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"Die Manns. Geschichte einer Familie"

Sarah Judith Hofmann 13. Oktober 2015

Der Vater Nobelpreisträger, die Kinder Ausnahmetalente: Bis heute fasziniert die Familie Thomas Manns. Biograf Tilmann Lahme zeigt Parallelen zur Gegenwart - von ihrer Selbstinszenierung bis hin zum Flüchtlingsschicksal.

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Deutschland Literatur Geschichte Thomas Mann mit Familie am Hiddensee
Die Mutter Katia mit den Kindern Monika, Michael, Elisabeth, Klaus und Erika Mann (v.l.). In der Mitte der Vater Thomas Mann, um den die ganze Familie kreist. 1924 auf HiddenseeBild: ullstein bild

Deutsche Welle: Vor 60 Jahren, im August 1955, starb Thomas Mann, der Nobelpreisträger und Patriarch der berühmten Künstlerfamilie. Warum beschäftigen die Manns uns bis heute?

Tilmann Lahme: Wir haben mit Thomas Mann eines der großen Genies des 20. Jahrhunderts, manche sagen der größte deutsche Prosaschriftsteller seit Goethe. Anders als bei anderen beeindruckenden Persönlichkeiten ist es aber nicht nur er allein, sondern diese ganze talentierte und zugleich unglückliche Familie. Das macht die Faszination noch stärker.

Sind sie unsere deutsche Wahlkönigsfamilie? Unser Windsors oder Kennedys?

Wir haben kein Königshaus, mit dem wir uns beschäftigen könnten, aber wir haben diese Familie. Das stimmt schon. Und es gibt so unglaublich viel, was man über sie weiß. Wir haben etliche Tagebücher und Briefe; mir sind auch Familienkorrespondenzen in die Hände gefallen, die bisher niemand ausgewertet hatte. Das ersetzt in gewisser Weise die Yellow Press. Ich will gar nicht ausschließen, dass es da ein gewisses voyeuristisches Interesse gibt. Das ist ja auch nicht schlecht, immerhin ist es bei den Manns eine literarische Auseinandersetzung.

Ihre Biografie beginnt in den 1920er Jahren der Weimarer Republik, als alle sechs Kinder von Thomas und Katia Mann bereits auf der Welt sind, und sie endet 2002 mit dem Tod der letzten Überlebenden, Elisabeth: ein klarer Fokus auf die Kinder der Manns und ihre Eltern. Was eint die Mann-Geschwister?

Was sich tatsächlich als konstituierendes Element bei den Kindern durchzieht, ist das Problem, sich zu lösen. Sechs Kinder und sie bleiben alle diesem Haus, diesem Vater in Abhängigkeit – auch finanzieller – verbunden. Da ist dieser Unwille, auf eigenen Füßen zu stehen. Jemand wie Klaus Mann wäre durchaus in der Lage gewesen, mit seinem Talent auf eigenen Beinen zu stehen. Doch er kann sich nicht lösen. Dieses Herumkreisen um den Vater, das verbindet sie alle. Nur die jüngste Tochter Elisabeth bekommt ein Leben abseits der Familie hin.

Tilmann Lahme
Tilmann Lahme hat sich bewusst den acht Personen der Familie um Thomas Mann gewidmet. Einzelbiographien, meint er, gäbe es bereits. "Aber der Blick auf die Familie fehlte."Bild: Gunter Glücklich

Sie beschreiben Erika und Klaus in ihrem Buch zeitweise als "Geschwisterpaar, das sich mit Witz, Dreistigkeit und Vaters Namen durch die Welt schlägt". Glänzen die Mann-Kinder durch künstlerisches Talent, oder war es doch der Name des Vaters?

Das ist ja das Hauptproblem, wenn man das Kind eines so großen Genies ist. Wenn sich die Türen für die Mann-Kinder öffnen, ob das jetzt in Berlin ist oder später bei der High Society in New York oder Los Angeles, weiß man nie so genau: Macht man das, weil Klaus so ein charmanter junger Mann ist, oder um mit dem Sohn von Thomas Mann zu sprechen? Es ist natürlich immer irgendwie beides. Und das wissen die Kinder. Es bedeutet für sie eine enorme Anstrengung, um ihrer selbst willen für interessant gehalten zu werden und zugleich zu wissen: Der Vater schwingt immer mit.

Sie beschreiben, wie so gut wie alle Familienmitglieder Privates in die Öffentlichkeit tragen. Ist es unter anderem das, was sie heute so aktuell erscheinen lässt?

Tagebuch zu führen, das kennt man ja. Aber die Manns tragen in der Tat alles in die Öffentlichkeit, selbst wenn es ganz privat und intim ist. Das kann man in gewisser Weise auf unsere heutige Instagram und Facebook-Mentalität übertragen, wie das Magazin "Der Spiegel" das in dieser Woche getan hat: die Manns mit dem Selfie-Stick, die so um sich kreisen, wie wir das heute tun. Nur ist es eben ein künstlerisches An-die-Öffentlichkeit-Treten über den Weg der Literatur.

Waren die Manns mit ihrer Selbstinszenierung, aber auch im Umgang mit der Homosexualität ihrer Zeit voraus? Dann ist da auch noch das Emigrantenschicksal, das gerade jetzt in der Flüchtlingskrise so aktuell erscheint.

Das waren sie ganz sicher. Wir haben hier eine Familie, die eine Liberalität lebt, die für uns vielleicht gar nicht so ungewöhnlich ist, weil wir eben sagen: Na ja, dann liebt Klaus Mann eben Männer, und Golo Mann auch, und seine Schwester Erika Frauen und ab und zu auch mal einen Mann. Was ist schon dabei? Aber für diese Zeit ist eine ganze Menge dabei. Und das gilt auch in politischen Fragen.

Die gesamte Familie Mann erkannte – im Gegensatz zu vielen anderen Intellektuellen der Weimarer Republik – sehr früh die Gefahr, die von Hitler ausgeht. Woran liegt das?

Es ist vermutlich erst einmal eine Lebenseinstellung, vielleicht auch ein ästhetisches Empfinden, dass man auf Individualität setzt statt auf eine Volksgemeinschaft. Klaus Mann wird schon von der rechten Presse angegriffen, bevor er politisch wird, einfach weil er über Drogen, Homosexualität und Einsamkeit in der Welt, über Dekadenz und Depressionen schreibt. Thomas Mann war schon in der Weimarer Republik einer der wenigen deutschen Intellektuellen, die sich deutlich gegen die Nationalsozialisten positionierten, so dass 1933 gar nichts anderes möglich war, als dass die Familie sagte: In Deutschland ist kein Platz mehr für uns.

Buchcover Die Manns
Bild: S. Fischer Verlage

Ist es ihre Opposition gegen die Nazis, die uns die Manns so verehren lässt? Wünschen wir Deutschen uns vielleicht, unsere Familien wären alle so standhaft gewesen wie die Familie Mann?

Man wünscht sie sich in die eigene Ahnengalerie. Weil die meisten von uns eben wohl die Nazi-Mitläufer in ihren Familien haben. Das macht auch das Mythische der Manns aus, dass das eine der wenigen deutschen Familien ist, bei der man nicht nur sagt, die sind interessant, talentiert und haben tolle Bücher geschrieben, sondern die haben in dieser zentralen Frage des 20. Jahrhunderts die richtigen Entscheidungen getroffen. Das ist die Heldengeschichte. Was mich interessiert hat, ist aber auch, wie sie selbst an diesem Mythos stricken. Wie sie sich selbst inszenieren in dieser Rolle als die "besseren Deutschen", als die Vorzeigefamilie im Kampf gegen Hitler. Und wie sie da durchaus auch tricksen, täuschen und lügen, um den Mythos zu unterstützen. Mit Erika Mann gewissermaßen als PR-Chefin der Familie.

Zunächst geht es in die Schweiz und nach Frankreich, schließlich in die USA. Was bedeutete die Emigration für die Familie? Finanziell ging es ihnen mit einer Villa in Sanary-sur-Mer an der Côte d'Azur, später in Princeton und Kalifornien, ja ganz gut.

Und hinterher erzählt Erika: "Wir waren bettelarm!" (lacht). Ja, finanziell ging es ihnen nicht schlecht. Die Erschütterung, die Thomas Mann packt und die zu existentiellen Nöten führt, er könne nicht mehr schreiben und werde bettelarm sterben, die schreibt er in sein Tagebuch, sitzt aber im Hotelzimmer der Luxuskategorie. Fürs Grand Hotel reicht's dann immer noch! Sie haben die Hälfte des Nobelpreisgeldes ins Ausland gebracht, dazu weiterhin Bucheinnahmen, es gab sogar lange noch Überweisungen vom Schwiegervater aus München, zusätzlich Förderer und Mäzene. Wenn wir auf die anderen Emigranten schauen, denen es zum Teil hundeelend ging, dann ist das ein enorm privilegiertes Exil. Aber die Trennung von der Heimat, von dem Lesepublikum, von dem Ort, wo Thomas Mann sich zu Hause fühlte, das ist es, was ihn so enorm erschüttert. Und auch den Kindern zieht es den Boden unter den Füßen weg. Was sollen sie denn plötzlich in der Emigration machen?

Also war es doch eine typische Flüchtlingserfahrung, alles zu verlieren, was das Leben vorher ausgemacht hat.

Ja. Das Exil beginnt mit der Erwartung: Wir kämpfen für das Richtige, und wenn wir bald zurückkommen, werden wir auch dafür belohnt werden. Dass dieses "bald" sich zu 12 Jahren ausweitet und es auch nach 1945 keinen Dank gibt, sondern eigentlich noch den Vorwurf, sie seien Landesverräter, diese Haltung führt ganz sicher zu Unglück, zu Zerrüttung. Klaus Mann war auch schon vorher drogensüchtig und auch depressiv. Aber man weiß ja nicht, wie es sich entwickelt hätte, wenn er in Deutschland geblieben und seine Aufgabe vielleicht im Feuilleton gefunden hätte. Zugleich entsteht eine Notgemeinschaft, die zusammenhalten muss. Das Exil schweißt die Familie auf eine neue Weise zusammen - und nicht nur im Positiven. Alle Konflikte zwischen den Familienmitgliedern werden plötzlich wieder aktuell, weil man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Es ist eine Zäsur in ihrem Leben, die ein großer Anteil ihres Unglücks ist.

In amerikanischen Exil sagt Thomas Mann: "Where I am, there is Germany" – "Wo ich bin, ist Deutschland." Ist Thomas Mann bis heute der stärkste Repräsentant deutscher Kultur im Ausland?

Wenn man an das Jahrhundert denkt, steht er, glaube ich, nach wie vor für eine Position, die in dieser zentralen Frage des "Dritten Reichs" etwas Befreiendes hat. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: "Wenn Hitler das Unglück Deutschlands war, so war Thomas Mann das Glück Deutschlands in jener schlimmen Zeit." So wird er in vielen Teilen der Erde immer noch gesehen. Und ich hoffe, er wird auch noch gelesen. Viele erkennen beim Lesen der Buddenbrooks noch heute die eigene Familie wieder. Das kann auch in Neuseeland sein.

Buchtipp:
Tilmann Lahme: "Die Manns. Geschichte einer Familie". S. Fischer Verlage. 24,99€