild: DW

Niemandsland als Chance

Bei ihrer ersten Berlin-Visite war Carmen Francesca Banciu gerade einmal 35 Jahre alt und für ein paar Tage gekommen, um einen Literaturpreis entgegenzunehmen – und sie erfuhr, dass sie ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) erhalten sollte, der mit dem "Berliner Künstlerprogramm" schon etliche internationale Kulturschaffende in die Stadt geholt hatte. Sie fiel aus allen Wolken: "Ich hatte nichts mit Berlin am Hut!" Ihre Traumstadt war Paris. Doch das Stipendium sollte ihr Leben radikal verändern: "Es war eine neue Geburt", sagt sie heute - Carmen Francesca Banciu ist leidenschaftliche Berlinerin geworden. "Ich habe sehr früh gespürt, was hier noch nicht sichtbar, aber im Gange war: Dieser Ort der Trennung und der Wiedervereinigung von zwei Ländern und Systemen, das Entstehen von etwas ganz Neuem, ist ein großes Experiment."

Von Anfang an empfand sie sich selbst als Teil dieses Experiments. Ihre Heimat Rumänien war unter dem Regime des Diktators Nicolae Ceausescu erstickt. Nun erlebte sie einen historisch einzigartigen Aufbruch – politisch wie künstlerisch. Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch eines politischen Systems entdeckte sie eine Fläche von Niemandsland, die auch Projektionsfläche für Neues sein konnte: "Die Welt öffnete sich, immer mehr Menschen konnten teilhaben an dieser Welt, und das habe ich an einem Ort wie Checkpoint Charlie gespürt."

Leben zwischen Ost und West

Beste Voraussetzungen fürs Schreiben. Berlin spielt eine wichtige Rolle für ihre Bücher, die sie nun seit 15 Jahren auf Deutsch schreibt. Eines handelt sogar von ihrer heiß geliebten Stadt: "Berlin ist mein Paris" – Reflexionen und Randnotizen aus einer Stadt, die sich permanent verändert. Ihre eigenes Mittendrin-Sein ist dafür unverzichtbar: "Ich habe eine Wohnung an der richtigen Stelle bekommen – an der Schnittstelle zwischen Ost und West. Und dann war mir klar, ich muss nur die Augen aufmachen und schauen. Ich muss gar nichts Spektakuläres tun, sondern aufnehmen und ausdrücken, was ich sehe."

Die Augen hält sie auch nach 20 Jahren in Berlin noch offen. Längst ist der Checkpoint Charlie zur Touristenattraktion mit Andenken-Büdchen und Retro-Kitsch geworden. Etliche brachliegende Flächen am früheren Grenzstreifen sind bebaut - etwa der Potsdamer Platz. Und in manchen Quartieren im Osten lässt sich die DDR-Zeit kaum noch erahnen. Längst sind besserverdienende "Wessis" hergezogen und pflegen ihre eigenen Biotope.

Visionen per Facebook

Carmen Francesca Banciu auf dem "Flowmarkt" Berlin-Neukölln (Foto: Aya Bach)
Vernetzte Kulturszene: Banciu mit jungen DesignerinnenBild: DW

Doch Carmen Francesca Banciu hat es sich nicht einfach gemütlich gemacht. Sie streift durch die Kieze, sucht ihre Kreativ-Baustellen und findet Kontakt zu anderen Künstlern - auch zu der ganz jungen Generation von Kreativen, die inzwischen ganze Quartiere prägen.

Mitte 50 ist sie jetzt und hat sich über Facebook an eine Künstlergruppe namens "Rock on Berlin" angedockt, ein junges internationales Team, mit dem sie nun arbeiten wird. Was und wie, ist noch nicht ganz klar, aber gerade das Unfertige gehört für sie zum Charme der Kultur-Experimente. "Ich glaube, dass Berlin ein fruchtbarer Ort für 'Inter-Visionen' und interdisziplinäre Kommunikation zwischen Künstlern sein kann. Daraus kann etwas ganz Frisches und Neues entstehen - etwas, das mit dem Zeitgeist zu tun hat!"

Einatmen, Ausatmen, WOW!

Doch ist die Zeit nicht längst vorbei, in der die Stadt beflügelt war von einem historisch einmaligen Moment? Der Aufbruch ist in die Jahre gekommen, an die Stelle von Vakuum und Projektionsflächen ist längst ein gut vermarktbares Image als cooler Ort der Kreativen getreten: Berlin ist arm, aber sexy. Aber ist die Stadt nicht längst satt? Banciu protestiert heftig. "Es ist noch ganz viel zu tun hier." Und dann wird sie noch mal richtig leidenschaftlich: "Manchmal muss man eine Weile weg aus Berlin. Aber dann kommt man wieder und sagt: Wow!! Wieder in den Fluss eintauchen, wieder mitschwimmen, diese Kraft einatmen und vermehrt ausatmen, sie transformieren in Kunst, in Literatur. Wenn man hierher kommt, dann weiß man: Man hat eine Aufgabe!"

Autorin: Aya Bach

Redaktion: Cornelia Rabitz