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Zensiert und verboten: "Cyankali"

Jochen Kürten
20. November 2016

Das Abtreibungsdrama von Hans Tintner entstand 1930 während der Weimarer Republik. Es löste eine heftige gesellschaftliche Debatte aus - und wurde verboten. Jetzt erscheint der Film auf DVD und ist aktueller denn je.

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Filmstill CYANKALI
Hauptdarstellerin Grete MosheimBild: Absolut Medien

Das Thema Abtreibung im Kino ist gerade wieder aktuell. Der ungemein bewegende deutsche Film "24 Wochen" von Regisseurin Anne Zohra Berrached läuft nach seiner Premiere bei der 66. Berlinale derzeit noch in einigen Kinos. Schon zu Stummfilmzeiten wagten sich Regisseure an das gesellschaftlich heiß diskutierte Thema. Eines der eindrucksvollsten filmischen Abtreibungsdramen erscheint jetzt wieder auf DVD: Hans Tintners "Cyankali"

Der Regisseur starb 1942 in Auschwitz

Tintner, ein heute weitgehend vergessener Schauspieler, Regisseur und Produzent, 1894 in Wien geboren, 1942 in Auschwitz ermordet, drehte das Drama Ende der 1920er Jahre nach einer Theater-Vorlage des Arztes, Schriftstellers und Kommunisten Friedrich Wolf. Stück und Film setzten sich mit den gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten im Arbeitermilieu im Berlin der späten Zwanziger Jahre auseinander.

Drama eines jungen Paares

Die junge Hete Fent (Grete Mosheim) ist schwanger, sie und ihr Freund, der Arbeiter Paul (Nico Turoff), wollen das Kind zunächst bekommen. Nachdem Paul arbeitslos geworden ist, sieht sich das junge Paar aber nicht mehr in der Lage, eine Familie zu gründen. Auf legalem Weg ist eine Abtreibung nicht möglich. Hete entschließt sich, zu einer "Engelmacherin" zu gehen. Von dieser bekommt sie nach dem Eingriff noch Zyankali mit auf den Weg, zur "Weiterbehandlung". Die junge Frau stirbt anschließend qualvoll.

Filmstill CYANKALI
Das junge Paar in Not: Grete Mosheim und Nico TuroffBild: Absolut Medien

"Cyankali" ist noch heute ein eindrucksvolles filmisches Dokument aus der Ära des frühen deutschen Kinos. Die bittere Armut breiter Bevölkerungsschichten in der Großstadt Berlin wird deutlich herausgearbeitet.

Friedrich Wolf hatte 1928 seine bekannte Streitschrift "Kunst ist Waffe" zu Papier gebracht. Literatur, Theater und Film sollten nach seiner Ansicht auch dazu dienen, unmissverständlich auf soziale Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Verwerfungen aufmerksam zu machen. Sein Theaterstück "Cyankali" war ein Plädoyer in Sachen Schwangerschaftsabbruch und forderte eine humane Gesetzgebung statt Strafverfolgung.

Friedrich Wolf und Hans Tintner waren sich nicht einig

Regisseur Hans Tintner setzte bei der Übertragung ins andere Medium andere Akzente: "Während das Stück auf der Bühne mehr die privaten, familiären Verhältnisse einer Familie schildert, habe ich im Film die Möglichkeit gehabt, weit mehr auf die sozialen Ursachen einzugehen", so Tintner über seinen Film. Friedrich Wolf sah das allerdings anders.

Filmstill CYANKALI
Die verzweifelte Mutter (Herma Ford) pflegt die Tochter vergebensBild: Absolut Medien

Doch nicht der Dissens zwischen Tintner und Wolf wurde entscheidend für das weitere Schicksal des Werks. Nach Fertigstellung des Films geriet das Abtreibungs-Drama in die Mühlen der Zensur. Es wurden wiederholt Schnittauflagen eingefordert, auch ein Jugendverbot ausgesprochen. Nachdem die Zensur den Film schließlich unter Auflagen freigegeben hatte, lief "Cyankali" nur kurz in den Kinos: Mit Antritt der Nationalsozialisten in Deutschland verschwand der Film in den Archiven.

Cyankali: Zwischen Kritik und Anerkennung

Auch bei der zeitgenössischen Kritik hatte es "Cyankali" schwer. Der berühmte Kritiker Herbert Ihering schrieb: "'Cyankali' erreicht die Schärfe und Schlagkraft des Dramas nicht. Aus der Anklage wird larmoyante Milieu-Skizze und Mitleidsbettelei." Gleichzeitig gestand Ihering aber auch ein, dass es mutig von Tintner gewesen sei, das "gewagte Thema" aufzugreifen. Iherings Fazit: "Es geht etwas vor im deutschen Film. Man merkt, dass es mit alter Thematik nicht weitergeht. Man wagt etwas. Aber man macht es noch nicht richtig."

Dagegen war der Kritiker der linken Schweizer Zeitschrift "Tagwacht" dem Film gewogener: "Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Klassenjustiz werden als Motiv klar herausgearbeitet. Eine scharfe, verbitterte Anklage ohne alle Vorbehalte und Kompromisse, wie sie die deutsche Produktion sonst für nötig erachtet."

Filmstill CYANKALI
Zeitgenössische Werbung Bild: Absolut Medien

"Cyankali" liegt jetzt in einer vorbildlich ausgestatteten DVD-Ausgabe vor, die Guido Altendorf für das Filmmuseum Potsdam besorgt hat, ergänzt durch eine zweite Verfilmung des Stoffs durch das DDR-Fernsehen aus dem Jahre 1977. Altendorf fragt: "Wozu taugen sie heute, die beiden Filme und das ihnen zugrunde liegende Drama von Friedrich Wolf? Ist das Thema und die Aufregungen darum nicht längst Geschichte?"

Guido Altendorf: "'Cyankali' ist Lektion und Mahnung."

Der Filmwissenschaftler verneint das entschieden und verweist ausdrücklich auf aktuelle Pläne rechtspopulistischer Parteien wie der AfD. Diese habe, so Altendorf, einen Volksentscheid zum Thema Abtreibung vorgeschlagen. Nicht die Abschaffung, sondern eine denkwürdige Reform dieses Paragrafen werde derzeit von Politikern der AfD eingefordert. "Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen (…) Wünschenswert ist daher, dass eine normale deutsche Familie drei Kinder habe", zitiert Altendorf Parteichefin Frauke Petry. "Die AfD wendet sich gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem Menschenrecht zu erklären", heißt es im Grundsatzprogramm der Partei.

Filmstill CYANKALI
Bild: Absolut Medien

"Taugt das historische Beispiel 'Cyankali' nicht als eine Lektion und Mahnung für das Hier und Jetzt, in mehrfacher Hinsicht?" fragt Altendorf nach. "Ist es nicht Zeit, Position zu beziehen gegen derartige Forderungen, die auf eine Entmündigung der Frauen zielen und darüber hinaus rassistische Positionen offenbaren?" Dass Film-Museen und Filmwissenschaftler in Deutschland wie im vorliegenden Fall ihre historische Arbeit in den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Kontext stellen, ist unbedingt zu begrüßen.

Hans Tintners Film "Cyankali" entstand während des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm. Im letzten Teil des Films sprechen die Darsteller plötzlich. Ein überraschender wie eindrucksvoller Effekt. Die DVD ist vom Anbieter "absolut medien" in Kooperation mit dem Sender Arte erschienen. Auf der DVD ist auch die 1997 von Jurij Kramer für das DDR-Fernsehen gedrehte TV-Version des Stücks enthalten sowie eine einstündige Doku des DDR-Fernsehens aus dem gleichen Jahr.