... und die Großen lässt man laufen - Alternativer Drogenbericht 2017

Noch immer gibt es kein Verbot für Tabakwerbung und mehr Polizeiermittlung bedeutet nicht weniger Drogenkriminalität, kritisiert der Alternative Drogen- und Suchtbericht 2017. Ein bisschen Positives gibt es aber auch.

Der Alkoholkonsum ist zurückgegangen. Das "Koma-Trinken" unter jungen Leuten hat abgenommen. "Natürlich gibt es nach wie vor Rauschtrinken", so Heino Stöver von akzept e.V. – dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik, der den Alternativen Drogenbericht verfasst hat. "Der Trend scheint aber erst einmal gebrochen. Es gibt aber auch nicht den Jugendlichen, der nur mal am Alkohol nippt. Bei vielen geht es um die Wirkung von Alkohol", sagt Stöver. Bei Erwachsenen hingegen stehe beim Alkoholkonsum eher der Geschmack und der Genuss im Mittelpunkt. 

Deutschland sei nach wie vor ein Hochkonsumland. Das bestätige auch eine neuere Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BZgA. Demnach ist der Alkoholkonsum bei Erwachsenen und bei Jugendlichen im letzten Jahr allerdings zurückgegangen.

Schlechte Noten für Deutschland 

Beim Rauchen schneidet Deutschland nicht gut ab. Der Tabakatlas bringt es an den Tag: Im Ranking der europäischen Tabakkontrollpolitik steht Deutschland auf dem vorletzten Platz, England hingegen auf Platz Eins. Was machen die Engländer anders als die Deutschen? Zunächst einmal gibt es auf der Insel keine Zigarettenautomaten - hierzulande hingegen stehen etwa 300.000. Außerdem gibt es in Deutschland noch immer kein Werbeverbot für Tabakprodukte. Das ist einer der Hauptkritikpunkte von "akzept" an der Politik der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler. Sie hätte schon längst handeln müssen, so der Verband.

Der Tabakatlas beschreibt die jeweilige Tabakpolitik und -strategie der einzelnen Länder und bewertet die internationalen Vorgaben in der sogenannten "Framework convention for tobacco control". Darin sind verschiedene Regulationsmechanismen aufgeführt. Auch Deutschland hat sich dazu verpflichtet, die Vorgaben einzuhalten, die der Tabakatlas kontrolliert und beobachtet. 

Politik | 05.04.2017
Cannabis Pflanze Marihuana

Im Januar 2017 stimmte die Bundesregierung für die Einführung von Marihuana auf Rezept

Als eindeutig positiv sieht der Alternative Drogen- und Suchtbericht das neue Gesetz zu Cannabis als Medizin. Es sei ein Reflex der Bundesregierung auf die zunehmende Zahl von Klagen, die Konsumenten eingereicht hatten und die in einem rechtlich unsicheren Raum belassen worden seien. Dazu gehören Schmerzpatienten und Menschen mit anderen schwerwiegenden Belastungen. "Cannabis ist eben nicht nur eine Droge, sondern auch eine Medizin. Das ist verschüttet gegangen, jetzt wurde die therapeutische Wirkung wiederentdeckt."

Das größte Sorgenkind

Laut Alternativem Drogen- und Suchtbericht ist die Anzahl der Drogentoten 2016 zum vierten Mal in Folge um etwa neun bis zehn Prozent höher als im Vorjahr. Auch die Rauschgiftdelikte, die polizeilich ermittelt wurden, sind weiterhin angestiegen und liegen bei einem neuen Höchststand von 302.000 im letzten Jahr. 80 Prozent seien sogenannte Konsumdelikte oder konsumnahe Delikte, bei denen es um Rauschgift für den Eigenbedarf gehe, so Heino Stöver. "Wir lagen vor 10 Jahren noch bei einem Anteil von 60 Prozent an konsumnahen Delikten. Mittlerweile liegen wir bei 80 Prozent. Die Hälfte davon sind Jugendliche und Heranwachsende."

Junge Leute würden durch polizeiliche Ermittlungen stigmatisiert, abgestempelt als Kiffer, als Junkies oder Fixer. Dealer aber werden nur selten gefasst. "Ein Dealer fragt nicht, ob man schon 18 Jahre alt und sich sicher ist, dass man die Drogen kaufen will", sagt Stöver. Durch die Prohibition  werde das Geschäft weiter befeuert und befördert, sodass die Dealer Höchstpreise nehmen können. Verbote seien kontraproduktiv.

Crystal Meth Konsumenten

Der Konsum von Crystal Meth zeigt schon nach kurzer Zeit verheerende Folgen

Auch der Umgang mit synthetischen Drogen ist nach wie vor akut. Für eine wirkungsvolle Strategie hält Stöver hier das Drug-Checking. Berlin und Hessen wollen dieses Modell jetzt umsetzen: Pillen könnten so auf ihre Inhaltsstoffe getestet werden, auf die Zusammensetzung und Reinheit. "Das wäre ein sehr, sehr sinnvolles Vorgehen." Auch beim Konsum der Designerdroge Crystal Meth setzen Stöver und akzept e.V. auf Aufklärung und Schadensbegrenzung. Welche Schäden können bei unsachgemäßer Herstellung auftreten? Kann man weitere Schäden vermeiden? "Das ist ein Diskurs, der noch nicht einmal begonnen wurde", kritisiert Stöver die Arbeit der Bundesdrogenbeauftragten.

Neu ist Crystal Meth nicht. Im Zweiten Weltkrieg wurde es unter dem Namen Pervitin an Soldaten gegeben, um sie nahezu unbegrenzt leistungsfähig zu halten. 36 Stunden ohne Schlaf waren keine Seltenheit. Und dieser Stoff habe in der Leistungsgesellschaft offenbar wieder eine neue Bedeutung erlangt, gibt Stöver zu bedenken.

Suchtforscher Heino Stöver Fachhochschule Frankfurt

Stöver: Drogen müssen in sicherem und sauberem Umfeld konsumiert werden können

Dringende Maßnahmen

Mehr Räume, in denen Drogen unter hygienischen Bedingungen konsumiert werden können, müssten eingerichtet werden. Das ist einer der Vorschläge von akzept. "Wir haben 24 Drogenkonsumräume in Deutschland, aber nur in sechs 6 Bundesländern. Die anderen zehn Bundesländer haben noch nicht einmal die rechtliche Grundlage dafür erarbeitet", warnt Stöver.

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Außerdem solle jeder Haushalt, in dem ein Drogenabhängiger lebt, über ein Antidot verfügen. Das ist eine Substanz, die ein Gift inaktiviert oder zumindest die Wirkung herabsetzt. Naloxon ist eine solche Substanz. "Es gibt sie in der Notfallmedizin. Es bringt die Heroinwirkung sofort auf null, reißt das Opioid vom Rezeptor und die Menschen werden sofort nüchtern und klar."

Die Zunahme am Drogenkonsum sei unabhängig von polizeilichen Aktivitäten gestiegen, so die Verfasser des Alternativen Drogen- und Suchtberichts. Er zielt darauf ab, sich mehr Gehör zu verschaffen und  eine sachliche Debatte zu führen. "Wir wollen eine evidenzbasierte Drogenpolitik, die sich an wissenschaftlichen Fakten orientiert, statt an parteipolitischen Glaubenssätzen." Solange das nicht der Fall sei, werde man nicht müde, Gegenöffentlichkeit aufzubauen.

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THEMEN | 31.03.2017

Wann bekomme ich Cannabis in der Apotheke?

Deutscher Drogenangriff

Bei den Feldzügen in Polen 1939 und in Frankreich 1940 schickte Hitler chemisch aufgeputschte Soldaten in den Kampf. Allein beim Frankreich-Feldzug sollen 35 Millionen Pillen von Pervitin an die kämpfende Truppe verabreicht worden sein. Das Mittel - ein Methamphetamin - hatte den den Namen "Panzerschokolade" oder auch "Herman-Göring-Pillen". Allerdings: Auch die Alliierten dopten ihre Soldaten.

Wach, furchtlos, keinen Hunger

Das Wundermittel der deutschen Wehrmacht hatte ein Japaner erstmals in flüssiger Form hergestellt. Chemiker der Berliner Temmler-Werke entwickelten es fort und meldeten 1937 ein Patent an - ein Jahr später ging es als Arzneimittel in den Handel. Das Mittel vertrieb Müdigkeit, Hunger, Durst und Angst. Heute wird Pervitin illegal unter einem neuen Namen verkauft: Crystal Meth.

Selbst sein bester Kunde?

Historiker streiten sich, ob auch Adolf Hitler der Pervitinsucht verfallen war. In den Betreuungsakten seines Leibarztes Theo Morell taucht auffallend häufig ein X auf. Für was dieser Eintrag steht, ist bis heute unklar. Als gesichtert gilt, dass Hitler sehr starke Mittel verabreicht bekam - die meisten wohl fernab heutiger Betäubungsmittelvorschriften.

Wundermittel Heroin

Der Erfindergeist deutscher Drogenköche begann allerdings deutlich früher. "Kein Husten mehr dank Heroin", so lautete Ende des 19. Jahrhunderts der Werbeslogan des heutigen Weltkonzerns Bayer für seinen Verkaufsschlager. Schon bald wird Heroin bei Epilepsie, Asthma, Schizophrenie und Herzerkrankungen verschrieben - auch bei Kindern. Als Nebenwirkung gab Bayer Verstopfung an.

Kreative Chemiker

Felix Hoffmann wird vor allem für die Erfindung von Aspirin gefeiert. Seine zweite bahnbrechende Leistung gelang ihm eher nebenbei, als er mit Essigsäure experimentierte. Anders als bei Aspirin kombinierte der Chemiker die Säure mit Morphin, dem getrocknete Saft von Schlafmohn. Sein Produkt sollte den Deutschen bis 1971 legal erhalten bleiben - erst dann wurde Heroin verboten.

Kokain für Augenärzte

Der Darmstädter Konzern Merck produzierte bereits ab 1862 Kokain im großen Stil als lokales Betäubungsmittel für Augenärzte. Vorausgegangen waren Experimente des Forschers Albert Niemann mit Cocablättern aus Südamerika. Der Chemiker isolierte ein besonderes Alkaloid, das er Kokain nannte. Niemann starb kurz nach seiner Entdeckung - allerdings an einem Lungenproblem.

"Euphorisch und arbeitsfähig"

Der für die Psychoanalyse bekannte Neurologe Sigmund Freud konsumierte Kokain für wissenschaftliche Zwecke. In seinen "Schriften über Kokain" beschrieb Freud den Stoff als unbedenklich. Man fühle sich "euphorisch, lebenskräftig, arbeitsfähig". Seine Begeisterung ließ nach dem Drogentod eines Freundes nach. Das Mittel wird zu diesem Zeitpunkt auch bei Kopf- und Magenschmerzen verschrieben.

Vergessenes Ecstasy-Patent

Der US-Chemiker Alexander Shulgin gilt als Erfinder von Ecstasy als Partydroge. Er ist aber nur der Wiederentdecker. Die ursprüngliche Brauanleitung der bunten Pillen stammt vom Pharmakonzern Merck. 1912 beantragte das Unternehmen das Patent für ein farbloses Öl mit dem Namen 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin - kurz MDMA. Die Substanz stuften die Chemiker damals als kommerziell wertlos ein.

Langer Schatten

Der Entdeckerdrang deutscher Chemiker wirkt - unbeabsichtigt - bis heute nach. Die Vereinten Nationen schätzen, dass im Jahr 2013 weltweit knapp 190.000 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen starben. Für die legale Droge Alkohol sieht die Bilanz noch schlechter aus: Die WHO schätzt für 2012, dass 5,9 % aller Todesfälle auf Alkoholkonsum zurück geführt werden können, rund 3,3 Millionen.

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