Asien

Schwieriger Umgang mit der Vergangenheit

Japan und Deutschland - beide Länder haben eine Kriegsvergangenheit. Japans Umgang mit ihr steht häufig in der Kritik. Kann man die beiden Länder miteinander vergleichen? Japans Außenminister Kishida sagt "nein".

Japan kapitulatierte auf der USS Missouri am 2. September 1945. (Foto: dpa)

Japan kapitulatierte auf der USS Missouri am 2. September 1945

Bundeskanzlerin Merkel erinnerte im März 2015 bei ihrem Japan-Besuch daran, dass Deutschland seine Kriegsschuld anerkannt habe und Frankreich bereit gewesen sei, die Hand zu reichen. "Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist Teil der Voraussetzung, Versöhnung schaffen zu können", sagte Merkel und legte ihren Gastgebern damit indirekt eine aktivere und selbstkritischere Aufarbeitung der japanischen Kriegsvergangenheit als bisher ans Herz.

Die Antwort war zwar japanisch-höflich und ebenfalls indirekt, aber doch deutlich: Außenminister Fumio Kishida erklärte, es sei "unangemessen", Japan und Deutschland beim Umgang mit der Kriegsvergangenheit einfach zu vergleichen. Es gebe Unterschiede, was mit beiden Ländern während des Krieges geschehen sei. Zudem seien Deutschland und Japan von anderen Nachbarn umgeben, erklärte Kishida, ohne beides genauer auszuführen.

Merkels leise Mahnung zu mehr Offenheit gegenüber der eigenen Vergangenheit stößt in Japans auf Skepsis. (Foto: Reuters)

Merkels leise Mahnung zu mehr Offenheit gegenüber der eigenen Vergangenheit stößt in Japans auf Skepsis

Neue nationalistische Tendenzen

Hat Japan im Unterschied zu Deutschland also nichts aus Niederlage und millionenfachem sinnlosen Leid gelernt? Angesichts des in den letzten Jahren wieder aufgeflammten japanischen Nationalismus und Geschichtsrevisionismus - wo sich beispielsweise ein früherer Journalist der linksliberalen Zeitung Asahi einer existenzbedrohenden Mobbing-Kampagne wegen kritischer Artikel erwehren musste, die er vor einem Vierteljahrhundert zum Thema "Trostfrauen" geschrieben hatte - liegt diese Vermutung nahe.

Auch Ministerpräsident Shinzo Abe verstärkt diesen Eindruck. So hat er sich von wegweisenden Äußerungen seiner Amtsvorgänger distanziert, die sich unter anderem zur Verantwortung Japans für seinen Angriffskrieg mit zig Millionen Opfern und das Schicksal der Zwangsprostituierten ("Trostfrauen") bekannt hatten. Und wie manche seiner Vorgänger besuchte auch er den umstrittenen Yasukuni-Schrein, wo der japanischen Kriegstoten gedacht wird, darunter auch verurteilter Kriegsverbrecher.

Protest vor dem japanischen Konsulat in Hongkong nach einem Besuch Abes im umstrittenen Yasukuni-Schrein, wo auch die Namen verurteilter japanischer Kriegsverbrecher geehrt werden. (Foto: Reuters)

Protest vor dem japanischen Konsulat in Hongkong nach einem Besuch Abes im umstrittenen Yasukuni-Schrein, wo auch die Namen verurteilter japanischer Kriegsverbrecher geehrt werden

Kein Konsens wie in Deutschland

Der prononcierte Nationalismus Abes und mancher seiner Berater und Anhänger sollte jedoch nicht den Blick auf die komplexere Wirklichkeit der japanischen Einstellung zur Kriegsvergangenheit verstellen. Dazu gehört, wie Japan-Experten betonen, die Kluft zwischen regierungsamtlicher Erinnerungspolitik und gesellschaftlichem Diskurs. "Die gesamte Erinnerungslandschaft in Japan ist sehr umkämpft, mit unterschiedlichen Interessen und Absichten", sagt der Historiker Sebastian Conrad von der FU Berlin gegenüber der DW. "Im Unterschied zur deutschen Situation, wo es zwischen der Regierungsposition oder der Position, wie sie im Parlament geäußert wird, und einem breiteren, allgemein öffentlichen oder wissenschaftlichen Diskurs, nicht so gravierende Unterschiede gibt, ist das in Japan anders, da ist das Thema viel stärker vermint."

Auch die Japanologin Gesine Foljanty-Jost von der Universität Halle-Wittenberg bestätigt, dass es in Japan, anders als in Deutschland, bis heute keine "eindeutige Sprechweise" gibt, wie der Krieg und die von Japanern zu verantwortenden Verbrechen zu bewerten sind. Die Expertin äußerte sich im Deutschlandradio Kultur im Vorfeld des Merkel-Besuchs. Während im heutigen Deutschland Hitlers Wille zum Krieg als Hauptursache der Ereignisse in Europa unbestritten ist, werde in Japan immer noch die Frage gestellt: "Was war der Krieg? War es ein Aggressionskrieg, oder war es nur ein anderer Weg hin zu einer 'ost-asiatischen Wohlstandssphäre' unter Führung Japans?" Mit diesem Konzept hatte bekanntlich die damalige japanische Führung ihre Pläne zur Expansion Japans in China und Asien rechtfertigt.

Der amerikanische Befehlshaber im besetzten Japan, General Douglas MacArthur, beschloss die Verschonung des Kaisers Hirohito von juristischer Verfolgung. Die Unantastbarkeit des Kaisers hat nach Ansicht von Experten die Aufarbeitung der Vergangenheit in Japan behindert.(Foto: AFP)

Der amerikanische Befehlshaber im besetzten Japan, General Douglas MacArthur, beschloss die Verschonung des Kaisers Hirohito von juristischer Verfolgung. Die Unantastbarkeit des Kaisers hat nach Ansicht von Experten die Aufarbeitung der Vergangenheit in Japan behindert

"Versöhnungswille muss von beiden Seiten kommen"

Die japanischen Nachkriegsregierungen standen und stehen bis heute auf dem Standpunkt, dass Japan teils durch bilaterale Entschädigungsregelungen und teils durch Wirtschaftshilfe seiner Verantwortung für Kriegsverbrechen und Ausplünderungen Genüge getan habe. Weitergehende Initiativen zur Völkerverständigung gab es zwar immer wieder, beispielsweise für gemeinsame Schulbücher mit Südkorea: "Aber sie kommen nicht aus dem politischen Raum", wie Gesine Foljanty sagt.

Asien-Kenner Ian Buruma ergänzt im DW-Interview, dass es Initiativen wie Schüleraustausch und Städtepartnerschaften mit den Nachbarn auch in Japan gebe, wenn auch in kleinerem Umfang als in Europa. "Aber der Erfolg solcher Initiativen erfordert immer die Beteiligung beider Seiten. Chinesen und Koreaner müssen sich dafür offen zeigen, das war bisher nicht immer der Fall", so Buruma. Im Übrigen sei es nicht einfach, mit China einen offenen Dialog zu führen, wo die Meinungsbildung, egal ob über die Geschichte oder die Politik, stark kontrolliert wird. "Japan soll vielleicht mehr tun für die Versöhnung, aber Japan kann es nicht einseitig tun." Ein Kommentator der FAZ brachte dieselbe Einsicht in einem Artikel im Jahr 2005 so auf den Punkt: "Japan, so wurde geklagt, habe nie einen Adenauer der Aussöhnungspolitik gehabt. Mag sein. Ganz sicher aber gab es auf Seiten der Koreas und Chinas keinen Ben Gurion und keinen de Gaulle."

Japan ist außenpolitisch auf die USA fixiert, die Beziehung zu den Nachbarn (hier Abe mit Obama und Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye) sind dagegen zweitrangig. (Foto: Reuters)

Japan ist außenpolitisch auf die USA fixiert, die Beziehung zu den Nachbarn (hier Abe mit Obama und Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye) sind dagegen zweitrangig

Weizsäcker-Rede auch in Japan rezipiert

Bereits bei der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 hatte der FDP-Politiker und spätere Bundespräsidentin Theodor Heuss erklärt, die Deutschen seien am 8. Mai 1945 „erlöst und vernichtet in einem gewesen.“ Diese doppelte Sicht auf die militärische Niederlage war also in Deutschland schon lange vor der vielbeachteten Rede von Richard von Weizsäcker von 1985 vorhanden, wenn auch noch nicht weitverbreitet. Weizsäcker hatte vom 8. Mai 1945 als dem "Tag der Befreiung" gesprochen.

Diese Rede stieß auch in Japan auf große Resonanz, wie Japan-Kenner Conrad sagt: "Sie ist in verschiedenen Versionen rezipiert worden, wurde übersetzt und publiziert und hat in den ersten zwei Jahren danach große Auflagen erzielt und wurde besonders von kritischen Bürgerrechtlern und Intellektuellen immer wieder verwendet, um die Regierung zu größeren öffentlichen Gesten zu motivieren." Dennoch war eine solche doppelte Sicht auf die Kriegsvergangenheit als Niederlage UND Befreiung in Japan nicht zu erwarten, denn, wie Ian Buruma bemerkt: "Es gab keinen japanischen Hitler und auch keine japanische nationalsozialistische Partei. Das japanische Kaiserreich führte - so seine Selbstwahrnehmung - in Asien Krieg gegen westliche Großmächte."

Die Weizsäcker-Rede von 1985 wurde auch in Japan aufmerksam registriert. Zehn Jahre später folgte die Rede des japanischen Premiers Tomiichi Murayama, in der dieser „tiefe Reue“ für die durch die japanische Kolonialherrschaft und Aggression verursachten Leiden bekundete. (Foto: dpa)

Die Weizsäcker-Rede von 1985 wurde auch in Japan aufmerksam registriert. Zehn Jahre später folgte die Rede des japanischen Premiers Tomiichi Murayama, in der dieser „tiefe Reue“ für die durch die japanische Kolonialherrschaft und Aggression verursachten Leiden bekundete

Japans Fixierung auf die USA

Nach der Aburteilung der wichtigsten politischen und militärischen Führer beim internationalen Kriegsverbrecherprozess in Tokio war die Aufarbeitung der japanischen Kriegsvergangenheit für die Amerikaner als Besatzungsmacht abgeschlossen. Und ebenso wie im Falle Deutschlands nach den Nürnberger Prozessen waren die USA vor allem an einem zuverlässigen Bündnispartner im Kalten Krieg mit der UdSSR und der VR China interessiert.

Hier allerdings gibt es einen Unterschied zwischen Japan und Deutschland, der teilweise auch die unterschiedliche Einstellung zur Kriegsvergangenheit erklärt, wie Historiker Conrad erläutert: "Auch Japan wurde in das westliche Bündnissystem einbezogen, aber fast die gesamte japanische Nachkriegspolitik orientierte sich sehr eindimensional an den USA, und das führt im japanischen Fall zu einer Herauslösung aus den regionalen Kontexten." Ganz anders Deutschland, das von Anfang an in das "europäische Projekt" eingebunden war, mit der Freundschaft zu Frankreich als Motor. In Japan hingegen spielte "das Gefühl, verantwortlich oder überhaupt Adressat von Kritik zu ein, im asiatischen Kontext keine Rolle", erläutert Conrad. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges seit den 90er Jahren würden kritische Stimmen aus China, Korea, Taiwan überhaupt erst wahrgenommen.

Ex-Premier Murayama appellierte im März dieses Jahres an Shinzo Abe, am Geist der Erklärung Murayamas von 1995 festzuhalten. (Foto: Reuters)

Ex-Premier Murayama appellierte im März dieses Jahres an Shinzo Abe, am Geist der Erklärung Murayamas von 1995 festzuhalten

Wegweisende japanische Gesten

Infolge dessen gab es "die größte regierungsamtliche Bereitschaft zu einer Form von Selbstkritik oder öffentlicher Entschuldigung in der zweiten Hälfte der 90er Jahre." Insbesondere 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes und 1998 zur Frage der Zwangsprostituierten gab es von den Premierministern Japans öffentliche Gesten der Entschuldigung, auch wenn diese "nicht denselben symbolischen Gehalt wie der Kniefall von Brandt in Warschau hatten, auch nicht diese Spontaneität und deshalb auch nicht diese Wirkung", sagt Conrad. Aber seither habe sich in Japan "der Wind etwas gedreht", nationalistische Gruppen im Parlament - und in den letzten Jahren ganz deutlich auch in der Regierung - hätten die Deutungsmacht wieder an sich gerissen.

Auch in Abes mit Spannung erwarteter Erklärung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Asien ist der Einfluss dieser nationalistischen Strömungen klar erkennbar. Nur ein Beispiel: In der offiziellen englischen Version ist von den Opfern und dem Leid der Menschen "in den Ländern, die gegen Japan" gekämpft haben, die Rede. Also nicht etwa der Länder, die von Japan überfallen wurden.

Abe bekennt sich des weiteren zu früheren Bekundungen der Reue und Entschuldigung seiner Amtsvorgänger, ohne aber selbst eine solche Entschuldigung auszusprechen. Die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua sieht in der Erklärung den "Versuch Abes, seine Anhängerschaft im rechten Spektrum zufriedenzustellen und gleichzeitig weitere Beschädigungen der Beziehungen zu den Nachbarn zu vermeiden." Das Kapitel Aufarbeitung ist also noch lange nicht abgeschlossen.

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