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Vanessa Redgrave: "Ich bewundere Angela Merkel"

Lob für die Kanzlerin: Die britische Schauspielerin und Menschenrechtsaktivistin Vanessa Redgrave eröffnet das Internationale Filmfestival der Menschenrechte in Nürnberg mit einem Streifen über Flüchtlinge in Europa.

Vanessa Redgrave (Getty Images/C.Rodrigues)

DW: Frau Redgrave, warum haben Sie Ihren Film "Sea Sorrow" gemacht? Gab es einen speziellen Anlass?

Vanessa Redgrave: Es gab nicht den einen Grund. Dinge passieren einfach.

(Ihr Sohn Carlo Nero, Produzent des Films, schaltet sich ein): Da gab es diesen Jungen, der am Strand gefunden wurde. Dieses berühmte Bild von dem toten Jungen.

Redgrave: Ich hatte in dem Moment gerade Geld für eine Film-Performance über Flüchtlinge gesammelt. Dann passierte das mit Aylan Kurdi. Dieser kleine Junge starb. Seine Familie hatte eine Fahrkarte für ein Boot, für die Fähre zwischen Bodrum und Kos. Warum geben sie Tickets an Flüchtlinge heraus, wenn die Überfahrt nicht sicher ist? Daran muss ich immer wieder denken.

Sie haben zum ersten Mal Regie geführt. Wie war das für Sie?

Mein Sohn Carlo produzierte den Film, und ich hätte nicht Regie führen können ohne ihn, denn bisher habe ich nur Erfahrungen als Produzentin. Es gab einen sehr kreativen Austausch zwischen uns. Wie leitet man die Zuschauer? Wie kann man sie dazu bringen, still zu sein und nachzudenken? In unserer Welt denken viele Leute zu wenig nach, weder in der Kunst noch im Fernsehen oder Radio.

Was sagen Sie denn zum Ausgang der Bundestagswahl in Deutschland? Mit der AfD sitzt künftig eine Partei im Bundestag, die gegen Flüchtlinge agitiert.

Es ist eine Krise der Politik. Ich akzeptiere es nicht, dies eine Flüchtlingskrise zu nennen. Die Flüchtlinge sind in einer Krise, weil sie ihre Heimat verloren haben.

Was erwarten Sie von Deutschland?

Ich bewundere Angela Merkel. Sie allein hat ihre Verpflichtungen, die sich aus der internationalen Menschenrechtskonvention ergeben, erfüllt, als einzige führende Politikerin in der Europäischen Union. Dabei ist die Genfer Konvention internationales Recht, das für alle gilt. Jede Regierung, die sie bricht, begeht ein Verbrechen, ebenso wie jede Partei, die sich dafür einsetzt, sie zu brechen. Auch in England haben wir keine Partei, die sich für die Flüchtlingskonvention einsetzt. Es gibt wohl vereinzelte Abgeordnete, die sich für sie engagieren, aber keine Partei als Ganzes. Deshalb gibt es den Brexit. Und deshalb gibt es auch diese schreckliche Alternative für Deutschland.

Vanessa Redgrave mit einem Arzt von Ärzte ohne Grenzen (Foto: picture-alliance/dpa/O.Panagiotou)

Vanessa Redgrave 2016 beim Besuch eines temporären Flüchtlingscamp in der Nähe des Hafen von Piräus in Griechenland

Weshalb haben Sie die Einladung zum Internationalen Nürnberger Menschenrechtsfilmfestival angenommen?

(lacht) Sie haben uns halt eingeladen und wir haben Ja gesagt.

Carlo Nero: Das Thema Menschenrechte ist natürlich der wichtigste Grund. Unser Film ist schließlich ein Menschenrechtsfilm. Er erzählt nicht nur die persönliche Geschichte eines vertriebenen Mädchens (Anm. der Red.: Vanessa Redgrave floh im Zweiten Weltkrieg vor den deutschen Luftangriffen aufs Land), sondern hat auch Bezüge zur heutigen Situation. Nach all den schrecklichen Dingen, die im Zweiten Weltkrieg begangen wurden, haben wir die moralische und rechtliche Verpflichtung, Flüchtlingen zu helfen.

In Ihrem Film spielt ja auch der Labour-Politiker Alfred Lord Dubs eine Rolle, der sich für Flüchtlinge einsetzt und als Kind aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien emigrierte.

Nero: Er ist ein gutes Beispiel, weil er sein Leben lang Flüchtlingen geholfen hat. Alf Dubs sagt, wenn wir nicht helfen und die internationalen Abkommen einhalten, dann gewinnt der Faschismus die Oberhand. So wie im Dschungel von Calais: Dort haben die Behörden Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt, um den Faschisten zu beweisen, dass sie sich durchsetzen können. Wir haben den Brexit in Großbritannien, weil die Konservativen Angst vor der UKIP haben, der United Kingdom Independence Party. Und deshalb hatten wir auch dieses schreckliche Referendum. Aber tatsächlich wurde im Brexit über Flüchtlinge abgestimmt.

Redgrave: Und deshalb ist der Film auch eine Warnung.

Eine Warnung, dass sich der Faschismus schleichend verbreitet?

Redgrave: Nein, der verbreitet sich nicht schleichend, sondern voller Wucht. Der Film will zeigen, dass es eine Alternative gibt. Wir brauchen Regierungen, die ihre Hände ausstrecken und einen Weg finden, den Flüchtlingen zu helfen.

Das Gespräch führte Karin Goeckel.

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