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Schunkeln über Gräbern

Bernd Gräßler26. Februar 2016

In der früheren "Colonia Dignidad" blüht heute der Tourismus. Dabei ist die Vergangenheit der Sekten-Siedlung in Chile noch nicht aufgearbeitet. Auch die Rolle Deutschlands soll geklärt werden, fordern Opfer der Sekte.

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Chile Villa Baviera Colonia Dignidad
Bild: Getty Images/AFP/C. Reyes

Rosa Merino läuft durch den Bundestag in Berlin, ein großes Foto an ihre Jacke geheftet. Es zeigt ihren Bruder Pedro im blühenden Alter von 20 Jahren, bevor er in der Hafenstadt Coronel von Pinochet-Geheimpolizisten verhaftet und später in einem Lastwagen in die deutsche Siedlung "Colonia Dignidad" transportiert wird. Dort foltert man ihn, bindet ihn an einen Lkw und schleift ihn über den Boden. "Wir wissen das", sagt Rosa Merino, "weil in Colonia Dignidad 40.000 Karteikarten gefunden wurden, in denen über Jahrzehnte detailliert das tägliche Leben in der Siedlung festgehalten ist". Deutsche Gründlichkeit gehörte zur berüchtigten Siedlung, das letzte Verhör des Jungkommunisten Merino ist am 13. Oktober 1974 vermerkt. Bis heute ist er verschwunden.

"Wenn die Deutschen in der 'Colonia' heute dort ihr Bierfest feiern, dann ist uns zumute, als ob sie auf den Gräbern unserer Angehörigen tanzen", sagt Rosa Merino. Die "Colonia Dignidad" hat sich nach dem Ende des jahrzehntelangen verbrecherischen Spuks in ein bayrisches Touristendorf (Villa Baviera) mit Schuplattler und Oktoberfest verwandelt. Auch mit Hilfe des Auswärtigen Amtes in Berlin, das auf diese Weise die "Überlebensfähigkeit" der deutschen Siedlung sichern und einen "Rückfall in frühere Herrschaftsmechanismen" verhindern will.

Chile Plakat Oktoberfest 2015 Villa Baviera
Bild: villabaviera.cl

Wie Mogli aus dem Urwald

Allerdings stoßen Jodel-Abende und Haxen-Schmaus auf wenig Verständnis bei Menschen wie Rosa Merino: "Wir kämpfen dagegen, dass in "Colonia Dignidad" Tourismus veranstaltet wird. Wo soviel Leid und Schrecken passierte, ist ein schlechter Platz für Vergnügen." Nach der Öffnung des festungsartigen Areals, der Auflösung der sektenartigen Gemeinschaft, hatte man fünf Massengräber entdeckt, allerdings ohne Leichen. Die habe man verbrannt und die Asche in den Fluss gestreut, heißt es.

Deutschland Berlin Angehörige von Chilenen, die in der Colonia Dignidad verschwunden sind
Rosa Merino (links mit Foto) vermisst ihren BruderBild: DW/B. Gräßler

Rund zwei Dutzend Mitglieder der "Colonia Dignidad" sind mittlerweile durch chilenische Gerichte verurteilt, der Sektenführer Paul Schäfer starb 2010 im Gefängnis in Santiago.

Es gebe aber noch viel zu untersuchen in der Siedlung, auch durch die deutschen Behörden, meint der deutsch-chilenische Anwalt Winfried Hempel. Er gehört wie Rosa Merino zur AMCD (Asociacion por la Memoria y los Derechos Humanos Colonia Dignidad), einer Vereinigung, die sich für die juristische und historische Aufarbeitung der "Colonia"-Verbrechen einsetzt. Einige ihrer Mitglieder sind auf Einladung des Auswärtigen Amtes nach Berlin gekommen und besuchen auf Einladung der Linksfraktion auch den Bundestag.

Das Versagen des Konsulats

Auch Hempel ist ein Gezeichneter der "Colonia Dignidad", wo er 1977 zur Welt kam. Erst 20 Jahre später konnte er die Siedlung verlassen. "Ich kam wie Mogli aus dem Urwald", sagt er, "ich hatte die Mentalität eines Achtjährigen und sprach nur ein paar Brocken Spanisch". Steine sammeln statt Schulbesuch gehörte zum normalen Alltag für Siedlungs-Kinder, ebenso wie körperliche Züchtigung oder sexueller Missbrauch, vor allem durch den Sektenführer Schäfer. Über Gewalterfahrungen will Hempel nicht sprechen. Es ist für ihn ein heikles Thema: "Leider gibt es in Chile eine Kultur der Verachtung gegenüber den Opfern der 'Colonia', vor allem wegen des sexuellen Missbrauchs." Leute, die aus der Siedlung rauskämen, verschwiegen das vor der Bevölkerung, weil sie sonst Zielscheibe von obszönen Witzen würden.

Deutschland Berlin RA Winfried Hempel, Ex-Bewohner Colonia Dignidad
Anwalt Winfried Hempel ist selbst ein Kind der "Colonia"Bild: DW/B. Gräßler

Hempel hat es geschafft, die Schule nachzuholen, hat studiert und vertritt als Rechtsanwalt heute ehemalige Bewohner auf ihrer Suche nach Gerechtigkeit und Entschädigung, sowohl in Chile als auch in Deutschland. Eine Amtshaftungsklage gegen den chilenischen Staat werde er bald einreichen, es gehe immerhin um Kinderarbeit, um zwangsweise Verabreichung von Psychopharmaka. Kinder seien der Schulpflicht entzogen worden, alles unter den Augen des Staates. Eine ähnliche Klage gegen Deutschland bereite er vor, denn das deutsche Konsulat in Santiago habe beispielsweise jahrelang ausstiegswillige Mitglieder von "Colonia Dignidad" in die Arme der Sekte zurückgetrieben, statt sie zu schützen.

Nicht nur Opfer leben in Deutschland

Die AMCD wirbt in Berlin für die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren Lagers und die Öffnung von Akten über die deutsche Siedlung, die beim BND und in deutschen Ministerien unerschlossen ruhen. Unterstützung erhalten die Chilenen dabei von der Linkspartei. Man wolle Sozialdemokraten und Grüne für einen gemeinsamen Antrag an den Bundestag gewinnen, sagt Vize-Fraktionschef Jan Korte. Die Linke im Bundestag hat in den letzten Jahren mehrmals versucht, mit langen Fragekatalogen herauszubekommen, wie weit Sympathie oder Unterstützung staatlicher deutscher Stellen für die deutschtümelnde Schäfer-Sekte gingen. Doch die Akten blieben bisher weitgehend zu.

Chile Museum der Erinnerung in Santiago de Chile
Das "Museum der Erinnerung" in Santiago bewahrt das Andenken der VerschlepptenBild: DW/B. Gräßler

Für die Deutschen sei es bisher hauptsächlich ein chilenisches Problem gewesen, sagt Winfried Hempel. Doch mittlerweile habe der Fall neue Brisanz: "Die Deutschen haben es jetzt in ihrer Kulturwelt, in den Kinos durch den neuen Film von Florian Gallenberger. Und die Hälfte der "Colonia"-Opfer lebt in Deutschland". Doch nicht nur Opfer, auch Täter haben sich hierher geflüchtet, weil sie darauf vertrauen konnten, dass Deutschland seine Staatsbürger nicht ausliefert. Der prominenteste unter ihnen ist der frühere Sektenarzt Hartmut Hopp, der in Chile wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Die Staatsanwaltschaft Krefeld prüft gegenwärtig noch, ob sie beantragt, dass er die Strafe in Deutschland verbüßt. Es wird damit gerechnet, dass dies im März geschieht.