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Weniger Drogentote in Deutschland

25. März 2010

Die Zahl der an Rauschgiften wie Heroin und Kokain Gestorbenen ist zwar rückläufig, dennoch machen sich Politiker und das Bundeskriminalamt Sorgen. Das hat unter anderem mit Afghanistan zu tun.

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Ein Drogenabhängiger kniet nieder, um sich mit einer Spritze eine Dosis Heroin in den rechten Arm zu spritzen (Foto: dpa)
Bild: picture alliance/dpa

Auf den ersten Blick sind die Zahlen erfreulich. Nach zwei Jahren des Anstiegs bedeuten 1331 Drogentote einen Rückgang um acht Prozent gegenüber 2008. Auch die Zahl der sogenannten erstauffälligen Konsumenten ist mit gut 18.000 um sechs Prozent gesunken. Das sei aber kein Grund zur Entwarnung, sagt der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke. Seine Sorgen haben vor allem mit dem zwar ebenfalls rückläufigen, aber nach wie vor hohen Niveau des Schlafmohn-Anbaus in Afghanistan zu tun. Schlafmohn ist der Rohstoff für Heroin, an dem die meisten Drogensüchtigen sterben.

Afghanische Schlafmohn-Bauern bangen um ihr Leben

Das Problem sei, dass man sehr schwer an die Strukturen herankomme, sagt Ziercke. Afghanische Bauern seien häufig Opfer organisierter Kriminalität. "Wenn sie aussteigen wollen, wird der Druck auf Sie erhöht, sie müssen um ihr Leben fürchten." Natürlich bestehe auch ein Zusammenhang mit der Finanzierung der Taliban, die gegen die Alliierten kämpfen, nennt Ziercke einen weiteren wichtigen Grund. Denn viele arme Bauern haben keine Alternative, um Geld zu verdienen.

2009 wurden noch immer 6900 Tonnen Heroin produziert - gegenüber 7700 ein Jahr zuvor. Dieser Ertrag ist umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass die Anbaufläche für Schlafmohn im gleichen Zeitraum von 157.000 auf 123.000 Hektar zurückgegangen ist.

Ein afghanischer Bauer in landestypischer Kluft mit Turban steht mitten in einem riesigen Schlafmohn-Feld und begutachtet die Pflanzen (Foto: AP)
Viele Bauern leben vom SchlafmohnBild: AP

Große Mengen des afghanischen Heroins und anderer Rauschgifte landen in Deutschland. Wichtigster Überlandweg ist nach wie vor die sogenannte Balkan-Route, die unter anderem über Bulgarien und die Türkei führt.

Hunderte Kilo Kokain beschlagnahmt

Kokain aus Süd- und Lateinamerika hingegen gelangt vor allem auf dem Seeweg nach Europa. BKA-Chef Ziercke kennt die verschlungenen Pfade, auf denen Rauschgifte nach Deutschland und von dort in andere Länder gelangen, bestens. Wobei den Fahndern aufgrund des großen Verfolgungsdrucks häufiger dicke Fische ins Netz gehen.

So wurden in einem Container, der von Honduras aus nach Belgien verschifft und von dort mit dem Lastkraftwagen weiter nach Deutschland transportiert wurde, 200 Kilogramm Kokain sichergestellt. "Aus einem anderen Container, der von Uruguay nach Bremerhaven kam, haben wir 122 Kilogramm Kokain herausgeholt, aus einem Container aus Ecuador 108 Kilogramm, die in Hamburg landeten."

Auch andere Gefährte werden zum Drogen-Transport eingesetzt, erzählt Ziercke. So seien in einem Wohnmobil, das in Peru verschifft wurde und über die Niederlande nach Hamburg gelangte, 63 Kilogramm Kokain gefunden worden.

Gezielte Suche nach neuer Kundschaft

Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke (Foto: Galim Fashutdinow)
BKA-Chef Jörg Ziercke bei einem Symposium in Tadschikistan, bei dem es auch um Drogen gingBild: Galim Fashutdinow

Die Strukturen des Drogen-Marktes sind im Kern unverändert, sie reichen vom Mini-Handel für den privaten Konsum bis zur weltweit verzweigten Organisierten Kriminalität. Am untersten Ende sind der Szene sind die Klein-Dealer unterwegs, die von größeren Dealern abhängig sind. Die Märkte sind aufgeteilt, auch zwischen bestimmten Ethnien.

Neue Kundschaft wird nach Zierckes Erkenntnissen geradezu systematisch gesucht. "Man geht ganz gezielt in Diskotheken und Szene-Orte, wo auch Alkohol eine Rolle spielt, um Drogen unter die Leute zu bringen und neue für den Drogen-Konsum zu gewinnen."

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, wertete den Rückgang der Todesfälle als Zeichen dafür, dass Therapien mit Ersatzstoffen wie Methadon erfolgreich seien. Auch wenn es nicht in allen Fällen gelingen könne, Abhängige dem Teufelskreis aus Drogen und Kriminalität zu entreißen, sei es wichtig, ihnen differenzierte Hilfs- und Behandlungsangebote zu machen, sagt die Freidemokratin. "So kann ihr Überleben gesichert und eine Chance geboten werden, ein weitgehend normales Leben in der Gesellschaft zu führen und auch wieder am Arbeitsleben teilzunehmen."

Cannabis-Plantagen ausgehoben

Weitere Erfolge im Kampf gegen Rauschgifthandel und Konsum hängen nach Überzeugung der Drogenbeauftragten Dyckmans und des BKA-Chefs Ziercke wesentlich von zwei Maßnahmen ab. Das sind intensive Aufklärung über die von Drogen ausgehenden Gefahren vor allem unter jungen Menschen und größtmöglicher Verfolgungsdruck auf Dealer und Produzenten.

Auf einem Feld war man dabei nach BKA-Angaben besonders erfolgreich - beim Stilllegen von professionell geführten Cannabis-Plantagen mit mindestens 1000 Pflanzen. Immerhin 26 solcher Groß-Plantagen wurden 2009 entdeckt, ein Jahr zuvor waren es lediglich acht.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Kay-Alexander Scholz