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Stichwort: New York Times

Corinna Nohn6. März 2006

Sie macht immer wieder mit Skandalen auf sich aufmerksam. Zuletzt berichtete die Zeitung, der BND habe vor Beginn des Irak-Krieges einen Verteidigungsplan für Bagdad an US-Stellen weiter geleitet.

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Die New York Times gilt weltweit als Vorbild für investigativen JournalismusBild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Als "olle Kamellen" titulierte Olaf Scholz (SPD) die Berichte der "New York Times" (NYT) über die angebliche Zusammenarbeit zwischen Bundesnachrichtendienst (BND) und US-Militär im Irak-Krieg. Für die bloße Wiedergabe längst bekannter Geschichten ist die renommierte Zeitung allerdings weniger bekannt. Vielmehr steht ihr Name für seriöse Recherche und investigativen Journalismus der Spitzenklasse.

Insgesamt 91 Pulitzer-Preise haben das Medium und seine Journalisten bereits eingeheimst, allein sechs davon 2002 für die herausragende Berichterstattung über die Anschläge vom 11. September. Das linksliberale Blatt ist eine der drei größten Zeitungen Amerikas und erscheint montags bis freitags mit einer Auflage von 1,1 Millionen, sonntags von 1,7 Millionen. Mit 156 Jahren ist "The Gray Lady", die graue Dame, zudem eine der ältesten Zeitungen in den USA.

Skandale, schlechte Arbeit und Affären

Allerdings hat der Lack in den vergangenen Jahren Kratzer bekommen, und die Auszeichnungen sind seltener geworden: 2003 gab es großen Wirbel um den Reporter Jayson Blair, der die meisten seiner Artikel von Lokalzeitungen abgeschrieben oder sie gar frei erfunden hatte. Dann musste die Zeitung einräumen, einseitig und regierungsfreundlich über den Irak-Krieg berichtet zu haben.

2005 folgte die Entzauberung der Starreporterin Judith Miller: Die Pulitzer-Preisträgerin spielte eine zentrale Rolle im Regierungsskandal um die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame. Zuerst galt die Journalistin als Heldin der Pressefreiheit, weil sie ihre Quelle nicht preisgeben wollte und dafür 85 Tage ins Gefängnis ging. Später stellte sich heraus, dass sich Miller in Wirklichkeit von der Regierung instrumentalisieren ließ. Denn hohe Beamte aus dem Weißen Haus hatten gezielt Informationen über irakische Rüstungsanstrengungen gestreut und dabei auch den Namen Plame verraten. Nach 28 Jahren Zusammenarbeit haben sich die Zeitung und Miller mittlerweile getrennt.

Auch die Konkurrenz hat keine weiße Weste

Nicht nur die NYT, auch das Image der wichtigsten Konkurrentin in Sachen investigativer Journalismus, die "Washington Post", hat unter der Affäre gelitten. Kein geringerer als die Enthüllungs-Ikone Bob Woodward musste zugeben, länger als alle anderen Journalisten gewusst zu haben, dass Regierungsmitglieder Plame bewusst enttarnten. Daraufhin distanzierte sich die "Post" von Woodward, der in den 1970er-Jahren gemeinsam mit seinem Kollegen Carl Bernstein die Watergate-Affäre aufdeckte.

Die Glaubwürdigkeit der in die Skandale verwickelten Journalisten ist zerstört. Das Ansehen der Zeitungen hat gelitten. Die NYT arbeitet zurzeit daran, ihrem Ruf als Vorbild im investigativen Journalismus wieder besser gerecht zu werden - wohl zum Verdruss des BND. Der wehrt sich gegen die Vorwürfe, amerikanischen Kollegen wesentliche Informationen zur Unterstützung der Operationen in Irak geliefert zu haben.