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Veganer für eine Woche

Louise Osborne Berlin /sst
4. Januar 2017

Eier, Milch, Wolle, Leder: Tierprodukte sind für viele selbstverständlich. Nicht jedoch für Veganer. Louise Osborne hat sich nach einer veganen Woche gefragt, ob dieser Lebensstil wirklich so viel umweltfreundlicher ist.

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DW HowGreenAmI - Fleischesser
Bild: DW/J. Dumalaon

Es ist Winter in Berlin - oder anders ausgedrückt: Es ist eiskalt in der Hauptstadt. Draußen sind es -3 Grad Celsius. Während ich normalerweise meine gefütterten Lederstiefel tragen würde, wenn ich mich durch den leichten Nieselregen kämpfe, trage ich heute nur meine Turnschuhe und Stulpen.

Vor zwei Tagen habe ich die #HowGreenamI-Herausforderung angenommen, eine Woche lang vegan zu leben. Seitdem habe ich mich bemüht, vegane Alternativen für Tierprodukte in meinem Alltag zu finden: Statt dem Wollpullover also Textilien aus Acrylfasern oder Baumwolle - und Fleisch ... ohne Fleisch. 

Dieses Experiment erscheint mir schwieriger als anfangs gedacht. Schon jetzt sehne ich mich dem Ende entgegen -  das mag vielleicht aber auch nur eine Nebenwirkung des Verzichts auf meine morgendliche Tasse Tee sein.

Ich bin Britin und trinke morgens zum Wachwerden gerne schwarzen Tee mit einem Spritzer Milch. Darauf verzichten? Oder alternativ Soja- oder Reismilch verwenden? Das kann ich mir gerade noch so gar nicht vorstellen.

DW HowGreenAmI - vegane Schuhe
Statt der warmen, gefütterten Winterstiefel trage ich nun meine vegane Alternative: TurnschuheBild: DW/L. Osborne

Andere haben scheinbar weniger Problem mit dem Veganer-Dasein. Denn die Zahl derjenigen, die sich entscheiden, vegan zu leben, nimmt zu. In meinem Heimatland Großbritannien leben über eine halbe Million Veganer. Diese Zahl ist laut einer Umfrage aus dem Jahr 2016 in den vergangenen zehn Jahren um knapp das Vierfache gestiegen.

Ein veganer Lebensstil soll besser für die Umwelt sein als Fleischkonsum. Laut Rechercheergebnissen im Auftrag der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO) ist Viehhaltung für fast 15 Prozent aller menschenverursachten Treibhausgase verantwortlich. 

Futter, das für die Tiere hergestellt wurde, der Transportweg der Tierprodukte und die Waldabholzung für Weide- und Farmland - um das Futter anzubauen - tragen zu den Emissionen bei. Und damit auch zum Klimawandel.

Das nimmt mit dem Wachsen der Weltbevölkerung weiter zu. So werde die Nachfrage nach Fleisch und Milch im Jahr 2050  im Vergleich zu 2010 um 73 bzw. 58 Prozent steigen, so der FAO-Bericht.

Berlin: Die vegane Hauptstadt?

Glücklicherweise - für mich und die Umwelt - ist der vegane Lebensstil auch in meiner neuen Heimat Deutschland beliebt. Dort leben schätzungsweise fast eine Million Veganer.

In Berlin leben rund 80.000. Hier gibt es vegane Restaurants, Bekleidungsgeschäfte und sogar vegane Sexshops - also bin ich zumindest in der richtigen Stadt für mein Experiment. Das dachte ich jedenfalls.

"Komm schon, nimm ein bisschen Fleisch, niemand wird's erfahren!", sagten meine sogenannten Freunde, als ich mich an Tag Drei mit ihnen zum Essen treffe. Sie wussten nichts von meinem Experiment als sie den Tisch reservierten. Und die Wahl hätte nicht unpassender ausfallen können: Dieses Restaurant serviert mehr oder weniger nur Käsefondue oder gegrilltes Fleisch. 

DW HowGreenAmI - Wein
Wein wird mit Fischblasen verfeinert?!Bild: DW/L. Osborne

Ich studiere die Karte penibel und entschließe mich für Kürbissuppe - ohne Sahne - und Pommes. Während meine Freunde ihre Köpfe über dem Fonduetopf zusammenstecken, löffele ich meine Suppe. Ich muss schon zugeben, dass ich mich ein bisschen ausgegrenzt fühle - und dabei mag ich Käse noch nicht mal.

Immerhin können wir uns noch eine Flasche Wein teilen. Das dachte ich jedenfalls  - und beichte hiermit meine kleine Mogelei während des Experiments.

Überraschenderweise hängen wir mehr von Tierprodukten ab als uns bewusst ist - denn Milch, Eier und andere Produkte sind oft in Nahrungsmitteln versteckt. Zu meinem Entsetzen habe ich festgestellt, dass Milchproteine in meinen Lieblingschips sind und Eier in Mayonnaise und einer Vielzahl von weiteren Soßen... und dann ist da noch die Sache mit dem Wein.

Bei der Herstellung werden oft Fischblasen, Gelatine, Kasein - ein Milchprotein - oder Eiweiß benutzt. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Flasche - darauf ist oft beschrieben, ob der Wein vegan ist oder nicht. Ich habe da die Woche über geflissentlich ein Auge zugedrückt.

Leben als Veganer = ein Leben voller Entbehrungen?

Je weiter die Woche voranschreitet, desto weniger Lust habe ich, das Experiment durchzuziehen. Ein Besuch in einem veganen Restaurant mit Freunden half nicht, mein Verlangen nach Schokolade zu dämpfen - und das, obwohl ich ein sehr appetitlich aussehendes Dessert auswählte. Doch es im Vergleich zu der Milchschokolade, die ich sonst immer esse, riss es mich nicht vom Hocker.

Und meine Baumwoll- und Acrylschals halten die bittere Kälte Berlins auch nicht wirklich zurück.

DW HowGreenAmI - Dessert
Die vegane Variante sieht lecker aus, kann aber leider nicht mit echter Schokolade mithaltenBild: DW/L. Osborne

Ich beschließe, mich mit echten Veganern auszutauschen und nachzuhören, wie sie mit diesen - wie ich finde - Entbehrungen leben. Passenderweise gibt es am Ende der Woche einen veganen Markt, auf dem ich meine Fragen loswerden kann.

Die Gründerin des "Green Market Berlin", Stefanie Witt, erzählt mir, dass sie vor drei Jahren aus Gesundheitsgründen zur Veganerin wurde. "Ich hatte Epilepsie, und erfahren, dass meine Krankheit verschwinden kann, wenn ich mich gesund ernähre. Und das ist auch passiert. Ich muss keine Medikamente mehr schlucken."

Das verstehe ich! In so einem Fall würde ich auch nicht länger übers vegan leben nachdenken. Aber welche anderen Gründe gibt es über den gesundheitlichen hinaus? Standinhaberin Monique, die hier veganen Lippenbalsam verkauft, sagt, für sie war es der Tierschutz.

"Ich war ein nörglerischer Fleischesser. Ich hab' es gegessen und mochte den Geschmack, aber danach dachte ich über diese armen Tiere nach…das ging jahrelang so. An einem Punkt hab ich gedacht: 'Okay, entweder höre ich jetzt auf zu nörgeln oder esse jetzt einfach dieses Zeugs nicht mehr'", erzählt sie.

Strikt oder eher locker?

Ich bin hin- und hergerissen. Ich mache mir auch Gedanken über artgerechte Tierhaltung, aber ich lehne es nicht komplett ab, dass Tiere geschlachtet werden. Es ist eher die Industrialisierung der Fleischindustrie, die mich zum Nachdenken gebracht hat.

DW HowGreenAmI - Schafe
Viehhaltung ist für knapp 15 Prozent aller menschengemachten Treibhausgase verantwortlichBild: DW/J. Dumalaon

Und die Auswirkungen des Fleischkonsums auf unser Klima bereiten mir Sorge. Aber trotzdem bin ich nicht absolut davon überzeugt, dass eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise genauso gut - oder besser - für die Umwelt ist.

Wenn du vegan lebst, isst du keine Tiere mehr oder Milchprodukte, die zu Emissionen beitragen - aber das bedeutet auch, Wolle und andere Tierprodukte, die in Kleidung benutzt werden, mit synthetischen Fasern zu ersetzen, die aus fossilen Brennstoffen hergestellt werden, die unsere Ozeane verschmutzen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu 100 Prozent Veganer sein könnte, mit allem was dazu gehört - oder ob ich das möchte. Aber auch ein kleiner Beitrag hilft schon, oder?

"Was ich nicht an der veganen Szene mag ist, wenn Leute dir sagen, wie du zu leben hast", sagt Monique. Obwohl sie vegan lebt, sagt sie, dass sie trotzdem ihre Lederjacke und -taschen behalten hat. "Ich mache meine eigenen Regeln. Warum sollte etwas, was aus reinem Herzen passiert, Regeln haben? Ich möchte mich anstrengen und auch einen Beitrag leisten."

Meinen Konsum von Fleisch und Tierprodukten möchte ich auf jeden Fall künftig einschränken - das ist sicher nach diesem Experiment. Nur von meinem Tee mit Milch, davon kann ich mich noch nicht ganz verabschieden.