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"Weiterhin an die EU glauben"

Alexandra Scherle1. Mai 2014

Wie haben junge Menschen aus den damals neuen EU-Ländern die Osterweiterung von 2004 erlebt - und wie sehen sie heute die Europäische Union?

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Jubelnde Jugendliche mit EU-Flaggen in Vilnius, der litauischen Hauptstadt, am 1. Mai 2004 (Foto: dpa)
Bild: picture-alliance/dpa/dpaweb

Das Abenteuer EU begann mit einer riesigen Party: Die damals 17-jährige Laura Tatarelyte feierte zusammen mit ihren Schulfreunden und Tausenden von Unbekannten im Zentrum von Vilnius, dass Litauen EU-Mitglied wird. Am selben Tag traten auch Polen, Tschechien, Estland, Lettland, Ungarn, die Slowakei, Slowenien, Malta und Zypern der Europäischen Union bei. "In Vilnius gab es Musik und Straßenfeste, viele Menschen haben kleine EU-Fahnen geschwenkt", erinnert sich die junge Frau, die gerade für mehrere Monate als Praktikantin im Bundestag in Berlin arbeitet. "Um Mitternacht, in den ersten Momenten des 1. Mai 2004, haben die Menschen mit Taschenlampen und Feuerzeugen Lichterketten gebildet. Für mich war das alles sehr bewegend: Ich habe gespürt, dass etwas Großes passiert."

Als Minderjährige durfte sie nicht am litauischen Referendum über den EU-Beitritt teilnehmen. Doch die damalige Schülerin verfolgte die Ereignisse mit großem Interesse und freute sich, dass 2003 rund 90 Prozent der Litauer "Ja" zu Europa gesagt hatten. Ein solches Referendum wurde im selben Jahr auch in den anderen Beitrittsländern organisiert - außer in Zypern. Der damalige Germanistik-Student Vlastimil Brom aus Tschechien wollte sich die Möglichkeit, für den EU-Beitritt seines Landes zu stimmen, auf keinen Fall entgehen lassen, obwohl er gerade im Rahmen eines Stipendienprogramms in Deutschland war. Also hat er eine mehrstündige Zugfahrt nach Tschechien unternommen, um beim Referendum dabei zu sein. "Ich war überzeugt, dass das der richtige Weg für unser Land ist - und das hat sich bis heute nicht geändert", sagt Vlastimil Brom, der inzwischen an der Masaryk-Universität in Brünn Germanistik lehrt. Der EU-Beitritt Tschechiens hatte für ihn schon damals auch eine wichtige symbolische Bedeutung: "Ich wollte, dass unsere Zugehörigkeit zum europäischen Kulturraum auch offiziell bestätigt wird."

Laura Tatarelyte, Parlamentsstipendiatin aus Litauen (Foto:privat)
Laura Tatarelyte ist Stipendiatin im BundestagBild: privat

In mehreren Ländern leben und arbeiten

Nach 2004 sei für ihn als Wissenschaftler alles "spürbar einfacher geworden": Das stundenlange Warten vor der Deutschen Botschaft in Prag, um ein Visum für Studienaufenthalte in Deutschland zu beantragen, gehörte der Vergangenheit an. Als er vor zwei Jahren in Würzburg für seine Habilitation forschte, "ging alles ohne Formalitäten". Er konnte problemlos auch seine Ehefrau und die beiden kleinen Kinder für den einjährigen Forschungsaufenthalt nach Deutschland mitnehmen. Eine weitere Veränderung: Auch zu Hause in Brünn begegnet er vermehrt Studenten aus anderen europäischen Ländern, die zum Beispiel im Rahmen des "Erasmus"-Programms für ein Semester nach Tschechien kommen. "Und auch für meine tschechischen Studenten ist es mittlerweile selbstverständlich, dass die Grenzen in der EU offen sind", sagt der heute 37-Jährige.

Dr. Vlastimil Brom, Germanistik-Dozent aus Brünn, mit Frau und Kindern in Würzburg (Foto: privat)
Germanist Vlastimil Brom mit seiner Familie in WürzburgBild: privat

Bundestags-Stipendiatin Laura Tatarelyte hat während ihres Jura-Studiums in Litauen ein Praktikum in Dresden gemacht: "2004 haben sich die Tore Europas für uns geöffnet. Unsere Eltern hätten von diesen Chancen früher nur träumen können." In Deutschland und anderen EU-Ländern möchte sie berufliche Erfahrung sammeln - aber eines Tages auch wieder nach Litauen zurückkehren.

Auch Weronika Mika, die in Polen geboren und aufgewachsen ist, kann sich theoretisch vorstellen, in jedem der EU-Länder zu leben und zu arbeiten. "Es gibt in jedem dieser Länder die Grundstrukturen, um etwas aufzubauen - aber natürlich ist das harte Arbeit und man kann nicht erwarten, dass man einfach so mit offenen Armen aufgenommen wird", sagt die 29-Jährige, die in Bonn als Wirtschaftsjuristin arbeitet und in Bielefeld studiert hat. Harte Arbeit und mutige Aufbrüche ins Unbekannte hat sie schon früher als die meisten ihrer Altersgenossen in Ost und West kennengelernt: Schon als 16-Jährige ist sie in den Ferien nach Deutschland gefahren, um dort in der Gastronomie zu jobben.

"EU-Mitgliedschaft Litauens wichtig im Kontext der Ukraine-Krise"

"Als Polen 2004 EU-Mitglied wurde, habe ich mich zwar sehr gefreut, aber mir auch Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gemacht - zum Beispiel, dass die Bevölkerung stark unter steigenden Preisen leiden könnte", erinnert sie sich. Tatsächlich sind in den Jahren nach dem EU-Beitritt die Preise in Polen gestiegen - aber immerhin auch die Gehälter: Das betonte die polnische Wochenzeitung "Polityka" bereits 2011.

Weronika Mika, Wirtschaftsjuristin aus Polen (Foto: DW/Scherle)
Weronika Mika kann sich vorstellen, auch in anderen EU-Ländern zu leben - doch besonders wohl fühlt sie sich im RheinlandBild: DW/A. Scherle

Doch die Wirtschafts- und Schuldenkrise in der EU hat viele Menschen desillusioniert - auch in den zehn Staaten, die 2004 mit großem Enthusiasmus der EU beigetreten sind. Hat die EU mittlerweile ihren Glanz verloren? Für Weronika Mika nicht. "Ich glaube weiterhin an die Europäische Union. Es ist ein Segen, dass diese Länder so viele Jahre so friedlich zusammengelebt haben." Dass es auch zu größeren Krisen kommt, sei ganz normal: "Sowas gibt es auch in privaten Haushalten und Familien", sagt die junge Akademikerin, die den polnischen und den deutschen Pass hat und sich in erster Linie als Europäerin sieht.

Auch Laura Tatarelyte hat ihr Vertrauen zu Europa nicht verloren. Gerade im Kontext der Ukraine-Krise bedeute die EU-Mitgliedschaft für sie und viele andere Menschen aus den Baltischen Ländern - die früher zur Sowjetunion gehört hatten - noch mehr als Reisefreiheit, Studienmöglichkeiten und Jobs im Ausland: "Als EU-Mitglieder können wir uns sicherer fühlen."