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Kampf um Aufmerksamkeit

Randi Häußler28. Mai 2013

Es rumort in der schwedischen Gesellschaft. Seit Pfingsten gehen Jugendliche in Stockholmer Vororten auf die Barrikaden. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Dabei war das Land früher stolz auf sein Integrationsmodell.

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Wandmalerei: Umriss eines jungen, vermummten Mannes, der einen Blumenstrauss wirft. Schriftzug daneben: En enad förort kan aldrig besegras. Übersetzung: Ein vereinter Vorort kann niemals besiegt werden. "Ein vereinter Vorort kann niemals besiegt werden" ist der Slogan der Freiwilligenorganisation 'Das Megafon' in Husby. (Foto: DW/Randi Häussler)
Unruhen in Schweden Stockholmer Vorort HusbyBild: DW/R. Häussler

"Eigentlich müssten wir mal zum Pinsel greifen, und da richtige Blüten reinmalen", sagt Quena Suroco von der Freiwilligenorganisation 'Das Megafon' und deutet auf die schwarze, lebensgroße Figur an der Wand. Es ist der Umriss eines jungen, vermummten Mannes, der weit ausholt, bereit, mit einem Blumenstrauß zu werfen. Ein Blumenstrauß in rostroten Farben. Man könnte meinen, es wären Flammen, sagt Quena. Und darum gehe es ja gerade nicht bei ihrer Arbeit.

Quena Soruco lebt in Husby, dem Stockholmer Vorort, der in den vergangenen Tagen Schlagzeilen machte. Hier brannten Pfingsten die ersten Autos und hier wurden Polizisten und Feuerwehrmänner mit Steinen beworfen.

Die Sorgen der Jugend in die Politik tragen

Im kleinen Bungalow der Organisation, der eingezwängt zwischen hohen Wohnblöcken liegt, versuchen Quena und ihre Mitstreiter, den Vorort-Jugendlichen eine Stimme zu geben und ihre Anliegen und Probleme in die Politik zu tragen. Regelmäßige Vorträge und Diskussionen mit Politikern und Wissenschaftlern gehören zum Programm. Es geht häufig um Islamfeindlichkeit und Rassismus - Themen, die die Jugend hier beschäftigen.

Quena Soruco von der Freiwilligenorganisation "Das Megafon". (Foto: DW/Randi Häussler)
Quena Soruco von der Freiwilligenorganisation "Das Megafon"Bild: DW/R. Häussler

Gut 85 Prozent der Einwohner von Husby haben ihre Wurzeln in einem anderen Land. Wer hier zur Schule geht, kommt oft nicht weit - lediglich 30 bis 40 Prozent der Schüler schaffen den Sprung auf weiterführende Schulen. Dabei ist der Wechsel auf das sogenannte Gymnasium sonst eher die Regel in Schweden. Die mit 24 Prozent ohnehin hohe Jugendarbeitslosigkeit im Lande ist in den Problemvororten noch einmal deutlich höher.

Die Front eines ausgebrannten LKWs auf einer Strasse in Husby. (Foto: DW/Randi Häussler)
Tagelang hielten die Proteste in Husby die Sicherheitskräfte in AtemBild: DW/R. Häussler

Versagen der Arbeitsmarktpolitik

Schwedens liberale Einwanderungspolitik habe viele Instrumente, um Neuankömmlingen den Anfang zu erleichtern, analysiert der Soziologe Jerzy Sarnecky - zum Beispiel breit angelegte und leicht zugängliche Kurse für schwedische Sprache und Landeskunde. "Doch was die Arbeitspolitik für die Einwanderer angeht, funktioniert unser System nicht. Und in einer modernen Gesellschaft ist nun einmal Arbeit der Zugang in die Gesellschaft."

Der Frust bei der Jugend ist groß in Husby. Doch die Art des Protestes mit Feuer und Steinen ist umstritten. "Wir prangern die soziale Ungerechtigkeit an, die dazu führt, dass sich die Leute hier unterdrückt fühlen. Was wir hier an Unruhen sehen, ist eine Reaktion auf diese Ungerechtigkeit. Wir von 'Megafon' allerdings versuchen, die Ursachen zu erklären. Das ist unsere Art, zur Debatte beizutragen", sagt Quena Soruco und greift zum Telefon. Mit einer anderen Bürgerinitiative bespricht sie die nächsten Schritte. Friedliche Wanderungen der Anwohner sind geplant, um Randalierer zu besänftigen. Auch diese Aktionen haben dazu beigetragen, dass die Proteste nach einer knappen Woche wieder abgeflaut sind.

Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nutzen

Die Anspannung ist auch in der Fußgängerzone von Husby zu spüren - nur wenige Schritte vom Megafon-Bungalow entfernt. Ein junger Mann, der unerkannt bleiben will, berichtet von seinen Erfahrungen mit der Polizei. "Sie scheren alle über einen Kamm. Sobald sie einige Jugendliche in einer Gruppe zusammen sehen, kommen sie und filzen einen gleich. Sie glauben, dass alle Drogen nehmen." Die Gewalt der vergangenen Nächte ist für ihn ein notwendiges Übel. Jetzt höre die Öffentlichkeit jedenfalls auf die Jugendlichen, sagt er: "Verstehen Sie, wie man sich fühlt, wenn sich keiner um einen kümmert?"

Fassade eines Mietshauses in Husby. (Foto: DW/Randi Häussler)
Vororte mit wenig Perspektiven: Mietshaus in HusbyBild: DW/R. Häussler

Im Bungalow der Freiwilligenorganisation 'Das Megafon' hat jemand Pizzen und Kebab besorgt. Zeit für das Essen bleibt aber nur wenig. Journalisten aus den Niederlanden warten auf einen Interviewtermin. Die ehrenamtlich beschäftigte Quena will das Zeitfenster der medialen Aufmerksamkeit nutzen, um die Probleme der Vororte in die Öffentlichkeit zu tragen. "Die Arbeit gibt mir viel. Denn Husby ist mein Zuhause", sagt die junge Frau, die Spanisch ebenso fließend spricht wie Schwedisch, "und um sein Zuhause kümmert man sich."