Sommerreise Teil 5: Reich gegen Arm – wie gerecht geht es in Deutschland zu?

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14.07.2017

Soziale Ungleichheit in Bremen

Deutschland ist das wirtschaftliche Zugpferd Europas. Aber die Ungleichheit nimmt zu: Immer mehr Deutsche werden trotz Arbeit abgehängt. Besonders deutlich ist das in Bremen. Nina Haase und Sumi Somaskanda waren dort.

Wir sind kaum zehn Minuten in der Bremer Innenstadt, da springt uns unser Thema der Woche in die Augen - manifestiert in der Montagsdemo.

Politik | 08.08.2017

Fünf Männer mit Mikro, großem Transparent und Plakaten: "Arbeitslosigkeit kann jeden treffen!" und "Stoppt Zeit- und Leiharbeit - Arm trotz Arbeit" steht darauf. Seit Jahren demonstriert die Gruppe hier Woche für Woche um 17:30 Uhr. Mitten im historischen Zentrum, auf Kopfsteinpflaster neben dem Rathaus aus dem 15. Jahrhundert. Manfred Seitz schimpft auf die Leiharbeitsfirmen. Das seien "moderne Sklavenhalter". Er und seine Mitdemonstranten wünschten sich mehr soziale Gerechtigkeit, sagen sie. 

Bremen Nina Haase und Sumi Somaskanda Station 5

"Montag ist Widerstandstag" - Demonstration gegen Sozialabbau


Aber was ist das - soziale Gerechtigkeit? Wie sieht Armut in Deutschland aus, diesem reichen Industrieland? Deutschland ist Europas wirtschaftliches Zugpferd. Die Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem Rekordtief, die Löhne steigen. Aber immer mehr Deutsche werden abgehängt. Aus dem jährlichen Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands von März 2017 ging hervor: Die Quote der von Armut bedrohten Deutschen ist mit 15,7 Prozent so hoch wie zuletzt zu Zeiten der Wiedervereinigung.

Wenn der Sozialstaat die Grundversorgung übernimmt

Bei unserer Recherche finden wir unterschiedliche Zahlen - je nachdem, welche Faktoren man ansetzt. Auf eine Maßeinheit, die der relativen Armut, hat man sich in der Europäischen Union aber geeinigt: Wer über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt, gilt als arm. Deutschlands starker Sozialstaat muss in Städten wie Bremen immer häufiger die Grundversorgung übernehmen.

Gesellschaft | 14.07.2017
Infografik BTW 2017 Arbeitslosenquote Bundesländer 2016 DEU

Bremen belegt im bundesweiten Vergleich immer wieder traurige Spitzenplätze: bei Pro-Kopf-Verschuldung und Arbeitslosigkeit, und: Nirgendwo in Deutschland gelten so viele Kinder und so viele Erwachsene als arm wie in Bremen.

Diese Armut sieht man oft nicht. Denn einerseits haben sich diejenigen, die wirklich nur noch ihre Wohnung haben, so zurückgezogen, dass jeder unserer Versuche scheitert, Kontakt zu bekommen. Selbst Streetworker können uns nicht helfen. Und es gibt noch einen Trend, den wir beobachten: Es gibt immer mehr Deutsche, die zwar einen Job haben, mit ihrem Geld aber nur eben so über die Runden kommen. Jeder fünfte Deutsche arbeitet im Niedriglohnsektor. Steigende Mieten und höhere Lebenshaltungskosten in den Städten wirken sich besonders auf diese Gruppe aus.

"Die Ungleichheit wächst"

Wir befragen Frank Nullmeier, Professor am Socium,einem Bremer Forschungsinstitut, zu Ungleichheit und Sozialpolitik. Wissenschaftler streiten sich heute darüber, ob die sogenannten "Agenda 2010"-Reformen, die damals den Niedriglohnsektor förderten, zur wachsenden Ungleichheit beigetragen haben, sagt der Armutsforscher im DW-Gespräch. "Was aber keiner bestreiten kann, ist, dass sie jedenfalls nicht zur Beförderung von Gleichheit beigetragen haben."

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Die Heimgekehrte

Rassismus ist für Sainabou Sosseh ein großes Anliegen. "Ich bin selbst davon betroffen, aber Rassismus ist nicht nur in Deutschland ein Thema." In ihrem Bremer Viertel ist sie für ihre Teilnahme an der Castingshow "Germany's Next Topmodel" berühmt. "Jeder sollte als Mensch behandelt werden, egal welche Hautfarbe." Für ihre alte Grundschule wünscht sie sich mehr finanzielle Unterstützung.

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Der Experte

"Ich mir nicht sicher, ob Gerechtigkeit ein zentrales Thema der nächsten Legislaturperiode wird", sagt Sozialforscher Frank Nullmeier von der Universität Bremen. Trotzdem: "Ich würde mir wünschen, dass die Frage der wachsenden Ungleichheit insbesondere der Vermögens-Ungleichheit im Bundestag diskutiert wird und erste Maßnahmen erfolgen."

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Der Nachbarschaftshelfer

"Egal ob arm oder reich, alle sollen ernst genommen werden", sagt Martin Rohde, der sich im Stadtteil Gröpelingen engagiert. Menschen die in sozial schwachen Gebieten arbeiten, sollten mehr wertgeschätzt werden und ihre Arbeit sollte gesichert sein. "Für die Menschen, die dort leben, wünsche ich mir, dass sie mehr Möglichkeiten bekommen, auch ihr Wohngebiet zu verlassen und von anderen zu lernen."

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Die Verwalterin

"Ein Problem im Wahlkampf ist meiner Meinung nach, dass die Wähler viel zu wenig aufgeklärt werden über Konsequenzen ihres Wahlverhaltens", sagt Rita Sänze, die mehrere Sozialbauten in Bremen betreut. Politiker dagegen "sollten nicht immer nur im Wahlkampf Kontakt zu den Menschen haben, für die sie Entscheidungen treffen."

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Die Sozialarbeiter

"Die Politiker sind sich alle viel zu nah", sagt Sabine Glienke, die den Familientreff in Gröpelingen betreut. "Ich wünsche mir junge, dynamische Leute, die einfach andere Ideen haben." Ihr Kollege Robin Rohlfing hat selbst einen Vorschlag: "Man sollte den Mindestlohn weiter nach oben schrauben, damit die Leute wirklich entsprechend ihrer Arbeit vergütet werden."

In Bremen-Oslebshausen treffen wir Katja Dreher. Das Viertel gilt als eines der ärmsten in ganz Deutschland. Die große Mehrheit hier habe keine Arbeit, sagt uns das Quartiermanagement. So wie Katja Dreher - sie war selbständig im Onlinegeschäft. Dann bekam sie Rückenprobleme und konnte nicht mehr arbeiten. Jetzt bezieht die 34-Jährige Hartz IV. Sie verdient sich etwas dazu - in der neuen Kleiderbörse des Stadtteils.

Katja würde gerne wieder arbeiten, sagt sie. Aber nur, wenn der finanzielle Unterschied spürbar wäre. Sie hat den Eindruck gewonnen, dass sich Arbeiten gar nicht lohne. Sie habe jetzt 100 bis 150 Euro mehr im Monat als früher, erzählt sie uns. Denn anders als früher sei sie jetzt pflichtversichert. Die Zahlungen für Krankenversicherung und Rentenversicherung übernimmt der Staat. "Das ist einfach krass, dass man mehr Geld hat, wenn man nicht arbeitet oder nicht so viel arbeitet", sagt sie - und fügt hinzu: "Ich finde das wirklich schade. Denn Arbeiten an sich ist keine schlechte Sache - das sollte man schon machen." Die Arbeit fehle ihr auch. "Aber letztendlich muss man an sich selber denken."

Bremen Nina Haase und Sumi Somaskanda Station 5

"Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Und dann", fragen die Demonstranten

Arm wählt nicht

Zu den Lösungsvorschlägen für die wachsende Ungleichheit in Deutschland gehört die Forderung nach der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Harald Schröder ist von der Idee vollkommen überzeugt. Der 61-Jährige arbeitet für die Innere Mission Bremen als Seelsorger mit Menschen, die in Armut leben. Er nennt sie "Gäste", denn sie kommen auch schon mal zu ihm in die Bahnhofsmission des Hauptbahnhofs. Viele seiner "Gäste" mieden aus Scham den Gang zu den Behörden. Das Jobcenter wiederum habe in einigen harten Fällen Hausverbot erteilt. Schröder unterstützt die Forderung nach einem Grundeinkommen, weil "sie aus Alimentierten wieder gleichberechtigte Bürger macht".

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Und eigentlich sind es ja eben diese "gleichberechtigten Bürger", die im September ihre Repräsentanten wählen sollen. In den persönlichen Gesprächen auf unserer Reise aber finden wir einen gefährlichen Trend bestätigt: Arm wählt nicht.

In Bremen, mit seinen vielen in Armut lebenden Menschen, war es besonders deutlich. Und das belegen auch die Zahlen: Bei der letzten Wahl zur Bürgerschaft in Bremen 2015 gab nur die Hälfte der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. "Wahlsieger" war also nicht die SPD oder die CDU, sondern die Gruppe der Nichtwähler - mit großem Abstand.

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