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Vor 25 Jahren

Peter Philipp16. September 2007

Das Massaker in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila vom 16. bis 18. September 1982 ist eines der barbarischsten Ereignisse der jüngeren Geschichte. Peter Philipp blickt zurück.

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Ariel Scharon mit Panzer in Beirut
Der damalige israelische Verteidigungsminister Scharon (vorne) 1982 in BeirutBild: AP

Das israelische Parlament, die Knesset, hat in ihrer Geschichte so manche stürmische Sitzung erlebt. Selten aber schlugen die Wellen so hoch und war die Sprache so klar und eindeutig wie im September 1982. Der damalige Führer der oppositionellen Arbeiterpartei, Shimon Peres, sagte damals: "Herr Ministerpräsident, Herr Verteidigungsminister: Wer hatte diese bekloppte Idee, die Falangisten in die Flüchtlingslager zu schicken, um dort Terroristen aufzuspüren? Haben Sie darauf eine Antwort, Herr Scharon?"

Aus Beirut waren furchtbare Nachrichten und noch schlimmere Bilder um die Welt gegangen: In den Palästinenserlagern Sabra und Schatila, am Südrand der libanesischen Hauptstadt, waren Hunderte palästinensischer Zivilisten kaltblütig ermordet worden. Mindestens 800 Tote wurden später gezählt, wahrscheinlich ist die wirkliche Zahl der Opfer größer, aber man konnte nicht mehr alles rekonstruieren - zumal die Täter ihre Opfer mit Bulldozern in einigen ausgehobenen Massengräbern versteckt und diese dann mit den Trümmern zerstörter Häuser zugedeckt hatten.

Unheilvolle Allianz

Falangisten-Chef Eli Hobeika
Falangisten-Chef Eli HobeikaBild: AP

Die Täter waren rund 150 Mann der "Forces Libanaises", der Miliz der christlichen Falangisten, unter Anführung ihres Sicherheitschefs, Eli Hobeika. Verantwortlich aber - darüber ist man sich allgemein einig - waren jene israelischen Politiker, die dieses Massaker erst ermöglicht hatten. Israel nämlich war am 6. Juni 1982 im Libanon einmarschiert, um die PLO aus dem Süden zu vertreiben und hatte sich dabei mit den Falangisten verbündet, die ihrerseits bereits seit geraumer Zeit mit linken und muslimischen Kreisen, unterstützt von der PLO, in einem Bürgerkrieg standen.

Beschir Gemayel
Beschir Gemayel am 23. August 1982 nach seiner Wahl zum StaatspräsidentenBild: picture-alliance/ dpa

Im August hatten die Dinge noch gut ausgesehen: Als neuer Präsident wurde Baschir Gemayel gewählt, ein Sohn des Falange-Gründers Pierre Gemayel. Der Gewählte sprach sich offen für Versöhnung aus - zumindest auf libanesischer Ebene: "Ich werde zur Einheit des Landes aufrufen, ich werde alle Libanesen auffordern, sich zu vereinen." Wenige Tage später wurde mit Hilfe des amerikanischen Unterhändlers Philip Habib der Abzug der PLO-Kämpfer aus Westbeirut vereinbart.

Am 1. September hatten sie den Libanon verlassen. Eine internationale Streitkraft aus Amerikanern, Briten, Franzosen und Italienern verließ ebenfalls Beirut. Ihre Aufgabe war erfüllt. Sie sollten bald zurückkehren.

Mord an Baschir Gemayel

Am 14. September hörte man fast überall in Beirut eine schwere Explosion. Kurz darauf erfuhren die Libanesen im Rundfunk, was geschehen war: Ein Sprengstoffauto hatte das Hauptquartier der Falange in Schutt und Asche gelegt, aus den Trümmern zog man die Leiche des noch nicht im Amt installierten gewählten Präsidenten, Baschir Gemayel. Israel hatte bis dahin den überwiegend muslimischen Westteil von Beirut noch nicht erobert, nach dem Mord an Gemayel aber stießen die Truppen auch dorthin vor, begleitet von Lautsprecherwagen, die die Bevölkerung über den Einmarsch informierten.

Als Besatzungsmacht war Israel mit diesem Vormarsch in den Westen der libanesischen Hauptstadt verantwortlich für die Sicherheit im gesamten Stadtgebiet. Einschließlich der Palästinenserlager zwischen dem Stadtzentrum und dem Beiruter Flughafen. Diese Lager waren bis zum Abzug der PLO-Kämpfer von diesen bewacht und geschützt worden, seit dem 1. September aber gab es niemanden, der sich um die Sicherheit der dort lebenden Zivilisten kümmerte.

"Operation gegen Terroristen"

Niemand hat bis heute feststellen können, woher das Gerücht kam. Der israelische Verteidigungsminister, Ariel Scharon, war jedenfalls plötzlich der Überzeugung, dass mindestens 2000 bewaffnete Palästinenser in Westbeirut zurückgeblieben seien. Und er kam auf die folgenschwere Idee, dass nicht israelische Soldaten nach den bewaffneten Palästinensern suchen sollten, sondern Bewaffnete der "Forces Libanaises", die er als professionelle Soldaten kennen gelernt habe.

Die Anweisungen an die Libanesen seien eindeutig gewesen, meinte Scharon später vor der Knesset: "Als wir dem Einsatz der Falangisten in den Flüchtlingslagern zustimmten, da wurde diesen von den höchsten israelischen Kommandeuren ausdrücklich gesagt‚ dass eine militärische Einheit aus Südwesten in das Lager Shatila eindringt und dort nach Terroristen sucht. Bei den Koordinierungstreffen wurde ausdrücklich betont, dass die Operation gegen Terroristen gerichtet ist und dass die Zivilbevölkerung nicht in Mitleidenschaft gezogen wird - ganz besonders nicht Frauen, Kinder und Alte."

Genau das aber geschah nicht: Die Falangisten fanden keine bewaffneten Palästinenser vor und sie ließen ihre Wut an den Zivilisten aus, auf die sie trafen. Von Haus zu Haus holten sie Frauen, Kinder und Alte hervor, erschossen oder erschlugen sie und ließen die Leichen in den engen Gassen liegen. Nur einige wenige konnten dem blindwütigen Mob entgehen, andere wurden von israelischem Militär in die Lager zurückgeschickt: Das Militär hatte außerhalb der Lager Position bezogen, wusste aber angeblich nichts von dem, was sich in den Lagern abspielte.

"Solche Dinge geschehen nun einmal"

Der Massenmord dauerte über zwei Tage, als Scharon am 17. September davon erfuhr, ordnete er den Abzug der Falangisten für den nächsten Morgen an. Ministerpräsident Menachem Begin erfuhr überhaupt erst am 18. abends davon - er hatte den Tag in der Synagoge verbracht. Seine spontane Reaktion: Solche Dinge geschähen nun einmal im Libanon. Das israelische Kabinett beeilte sich, jede Verantwortung von sich zu schieben. Regierungssprecher Dan Meridor sagte: "Alle direkten oder impliziten Anschuldigungen, dass die israelische Armee irgendeine Verantwortung trage für diese menschliche Tragödie im Lager Schatila, sind völlig grundlos; sie entbehren jeder Grundlage. Die Regierung Israels weist sie mit der vollen Verachtung zurück, die sie verdienen."

In der Opposition allerdings sah man die Dinge anders. Der spätere Ministerpräsident Jitzchak Rabin nahm den Massenmord zum Anlass, den Rücktritt der Regierung zu fordern: "Stehen Sie zu Ihrer Verantwortung für diese unsägliche Panne. Räumen Sie Ihre Plätze. Treten Sie zurück."

Keine personellen Konsequenzen

Spontan tat das kein Regierungsmitglied. Erst nachdem eine offizielle Untersuchungskommission befand, dass führende Politiker wie führende Militärs zumindest versagt hätten und am besten Konsequenzen ziehen sollten, trat wenigstens Ariel Sharon zurück. Nach einer Anstandspause kehrte er aber in die aktive Politik zurück und wurde schließlich sogar Regierungschef.

Der Anführer des Mördertrupps, Eli Hobeika, wurde zunächst Minister für Flüchtlingsfragen, 2002 fiel er einem Bombenanschlag zum Opfer. Der damalige Ministerpräsident Begin trat erst ein Jahr später aus anderen Gründen zurück und auch sonst hinterließ das Massaker keine dauerhaften Spuren. Außer in einem Punkt, wie Shimon Peres später feststellte: "Was meiner Meinung nach für alle demokratischen Länder furchtbar wichtig ist, ist einen nationalen Konsensus in Fragen von Leben und Tod zu erhalten. Ich glaube, der Libanonkrieg hat unseren nationalen Konsensus zerbrochen."