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Ungewisse Zukunft für DFB-Frauen nach WM-Aus

4. August 2023

Nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen bei der WM 2023 in Australien stellen sich grundsätzliche Fragen. Ist es nur eine Momentaufnahme oder gibt es systemische Fehler im Verband?

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Enttäuschte deutsche Spielerinnen nach dem Spiel gegen Südkorea bei der Fußball-WM
Ratlosigkeit nach dem enttäuschende WM-Aus - wie geht es weiter bei den DFB-Frauen?Bild: Sajad Imanian/DeFodi/picture alliance

"Ich hoffe, dass die Leute uns weiter den Rücken stärken, dass sie gesehen haben, was wir grundsätzlich in der Lage sind zu leisten", sagte Alexandra Popp am Tag nach dem bitteren Vorrunden-Aus der DFB-Frauen bei der Fußball-WM in Australien und Neuseeland. In der gesamten deutschen Mannschaft herrschte eine Nacht nach dem 1:1 gegen Südkorea immer noch Untergangsstimmung.

Die enttäuschte Popp, die ihre Zukunft im Team der DFB-Frauen offenließ, machte sich Sorgen, dass die Entwicklung des Fußballs der Frauen, der nach Platz zwei bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr einen Hype erlebte, durch das frühe Aus bei der WM insgesamt Schaden nehmen könnte. Sie habe "schon den Wunsch, dass nach dem einen Mal nicht das Ganze wieder den Bach runtergeht", so die 32 Jahre alte Kapitänin des DFB-Teams.

Voss-Tecklenburg bleibt Bundestrainerin

Vieles ist nach der verpatzten WM ungewiss. Neben Popp gibt es weitere ältere Spielerinnen, von denen man nicht weiß, ob sie noch für das Nationalteam spielen werden. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg stellte dagegen klar: "Ich bin noch nie weggelaufen, wenn es schwierig geworden ist. Also habe ich weiterhin den festen Willen, zusammen mit allen Beteiligten die nächsten Schritte im deutschen Frauenfußball zu gehen." Und sie fügte auf der Abschluss-Pressekonferenz am Samstagmorgen hinzu: "Ich bleibe hartnäckig und stark."

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei der Abschlusspressekonferenz der DFB-Frauen
Trotz verpatzter WM weiterhin an Bord: Martina Voss-Tecklenburg möchte Verantwortung übernehmenBild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Zuvor hatten DFB-Manager Joti Chatzialexiou und DFB-Präsident Bernd Neuendorf ihr Rückendeckung gegeben. Man habe den Vertrag mit der Bundestrainerin erst kürzlich bis 2025 verlängert und "ihr das Vertrauen ausgesprochen, das sie nach wie vor auch genießt", sagte Neuendorf. "Wir haben Martina letztes Jahr für eine tolle EM gefeiert. Jetzt sind wir leider historisch ausgeschieden, da gilt es, gemeinsam aus diesem Weg rauszukommen", sagte Chatzialexiou.

Eine genaue Analyse des Scheiterns in "Down Under" soll nach der Rückkehr nach Deutschland folgen. Ob und welche Konsequenzen es geben wird, ist noch unklar. Insgesamt wird aber immer deutlicher, dass im System des Deutschen Fußballbunds etwas nicht stimmt. Mit den DFB-Frauen jetzt, dem DFB-Team der Männer bei der WM 2022 in Katar und der U21-Mannschaft der Männer, die Ende Juni bei der Europameisterschaft scheiterte, war für die drei wichtigsten Nationalteams bei einem großen Turnier bereits in der Vorrunde Endstation. Das Team von Männer-Bundestrainer Hansi Flick ist dabei nach dem frühen Scheitern bei der WM 2018 sogar schon "Wiederholungstäter".

Grundlegende Probleme

Immer wieder zeigt sich, dass deutsche Mannschaften offenbar nicht in der Lage sind, unter Druck befreit aufzuspielen, kreative Ideen zu entwickeln, sich gegen tief stehende Gegner Torchancen zu erarbeiten und diese dann auch konsequent zu nutzen. Das konnte man bei den Länderspielen der DFB-Frauen nach der erfolgreichen EURO in England öfter beobachten. Gleiches ist beim Männerteam seit Jahren ein Kritikpunkt.

"Der deutsche Fußball ist abgehängt und braucht dringend Veränderung - neue Ideen, Offenheit für moderne Impulse und Angänge" kommentierte daher die frühere Chefin der Deutschen Fußballliga (DFL), Donata Hopfen im sozialen Netzwerk "LinkedIn". Sie sieht im WM-Debakel der deutschen Fußballerinnen den Beweis für ein größeres Problem. "Und trotzdem ist das Gefühl, dass es so weitergehen wird wie bisher", so Hopfen.

Joachim Löw und Oliver Bierhoff auf dem Trainingsplatz
Bei den DFB-Männern waren Joachim Löw (r.) und Oliver Bierhoff (l.) lange verantwortlichBild: Christian Charisius/dpa/picture alliance

Nach den Misserfolgen der Männer-Mannschaft dauerte es zu lange, bis sich etwas änderte. Teammanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw durften nach mehreren erfolglosen Turnieren ihre eigenen Fehler analysieren, kamen aber nie zu dem Schluss, dass sie selbst möglicherweise das Problem waren, und machten weiter. Das Vertrauen des Verbands hatten sie sowieso. So weit wie die Männer sind die Frauen mit einem Vorrunden-Aus bei einer WM zwar noch nicht, aber Löw und Bierhoff sollten ein warnendes Beispiel sein.

Holprige Vorbereitung, Streit mit FC Bayern

Insgesamt hätte vieles besser laufen können: Schon die Vorbereitung der DFB-Frauen war nicht reibungslos. Das abschließende Testspiel gegen WM-Teilnehmer Sambia endete mit einer 2:3-Niederlage, bei der sich die deutsche Mannschaft defensiv nicht gut präsentierte. Auch beim vorherigen Testspiel gegen Vietnam konnte das Team nicht überzeugen.

Das lag möglicherweise auch daran, dass der FC Bayern, aktueller deutscher Meister und neben dem VfL Wolfsburg zweiter Spitzenklub der Frauen-Bundesliga, seine Nationalspielerinnen nicht wie alle anderen Vereine zu Beginn der DFB-Vorbereitung abgestellt hatte, sondern erst einige Tage später - zu Beginn der offiziellen Vorbereitungsperiode, die die FIFA festgelegt hatte. So blieb nur eine Partie, um Automatismen unter Wettkampfbedingungen einzuüben. 

Fehlende Kadertiefe, kein Plan B

Hinzu kamen zahlreiche Verletzungen, vor allem von Defensivspielerinnen. Carolin Simon vom FC Bayern zog sich bereits vor dem Turnier einen Kreuzbandriss zu. Marina Hergering war zu Beginn angeschlagen, Lena Oberdorf ebenso. Im Turnierverlauf verletzten sich dann auch noch Felicitas Rauch und Sara Doorsoun. Dinge, für die niemand etwas konnte, aber personelle Ausfälle, die das Team wegen des vorhandenen Leistungsgefälles im Kader nicht kompensieren konnte.

Spielszene Zweikampf Chantal Hagel im Spiel Deutschland und Kolumbien
Schon gegen Kolumbien fanden die deutschen Spielerinnen wenig MittelBild: Mark Baker/AP Photo/picture alliance

Was man selbst hätte beeinflussen können, waren die Einstellung und die Mentalität. Sowohl gegen die körperlich hart spielenden Kolumbianerinnen als auch gegen überraschend forsche Südkoreanerinnen wirkten die - fußballerisch eigentlich überlegenen - Deutschen verunsichert, gegen Südkorea streckenweise fast wie gelähmt. Obwohl die Mannschaft auch im sportpsychologischen Bereich miteinander arbeitet, schien es keinen Plan B zu geben, wie man im Falle eines Rückstands agieren sollte. Ein Problem, das auch die Männermannschaft oft befällt.

Vom frühen Aus überrascht

Wie wenig man die Möglichkeit eines Scheiterns in der Vorrunde in Betracht bezogen hat, zeigt auch die Tatsache, dass DFB-Präsident Bernd Neuendorf noch gar nicht nach Australien angereist war, um sich ein Spiel der Mannschaft anzuschauen. Er wollte erst ab dem Achtelfinale mit dabei sein. Schließlich hatten Verband und Team den WM-Titel als Ziel ausgegeben. Entsprechend gab es am Abend des Ausscheidens und am Tag danach keine Pläne, wie die jetzt verfrühte Rückreise ablaufen soll.

Zunächst ging es von Brisbane zurück ins Teamquartier nach Wyong nördlich von Sydney. Von dort soll es für den DFB-Tross "nach und nach" zurück in die Heimat gehen. Eine gemeinsame Rückreise in einem Flieger ist aufgrund der Kurzfristigkeit nicht möglich. Auch das steht symbolisch ein wenig für das Auseinanderfallen der DFB-Frauen bei der WM in Australien und Neuseeland.

Der Text wurde am 5. August nach der Abschlusspressekonferenz der DFB-Frauen aktualisiert.