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Sierens China: Atomkraft "Made in China "

Frank Sieren24. März 2015

Peking hat erstmals nach Fukushima wieder den Bau eines neuen Atomkraftwerks genehmigt. Das hat große Bedeutung für Deutschland, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

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National Nuclear Corporation Infostand (Foto: dpa/picture alliance)
Bild: picture-alliance/dpa

Es war schon länger klar, dass neue Atomkraftwerke in China entstehen würden. Dass die erste Genehmigung für einen Meiler-Neubau in der nordostchinesischen Provinz Liaoning nun aber ausgerechnet am Fukushima-Jahrestag erteilt wurde, mag auf Deutsche provozierend wirken. In China zeugt das aber eher von Selbstbewusstsein und Bürgernähe. Denn anders als in Deutschland kann sich Peking der Unterstützung durch die Bevölkerung sicher sein. Die Menschen wollen schnell weg von den dreckigen Kohlekraftwerken, die momentan noch 70 Prozent der Energie liefern und Chinas Städte im Smog versinken lassen. Die Chinesen sind deshalb viel offener für Atomstrom als die Deutschen, die allerdings schon in Europa eine Ausnahme darstellen. Insofern zeugt die Entscheidung in China im Grunde nur von einer Normalität, wie sie in Polen ebenso herrscht, wo bis 2030 noch elf neue Atomkraftwerke geplant sind, oder wie in Frankreich mit zwei neuen oder England mit zehn neuen. Und selbst Japan hat sich entschlossen, an der Kernkraft festzuhalten.

In China geht es um zwei Reaktorblöcke mit jeweils einem Gigawatt. Noch macht Strom aus Kernkraft in China nur etwa zwei Prozent der erzeugten Energie aus, während der weltweite Durchschnitt bei fünfzehn Prozent liegt. Vor den hochgesteckten Zielen der Regierung klingt die jüngste Meldung über die zwei neuen Reaktorblöcke etwas mager. Doch das ist irreführend. Es ist die erste Genehmigung für einen Neubau. Allerdings befinden sich 27 weitere Kraftwerke schon längst wieder im Bau. Nach Fukushima verhängte man für sie zunächst einen vorläufigen Baustopp und prüfte die bestehenden Meiler auf Sicherheitslücken. Doch das Atom-Moratorium wurde bereits 2012 beigelegt und die Bauarbeiten fortgesetzt.

Atomkraft gilt als grüne Energie in China

Die Führung muss sich - anders als in Deutschland - kaum mit Sitzblockaden von Kernkraftgegner herumplagen, wenn sie neue Meiler ankündigt. Letztes Jahr schon hat sich die Regierung das Ziel gesetzt, die Kapazität ihrer Kernkraftwerke bis 2020 auf 58 Gigawatt zu verdreifachen. Schon bis dahin soll die Zahl der Kraftwerke von derzeit 15 auf 71 steigen. Und läuft dann alles weiter nach Plan, würde China spätestens 2030 mit 150 Gigawatt Atomstrom die Amerikaner überholen, die bei etwas mehr als 100 Gigawatt liegen. Damit würde die Volksrepublik binnen einer Generation zur größten Atomstrom-Nation der Welt aufsteigen. In Peking hat Umweltschutz nun höchste Priorität - und die Atomenergie gilt in China als grüne Energie.

Die Entscheidung in China hat für Deutschland sehr große Bedeutung: Denn rund um Deutschland herum bauen die Chinesen nun auf amerikanischer aber auch deutscher Technologie basierende von ihnen entwickelte Atomkraftwerke. In England sollen mehrere 1,6 Gigawatt Anlagen entstehen. Schon vergangenen Oktober haben London und Peking einen Deal unterzeichnet, der es chinesischen Firmen erlaubt, künftig Atomreaktoren in Großbritannien zu besitzen und zu betreiben. China beteiligt sich außerdem am Bau des ersten Atomreaktors in Rumänien, der bis 2017 abgeschlossen sein soll. Außerdem wird über den Bau eines Reaktors in der Türkei verhandelt.

Frank Sieren, DW-Kolumnist (Foto: Sieren)
DW-Kolumnist Frank SierenBild: Frank Sieren

Mehr Atomkraftwerke "Made in China"

Und das ist erst der Anfang, je knapper die Europäer bei Kasse sind und je mehr preiswerte Kernkraftwerke sich in Europa bewähren, desto mehr können die Chinesen verkaufen. Doch schon jetzt kann man feststellen: Mit der Entscheidung Chinas für Atomkraft geht Merkels Taktik war zwar immer noch innenpolitisch auf, energiepolitisch ist sie jedoch ein Eigentor. Innenpolitisch ist es Merkel gelungen, den Grünen eines ihrer wichtigsten politischen Themen wegzunehmen. Deshalb haben weniger Wähler die Grünen gewählt. Eine rot-grüne Koalition gegen die Merkel-Partei CDU hat deswegen nicht genug Stimmen bekommen. Das ist ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Grund, warum eine große Koalition unter der Führung von Merkel möglich wurde. Die atomkritischen Wähler werden jedoch bald merken, dass Deutschland nicht sicherer ist, wenn es keine deutschen Atomkraftwerke mehr gibt, die als die sichersten der Welt galten.

Denn Deutschland wird von lauter neuen chinesischen Kernkraftwerken umzingelt, die sicher nicht so sicher sind, wie es die Deutschen gewesen wären. Und es sind zudem Kraftwerke, über deren Qualität die Deutschen kaum Kontrolle haben. Dazu müssten sie erst in Brüssel Standards durchsetzen, was als Aussteiger nicht ganz einfach ist. Die atomkritischen Wähler werden darüber verärgert sein. Vielleicht hat Merkel dennoch Glück: Denn wer in der Opposition legt den Finger auf diese Wunde? Die Grünen und die Linken bestimmen nicht. Sie wollen ja das Gleiche wie Merkel. Insofern kann sich China darauf einstellen, dass selbst in Deutschland kaum jemand über die chinesischen Kraftwerke auf europäischem Boden meckern wird. Denn, sobald einer mit dem Finger auf sie zeigt, wird die abgewickelte deutsche Atomindustrie rufen: Selbst schuld. Ihr wolltet die sichersten der Welt ja nicht. Jetzt müsst ihr mit "Made in China" leben.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.