Geschichte

Tagebuch bezeugt Völkermord in Afrika

Der deutsche Missionar Johannes Spiecker war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zeuge des Völkermords an den Herero und Nama. Sein Tagebuch erzählt von einem dunklen Kapitel deutscher Kolonialgeschichte.

Gefangene Hereros in Afrika - 1904/05 (Foto: ullstein bild)

Südwestafrika, 6. Juli 1906: "Hier in Afrika lernt man so mancherlei, vor allem sich behelfen mit dem, was da ist", schrieb Johannes Spiecker in sein Tagebuch. Große Hitze, schlechte Straßen, Tropenkrankheiten und fremde Lebenswelten – als der deutsche Missionar durch "Deutsch-Südwestafrika", das heutige Namibia, reiste, kämpfte er gegen viele Widerstände. Seine Eindrücke und Erlebnisse hielt er in einem Tagebuch fest. Es ist ein Zeugnis vom Alltag deutscher Missionare – und von einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.

Bild von Johannes Spiecker (Foto: Archiv- und Museumsstiftung der VEM)

In seinem Tagebuch hielt Johannes Spiecker seine Erfahrungen als Missionar in Afrika fest

Spätestens Mitte der 1880er Jahre teilten die europäischen Großmächte Afrika unter sich auf. Deutschland bekam Kolonien im heutigen Namibia, Burundi, Ruanda, Tansania, einen Teil Nord-Mosambiks sowie Kamerun und Togo zugesprochen. In diesen Regionen wollte das Deutsche Reich zu Weltgeltung gelangen.

Kolonialkrieg und Völkermord

Als Johannes Spiecker 1905 nach Afrika kam, war die Rheinische Missionsgesellschaft (RMG) schon lange in Südafrika und später auch im heutigen Namibia tätig. Ihre protestantischen Missionare predigten seit 1829 in immer mehr Missionsstationen und versuchten, die Afrikaner zum Christentum zu bekehren. Der aus dem rheinischen Barmen stammende Johannes Spiecker kontrollierte zwischen 1905 und 1907 die 25 Stationen der Rheinischen Mission in "Deutsch-Südwestafrika". In dieser Zeit wurde er unfreiwillig zum Zeugen eines Völkermords.

Denn zwischen 1904 und 1907 herrschte Krieg in Südwestafrika. Die Herero und Nama begehrten gegen Unterdrückung und Landenteignung durch die Kolonialmacht auf. Doch die deutschen Truppen schlugen mehrere Aufstände der Afrikaner brutal nieder. Die Gefangenen wurden verschleppt und zur Arbeit gezwungen. Schätzungen zufolge starben etwa 80.000 Stammesangehörige bei den Kämpfen - oder in Folge der brutalen Haftbedingungen in den Jahren danach.

Deutscher Aufmarsch gegen aufständische Herero 1904

Deutscher Aufmarsch gegen aufständische Herero 1904

"Man muss den Krieg im Süden dadurch beenden, dass man den Bondels (gemeint sind die Bondelswart, eine Volksgruppe der Nama - Anm. d. Red.) alles verspricht: Land, Vieh und was sie wollen. Haben wir sie dann, dann hängen wir alle." Diese Aussage eines jungen Leutnants hielt Spiecker in seinem Tagebuch fest. Es ist nicht die einzige dieser Art. Ohne Scheu fantasierten deutsche Offiziere damals vom Völkermord. "Die Ausrottung aufsässiger Stämme galt manchem Offizier als Kavaliersdelikt und zudem als militärisch sinnvoll", sagt der Sprach- und Kulturwissenschaftler Martin Siefkes, der das Tagebuch von Johannes Spiecker herausgegeben hat. "Das Tagebuch gibt klare Hinweise, dass eine entsprechende Mentalität in der Schutztruppe weit verbreitet war."


Ein "Anwalt der Afrikaner"?

Der Missionar Johannes Spiecker setzte sich für die Herero ein. Unermüdlich sprach er mit Beamten der Kolonialregierung über die Situation der Stammesangehörigen und trat als Fürsprecher der Stämme ein. Dass sich Missionare im Kolonialkrieg für die Schwachen einsetzten, war nicht ungewöhnlich. Erstaunlich war Spieckers Auftreten: "Er war sehr energisch, direkt und furchtlos, er argumentierte gut und war äußerst beharrlich", so die Einschätzung Siefkes. Spiecker habe auch Zugang zu höheren Kreisen gehabt und Gespräche mit dem deutschen Gouverneur Friedrich von Lindequist geführt.

Ein Foto zeigt eine Missionskirche im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika (Foto: Friedrich Lange, Windhuk/Verlag Franz Rohloff)

Eine Missionskirche im damaligen "Deutsch-Südwestafrika"

Spieckers Einsatz für die Völker der Herero und Nama wurzelte im christlichen Glauben. Er sprach sich gegen die Ausrottungsfantasien und gegen die Lager aus. Die kolonialen Unterdrückungsmechanismen insgesamt - Zwangsarbeit oder sexuelle Gewalt gegen Frauen beispielsweise - hinterfragte er hingegen nicht. Die "Hebung der Eingeborenen", ihre "Heranführung" an eine vermeintlich europäische Arbeitsmoral, sah auch Spiecker als eine der wichtigsten Aufgaben der Mission in der Kolonie an. Als gleichwertige Menschen betrachtete er die Afrikaner nicht: Die vermeintliche Überlegenheit deutscher Kultur stand für ihn außer Frage, wie aus seinem Tagebuch hervorgeht.

Den Wert seiner Aufzeichnungen als historisches Dokument schmälert das aber nicht. "Das Tagebuch ermöglicht einen Blick von Innen auf die damaligen Vorgänge", sagt Martin Siefkes. "Die Verwicklung der Mission in Krieg und Völkermord, den Einsatz für die Gemeindemitglieder, die Machtverhältnisse, aber auch den anstrengenden Alltag der Missionare."


Deutsche Verantwortung

Porträt von Lothar von Trotha (Foto: picture-alliance/dpa)

Völkermord: Lothar von Trotha kommandierte die kolonialen Truppen damals

1907 kehrte Johannes Spiecker nach Deutschland zurück. 1908 wurde er Direktor der Rheinischen Mission Barmen, 1920 starb er mit 64 Jahren. Nach Afrika war er nicht noch einmal gereist. Heute ist der Missionar fast in Vergessenheit geraten: "In Deutschland ist Johannes Spiecker nur wenigen ein Begriff. Allenfalls die Nachkommen von Missionaren der RMG interessieren sich für ihn," stellt Martin Siefkes fest. "Historische Darstellungen des Aufstands erwähnen ihn nur am Rand und berücksichtigen das Tagebuch nicht."

Wenige Jahre später, im Ersten Weltkrieg, verloren die Deutschen alle Kolonien. Auch der Herero-Krieg geriet in Vergessenheit. Von Völkermord möchte die Bundesregierung bis heute nicht sprechen: "Deutschland hat keinen Völkermord an den Herero und Nama begangen", erklärte sie im Sommer 2012 auf eine Anfrage der Partei Die Linke. Martin Siefkes meint: "Bis heute wird der Völkermord gerne dem Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika, General Lothar von Trotha, allein in die Schuhe geschoben. Weil er es war, der einen Schießbefehl erteilte, der die Tötung von Zivilisten, Frauen und Kindern beinhaltete." Aus Spieckers Tagebuch ergebe sich allerdings ein anderes Bild. Damit liefere es "weitere Argumente für die deutsche Schuld."

Johannes Spiecker: Mein Tagebuch. Erfahrungen eines deutschen Missionars in Deutsch-Südwestafrika 1905-1907, hrsg. von Martin Siefkes und Lisa Kopelmann, 2012, 529 Seiten, ISBN: 978-3940862419, Preis: 28,50 Euro.

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