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Kunst statt Konsum

Sabine Oelze30. Mai 2014

In Deutschland gibt es 600 Fußgängerzonen. So viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Ein Kunstprojekt in Paderborn untersucht, welche Bedeutung die Konsummeile heute noch für die Stadt hat.

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Pfau aus Neonröhren (Foto: Roman Mensing/Tatort Paderborn 2014)
Bild: M+M, Martin de Mattia und Marc Weis/Tatort Paderborn 2014

Ein Hauch von Las Vegas ist in der ostwestfälischen Kleinstadt Paderborn angekommen: Ein Pfau aus knallbunten Neonröhren hängt an einer Häuserwand. Wer einen Euro in einen Münzautomaten wirft, bringt den Pfau in lila, rot und grün zum Leuchten. Der Pfau spielt in Paderborn eine besondere Rolle, weil er einer Sage nach Pilger begleitet hat. Für die Frankfurter Künstlerin Silke Wagner ist er eine Mischung aus Fetischobjekt und heiligem Tier, "weil sein religiöser Inhalt in der katholischen Stadt Paderborn immer präsent ist und der Pfau inzwischen durch die Veränderung seiner Ikonographie der Wahrnehmung für Luxus und Angeberei steht."

Kunst- statt Warenkonsum

Es regnet in Strömen. Kein guter Tag, um Kunst im öffentlichen Raum anzusehen. Trotzdem ist es voll und hektisch in der Fußgängerzone. Wie überall in Deutschland prägen die gleichen Kaufhäuser das Bild: Die hohen Mieten können sich längst nur noch die großen Ketten leisten. Die Fußgängerzone, in den 1950er Jahren der Catwalk der Republik, wo man sich gerne zeigte und die schönsten Schaufenster bewunderte, hat sich in eine triste Konsummeile verwandelt. In Paderborn soll sie 100 Tage lang mehr bieten als bloßen Konsum. Die Werke der zwölf Künstler des Ausstellungsprojekts "Tatort Paderborn" stehen zwischen Geschäften, vor Brunnen, auf Plätzen oder im Parkhaus.

Es gibt kaum einen unheimlicheren Ort in einer Stadt als eine Fußgängerzone bei Nacht: die Geschäfte verwandeln sich in Hochsicherheitstrakte, die Imbissbuden sind geschlossen, kaum jemand treibt sich freiwillig dort herum. Kurator Florian Matzner will den "Un-Ort" zu neuem Leben erwecken. Besonders viel Leerstand gäbe es im Ruhrgebiet, "wo der Einzelhandel Kettengeschäften gewichen oder ganz verschwunden ist."

Die Künstlerinnen Clea Stracke und Verena Seibt vergolden die Bodenplatten (Foto: DW/Sabine Oelze)
Blattgold auf dem PflastersteinBild: DW/S. Oelze

Anonymer Un-Ort

Der Passant fühlt sich als einer unter vielen. Den Glanz buchstäblich zurückholen und die Fußgängerzone aufwerten, wollen die Künstlerinnen Clea Stracke und Verena Seibt. Sie knien auf dem Boden. Ein Zelt schützt sie vor dem Regen während sie die grauen Gehwegplatten mit Blattgold überziehen. "Das Material ist einzigartig", sagt Verena Seibt. "In der Fußgängerzone versucht jedes Schild mit dem anderen zu konkurrieren, aber an die Strahlkraft von Gold kommt nichts heran."

Gleich neben den vergoldeten Bodenplatten versperrt eine Mischung aus Sperrmüllhaufen und Anti-Konsumdenkmal den Weg. Markus Ambach hat überflüssige Schilder gesammelt und aufeinander getürmt. Wegweiser, Verbotsschilder, Werbebotschaften. Eine Passantin, die auch der Dauerregen nicht vom Shoppen abhält, freut sich, dass die Fußgängerzone nun ein Museum auf Zeit ist. "Man läuft nicht nur mit Tunnelblick von einer Filiale zur anderen“, sagt sie im Vorbeigehen.

Neues Leben für die Fußgängerzone

Das Problem der Fußgängerzone sei nicht nur ihre Kommerzialisierung, sondern, dass die Passanten kaum Gelegenheit zu Langsamkeit und Aufenthalt finden, meint die Künstlerin Dorothee Golz. Deshalb schafft sie etwas ganz Banales: "Chairs to Share", Stühle zum Teilen, auf denen man dicht nebeneinander sitzen kann. Eine kostenlose Begegnungszone für Flaneure, die es schon bei der Montage kaum erwarten konnten, sich dort hinzusetzen, sagt Golz. Die Fußgängerzone sei kein Auslaufmodell. In Zeiten, wo öffentlicher Raum privatisiert wird, hält die Künstlerin sie für besonders wichtig, "weil sie ein demokratischer Ort ist, der von jedem gleichermaßen genutzt werden darf".

Bunte Stühle stehen in der Fußgängerzone (Foto: DW/Sabine Oelze)
Erinnern an die 60er Jahre: Zehn Sitzmöglichkeiten für FlaneureBild: DW/S. Oelze

Eine Abkehr von der Fußgängerzone sehen die Künstler nicht als Lösung. Eher eine Umnutzung und Wiederbelebung. Mehr Mischung von Wohnen und Einkaufen, wie man es auch in anderen Ländern schon kennt, könnte eine Wendung bringen, meint Kurator Florian Matzner. Deutschlands Innenstädte erleben derzeit in vielen Städten wieder einen Wandel. Die Menschen wollten nicht mehr auf dem Land wohnen. Das könnte für die Fußgängerzone eine neue Chance sein. Die Kunst könnte dabei helfen, die Sinnkrise zu überwinden.