Kultur

Vom Reiz des Lesens historischer Romane

Die Leserschaft für historische Romane ist groß. Doch so viele Bücher die Verlage jedes Jahr auf den Markt werfen, so unterschiedlich ist deren Qualität. Drei gelungene Beispiele stellen wir vor.

Symbolbild Bücherstapel (Foto: imago/Westend61)

Vielleicht ist es auch ein wenig Daniel Kehlmanns Verdienst. Sein Roman "Die Vermessung der Welt" entwickelte sich vor zehn Jahren zu einem Sensationserfolg. Er zeigte dem Leser damals, wie intelligent man historische Figuren in den Mittelpunkt eines Romans stellen und dabei Wahres und Erfundenes miteinander verknüpfen konnte. Geschichte als süffig aufbereitete, gut lesbare Literatur, als ungemein unterhaltsamer Lesestoff.

Abseits der unzähligen dicken historischen Schinken, die im Frühjahr und im Herbst stets die Büchertische zum Schwanken bringen und in denen es mehr um Herzschmerz vor historischer Kulisse geht als um die Durchdringung eines Stoffes einer anderen Epoche, war hier ein junger Autor aufgetaucht, der zeigte, dass ein historischer Roman auch intelligent sein kann.

Natürlich hatte es auch vor Kehlmann solche Bücher gegeben, erinnert sei nur an den phänomenalen Erfolg von Patrick Süßkinds "Das Parfüm" im Jahre 1985. Doch manchmal kommt ein Buch zur rechten Zeit und öffnet die Schleusen beziehungsweise das Interesse der Leserschaft. Auch in den vergangenen Wochen und Monaten sind einige Romane deutschsprachiger Autoren erschienen, die man, historisches Interesse vorausgesetzt, mit Vergnügen lesen kann.

Hans Joachim Schädlich (Foto: picture alliance/Sven Simon/A. Hilse)

Hans Joachim Schädlich

"Narrenleben"

Wie andere Autoren auch verquickt Hans Joachim Schädlich in seinem neuen Roman "Narrenleben" gesicherte historische Fakten und Erfundenes. Aber wie sollte es auch anders sein? Bei noch so guter Recherche weiß heutzutage ja niemand, wie man vor Hunderten von Jahren wirklich gesprochen und gelebt, geliebt und gelacht hat. Schädlich stellt uns Joseph Fröhlich vor, geboren 1694, seinerzeit hauptberuflich als Narr am Hof August des Starken in Dresden angestellt.

Doch Fröhlich ist nicht der einzige Narr, den uns der Autor nahebringt. Im zweiten Teil seines Romans begegnet dem Leser noch Peter Prosch, auch der als historische Gestalt verbürgt. Ein halbes Jahrhundert später als Fröhlich hat dieser Prosch die Adelshäuser belustigt, auch er ein Narr, der nicht anderes zu tun hatte, als Herzöge und Könige, Hofdamen und Gefolge zu belustigen. Doch während Fröhlich Erfolg in seinem Beruf hatte und sich ein halbwegs sicheres Auskommen erarbeitete, litt Prosch an seinem Spaßberuf: Am meisten lachte der dekadente Adel nämlich, wenn er sich mit Prosch einen Spaß machen konnte.

Das beschreibt Schädlich in aller Drastik. Hier hört der Spaß dann auch auf. Für Prosch, aber auch für den Leser. Dem bleibt das Lachen im Halse stecken. Denn am Ende des Buches wird klar und deutlich vorgeführt, wie schnell ein Narrenleben zur Tortur werden kann: wenn die Menschen sich nur noch auf Kosten anderer amüsieren können.

Buchcover Narrenleben (Foto: rowohlt)

"Rechnung über meine Dukaten"

Joseph Fröhlich war während seines Narrenlebens zeitweilig zu Gast am Preußen-Hofe Friedrich Wilhelm I. Der hielt sich keine Narren, sondern eine Leibgarde hochaufgeschossener Soldaten. Als "Lange Kerls" wurden sie zur Legende. Einer dieser bemitleidenswerten Kerle ist zur Hauptfigur in Thomas Meyers Roman "Rechnung über meine Dukaten" geworden, wo auch Friedrich Wilhelm I eine wichtige Rolle hat. Der Monarch, der sich von der üppigen Lebensweise seines Vaters abgewandt hatte und der sich lieber auf die Ausstattung seiner Armee konzentrierte, ging später als "Soldatenkönig" in die Geschichtsbücher ein.

Meyer zeigt in seinem mit leichter Hand geschriebenen und von vielen witzigen Dialogen durchzogenen Buch, dass auch in dem scheinbar so spartanisch lebenden Soldatenkönig der Wahnsinn lauerte. Der König schickte damals seine Häscher durch ganz Europa, immer auf der Suche nach "langen Kerls", jungen Männern, die zwei Meter maßen und zum Bestandteil seiner Ehrengarde werden sollten. Dabei wurde ohne Rücksicht zwangsrekrutiert. Wenn einer der jungen Männer bei der Ausbildung am Hof nicht den Anforderungen des Königs entsprach, reagierte der wenig zimperlich und ließ abstrafen. Meyer verschweigt dies nicht - bei allem Witz und Komik, die sein Buch sonst beherrschen.

Thomas Meyer (Foto: Jochen Kürten)

Thomas Meyer

"Der Holzvulkan"

Ein drittes Beispiel: Hans Pleschinskis Kurzroman "Der Holzvulkan" erschien bereits im Jahre 1986, war lange Zeit vergriffen und ist nun wieder vorrätig. Auch Pleschinski stellt uns einen Adeligen ohne Maß vor, einen Herrscher zwischen Größenwahn und Kunstsinn. Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel mag heute weniger bekannt sein als Friedrich Wilhelm I. und August der Starke, doch das, was er in seinem kleinen Reich Mitte des 17. Jahrhunderts für Kunst und Kultur anstrebte und auch erreichte, war bemerkenswert.

Der vielfältig interessierte Anton Ulrich baute seinerzeit eine der größten Kunstsammlungen Deutschlands auf, hegte darüberhinaus aber einen ganz besonderen Plan: Ein deutsches Versailles wollte der gebildete Monarch in seinem Fürstentum errichten. Da er allerdings nicht über die finanziellen Mittel verfügte, ließ er sein Schloss aus Holz bauen. Das war erheblich billiger. Schloss Salzdahlum war ein mächtiges Anwesen mit Dutzenden von Zimmern, doch der Werkstoff Holz erwies sich als brüchig. Das Holz verwitterte mit der Zeit, das Schloss zerfiel und löste sich buchstäblich in alle Einzelteile auf.

Schriftsteller Hans Pleschinski Foto: Arno Burgi dpa

Hans Pleschinski

So zeigen alle drei Romane, dass die Herrscher vergangener Zeiten sich vieles leisten konnten: Narren, die nur zum eigenen Zeitvertreib agierten, eine Leibgarde, die alles andere überragte oder ein Schloss aus Holz. Doch Schädlich, Meyer und Pleschinski zeigen in ihren Bücher auch: Soweit entfernt ist der Irrsinn vergangener Tage nicht von dem, was heute auf der Welt geschieht. Auf den Größenwahn vergangener Tage trifft man heute nur anderswo: in der Wirtschaft oder im Reich des Geldadels. So müssen kluge und intelligente historische Romane sein - einen Einblick geben in die Gegenwart, den Wahnsinn der Moderne.

Hans Joachim Schädlichs Roman "Narrenleben" ist bei Rowohlt erschienen, Thomas Meyers Buch "Rechnung über meine Dukaten" bei Salis und Hans Pleschinskis Roman "Der Holzvulkan" bei Beck.

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