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Vitali Klitschko: Ukraine baut auf Deutschland

Kay-Alexander Scholz12. September 2014

"Es gibt eine Zeit, Steine zu werfen und eine Zeit, Steine zu sammeln": Vitali Klitschko, der in Deutschland populärste ukrainische Politiker, hat sich in Berlin als wichtiger Mann der zukünftigen Ukraine präsentiert.

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Vitali Klitschko in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka

Viele Pressevertreter waren zur Rede Vitali Klitschkos und einer anschließenden Diskussion in die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung mit der Erwartung gekommen, er würde konkrete Forderungen an Deutschland stellen. Doch in Zeiten eines fragilen Waffenstillstands hielt sich Klitschko zurück mit neuen Forderungen nach militärischer Unterstützung durch Schutzwesten und Helme, wie er es noch vor einigen Tagen getan hatte. Stattdessen sprach der ehemalige Box-Weltmeister und Maidan-Aktivist ganz allgemein über die Hilfe von "Freunden der Ukraine", die er erwarte. Auch bei der Frage eines Mauerbaus an der ukrainischen Grenze sprach Klitschko letztendlich nur davon, dass es eine sichere Grenze geben müsse, die verhindert, dass russische Rebellen Waffen bekämen. Das Wort "Mauer", so Klitschko, der hervorragend Deutsch spricht, habe eine negative Konnotation in Deutschland. Aber das Land brauche Hilfe aus dem Ausland.

Deutlicher wurde der 43-Jährige bei der Beschreibung der gegenwärtigen Situation in seinem Heimatland: "In der Ukraine läuft ein Krieg". Das Land erlebe die schwierigste Situation seiner Geschichte. "Weil Putin unsere Souveränität, unseren Weg zu Freiheit und Demokratie nicht akzeptieren will." Frieden sei derzeit das populärste Wort in der Ukraine, die Menschen wollten in Sicherheit leben. Er habe große Zweifel, ob man dem Waffenstillstand trauen könne, sagte Klitschko besorgt. Aber ein schlechter Frieden sei besser als ein guter Krieg, fand er eine optimistische Wendung.

Sanktionen sind richtig

Vitali Klitschko in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin (Foto: dpa)
Vitali Klitschko in der Konrad-Adenauer-Stiftung in BerlinBild: picture-alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka

Der Zwei-Meter-Mann und ehemalige Box-Weltmeister redete leise. Doch in seiner Mimik, wenn seine Nasenflügel und seine Oberlippe zuckten oder seine Augenbrauen sich immer näher kamen, konnte man erkennen, welche Kraft unter der Oberfläche brodelt. Und er wählte starke Worte. Europas Zukunft sei in Gefahr, die Ukrainer würden den ganzen Kontinent verteidigen. Er hoffe, das könnten alle begreifen.

Die Sanktionen der EU und USA gegen Russland begrüßte Klitschko, weil sie Gemeinsamkeit und Entschlossenheit zeigten. Das sei der richtige Weg, um die russische Aggression zu stoppen. Alle "Freunde der Ukraine" müssten zusammenstehen. Die Politik des Westens sei zu oft ohne Wirkung gewesen und ermöglichte Putin, seine Politik umzusetzen. Die russische Aggression habe schon vor der Krim-Annexion begonnen, nämlich mit russischer Propaganda, wonach auf dem Maidan Faschisten gewesen seien und die russische Bevölkerung in der Ukraine in Gefahr sei.

Vom Boxer zum Vollblut-Politiker

Er verwendete oft Sprichwörter statt allzu technischer Beschreibungen, ließ eine tiefe Heimatverbundenheit, Leidenschaft und Pathos erkennen. Die Ukraine bedecke nur 0,5 Prozent der Erdoberfläche, habe aber 36 Prozent der Weltreserven an Schwarzerde, sagte er, um das Potenzial seines Landes zu verdeutlichen. Dann aber sehe er die Armut in seinem Land: "Da stimmt doch was nicht!"

Klitschko kann sich nach seinen leidvollen Erfahrungen in den ukrainischen Revolutionsjahren nicht auf seine Rolle als Bürgermeister von Kiew beschränken. Seine Worte hatten oftmals einen präsidialen Touch: Die Ukraine sei eingefroren, andere osteuropäische Länder wie Polen und Tschechien hätten 20 erfolgreiche Jahre hinter sich. In Georgien habe er sich erkundigt, wie man erfolgreich die schlimme Korruption bekämpfen könne. Das gesamte System Ukraine müsse jetzt "heruntergefahren werden und einen Neustart" erleben. Deshalb auch seien die vorgezogenen Parlamentswahlen im Oktober so wichtig. Weil es derzeit noch viele Parlamentarier gebe, die russische Separatisten unterstützten und so nicht mehr den Wünschen der großen Mehrheit des ukrainischen Volkes entsprächen.

Einheit des Landes

Eine Zersplitterung des Landes lehnt Klitschko ab. Zwar könne es eine stärkere Dezentralisierung geben, aber die Einheit des Landes sei das Allerwichtigste. Eine Spaltung würde derzeit auch nicht viele Unterstützer unter den Ukrainern finden. Klitschko hatte, als er das sagte, vielleicht die Situation in Georgien oder in der Republik Moldau vor Augen. Wegen ungeklärter Gebietskonflikte ist den Ländern der Weg in die EU und die NATO vorerst versperrt. Die Ukrainer aber sieht er auf dem Weg zu einem modernen, demokratischen und eben europäischen Land. Die ukrainische Grenze sei bald die Grenze zur Europäischen Union, sagte er in die Zukunft blickend.

"Steine sammelnd", wie er es mit seinem Sprichwort selbst beschrieb, präsentierte sich Klitschko in Berlin nicht mehr als der Maidan-Kämpfer, sondern als zentrale Figur eines Landes, das hoffentlich bald einen "Neustart" in Frieden machen kann. Dafür sucht er Hilfe im Ausland, und eben auch in Deutschland. Er bat um deutsches Know-How beim Wiederaufbau. Als Bürgermeister von Kiew hat er das auch schon ganz offiziell getan. Er traf sich mit Berlins Regierendem Bürgermeister, Klaus Wowereit, und vereinbarte einen Austausch zwischen beiden Hauptstädten. Kiew soll von der Erfolgsstory Berlins nach der Wende 1989 lernen und ein neuer internationaler Hotspot werden. Die Stadt sei voller historischer Schätze, so sauber und grün, lobte Klitschko. Er sei so gern Bürgermeister und erzählte voller Stolz, dass er in seinem ersten Beruf, mit 15 Jahren, Stadtführer in Kiew gewesen sei. Das wussten viele der Anwesenden in der Konrad-Adenauer-Stiftung von ihrem prominenten Gast sicherlich noch nicht.