14 Jahre Haft für BVB-Attentäter

Bis zum Schluss hatte Sergej W. beteuert, er habe mit seinem Splitterbombenanschlag auf den BVB-Bus im April 2017 niemanden ernsthaft gefährden wollen. Die Dortmunder Richter konnte er nicht überzeugen. Ein Rückblick.

Sergej W. wollte reich werden - und wäre dafür buchstäblich über Leichen gegangen. Zu diesem Ergebnis kommt das Landgericht Dortmund im Prozess gegen den in Russland geborenen Deutschen, der im April 2017 aus Habgier einen Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verübte. Dafür muss der 29-Jährige nun wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen für 14 Jahre ins Gefängnis.

Laut Anklage hatte W. auf einen wegen des Attentats fallenden Börsenkurs der BVB-Aktie spekuliert. Im Extremfall hätte ihm sein Plan rund 500.000 Euro einbringen können. "Wären mehrere oder sogar alle Spieler des BVB schwer verletzt oder gar getötet worden, und wäre der Verein deshalb auf nicht absehbare Zeit nicht mehr in nationalen und internationalen Spielrunden vertreten gewesen, hätte dies die Bewertung des BVB auf dem Aktienmarkt erheblich negativ beeinflusst", hieß es in der Anklage.

Ein Beamter des Landeskriminalamts untersucht in der Nacht nach dem Anschlag den BVB-Mannschaftsbus

Das Dortmunder Schwurgericht erklärte den 29-jährigen Sergej W. am Dienstag des 28-fachen Mordversuches für schuldig. Der Vorsitzende Richter Peter Windgätter blieb damit unterhalb des Antrags der Staatsanwaltschaft, die lebenslängliche Haft gefordert hatte. Die Verteidigung hatte am Dortmunder Landgericht auf eine Haftstrafe von deutlich unter zehn Jahren plädiert. Der Angeklagte habe sich nur der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion schuldig gemacht.

Splitterbombe mit 65 Metallbolzen

Eineinhalb Jahre hat die Suche nach Antworten im Fall W. gedauert - einem Fall, der bundesweit für Entsetzen sorgte und selbst Ermittler erstaunte. Als am 11. April 2017 gegen 19.15 Uhr in unmittelbarer Nähe des BVB-Busses drei in einer Hecke versteckte Sprengsätze explodieren, sitzt W. mit einem Fernzünder in Zimmer 402 des rund 150 Meter vom Anschlagsort entfernten Teamhotels L'Arrivée in Dortmund. Das erfahren die Ermittler erst Tage nach der Tat. 

BVB-Spieler kurz nach dem Anschlag vor dem Mannschaftshotel

Bei der Explosion fliegen mindestens 65 Metallbolzen der Splitterbombe größtenteils über den Bus hinweg, einige treffen aber auch Autos und ein Haus. Der BVB-Spieler Marc Bartra wird schwer am Arm verletzt, ein dem Bus vorausfahrender Motorrad-Polizist erleidet ein Knalltrauma. Die UEFA sagt das für 20.45 Uhr geplante Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco ab. Es wird am Folgetag wiederholt - für viele eine unsensible Entscheidung.

Falsche IS-Bekennerschreiben

Noch am Abend der Tat werden am Anschlagsort drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden, die die Ermittler zunächst auf eine falsche Fährte führen. Der Verdacht auf einen terroristischen Hintergrund ruft die Generalbundesanwaltschaft auf den Plan, die zwischenzeitlich zwei in NRW lebende Islamisten ins Visier nimmt. Wenig später ergibt sich unter anderem durch einen Hinweis aus Österreich und eine Verdachtsanzeige der Commerzbank ein ganz anderes Szenario: Der damals 28-jährige Sergej W., ein gelernter Elektroniker, soll vor dem Bombenanschlag im großen Stil Optionsscheine auf die BVB-Aktie gekauft haben.

Im Dortmunder Hotel L'Arrivée übernachtet das BVB-Team vor jedem Heimspiel

Für den Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, stellt der außergewöhnliche Fall eine neue Form der Kriminalität dar. "Das haben wir auch noch nicht erlebt, dass ein Anschlag, zu dem wir ermitteln, sich dann so entwickelt und am Ende sich als so eine perfide Form von Manipulation von Börsenkursen herausstellt", so Münch kurz nach der Festnahme des Verdächtigen in Baden-Württemberg zehn Tage nach der Tat.

Die entscheidende Frage: Hätte die Bombe töten können?

Zum Prozessauftakt unter großem Medienandrang am 21. Dezember 2017 schweigt W. Am zweiten Verhandlung folgt dann doch ein Geständnis: Er bedaure sein Verhalten "zutiefst", habe aber nur einen Anschlag vortäuschen und so Angst und Schrecken verbreiten wollen. "Ich wollte niemanden verletzen oder schwer verletzen und erst recht niemanden töten", so W. Er habe die Bomben bewusst so konzipiert, "dass keine Personenschäden zu erwarten waren". Es ist die zentrale These, auf die sich die Verteidigung in den folgenden elf Monaten stützen wird.

Der Fall Sergej W. ist wohl einer der außergewöhnlichsten Kriminalfälle der jüngeren Bundesgeschichte

Tatsächlich spricht einiges gegen das Fehlen einer Tötungsabsicht, wie sich im Laufe des Verfahrens herausstellt. Da sind zum einen die Gutachten und Aussagen der Sachverständigen. So seien etwa einige Splitter aus den Bomben mit einer Energie von über 100 Joule durch die Luft geflogen, erklärt ein Physiker des BKA Medienberichten zufolge vor Gericht. Mit tödlichen Verletzungen sei schon ab einer kinetischen Energie von 79 Joule zu rechnen.

Folgen der Explosion "nicht beherrschbar"

Auch ein Ballistik-Experte des Fraunhofer-Instituts kommt laut einem Bericht der "Ruhr Nachrichten" in dem Prozess zu dem Schluss, dass die Metallstifte mit der von ihm errechneten Energie "schwere und sogar tödliche Verletzungen" hätten hervorrufen können, wenn sie etwa eine Halsschlagader oder ein Auge getroffen hätten. Die Detonation selbst sei zwar schwach gewesen, dennoch habe aber W. die Folgen der Explosion wohl nicht absehen können, denn "solche Bomben sind für einen Laien nicht beherrschbar".

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Marc Batra zeigt nach einem Bundesligaspiel gegen Werder Bremen im Mai 2017 seinen verletzten Arm

Schließlich sagt ein Sprengstoffexperte, es sei nur wegen einer Verpuffung nicht zu einer noch größeren Katastrophe gekommen. Wäre die Bombe vollständig explodiert, hätte "alles deutlich schlimmer kommen können", erklärt er Ende Oktober am Rand des Prozesses. Hinzu kommt die Zeugenaussage eines Mithäftlings, der Sergej W. im Mai vor Gericht schwer belastet. "Ihm ging es gar nicht ums Geld, er sagte mir, er wollte so viele Menschen wie möglich töten." W. gibt dagegen an, er habe mit dem Mann nie gesprochen.

"Das war ein Anschlag auf das Leben"

Auch BVB-Spieler sagen während des Prozesses aus. Die Fußballprofis treten als Nebenkläger auf - und teilweise als Zeugen. Ihre persönlichen Schilderungen zeigen, wie stark einige das traumatische Erlebnis auch über den Vorfall hinaus beschäftigt. Marc Bartra etwa spricht in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung von "Todesangst". Er habe gefürchtet, seine Familie "nie wieder zu sehen". Während der Befragung durch Staatsanwaltschaft und Verteidigung berichtet er von wiederkehrenden Albträumen.

Torwart Roman Weidenfeller erklärt vor Gericht, er nehme seit dem Anschlag psychologische Hilfe in Anspruch. "Man ist immer noch betroffen, immer noch schreckhaft." Die Tat habe sein "Leben verändert" und sei "immer noch ein Thema in der Mannschaft. Ich kenne Spieler, die noch immer darunter leiden. Das war ein Anschlag auf das Leben".

Ex-BVB_Trainer Thomas Tuchel (Mitte) verlässe nach seiner Zeugenaussage im Landgericht den Gerichtssaal

Der Ex-Borusse Sven Bender kritisiert den Umgang des Bundesliga-Vereins mit dem Vorfall. Das Thema sei "schnell abgehakt" worden, man habe "nicht so viel darüber gesprochen". Dass die Mannschaft schon am Tag nach dem Attentat wieder auf dem Spielfeld stand, sei ein Fehler gewesen. Ex-BVB-Trainer Thomas Tuchel sagt auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft, er gehe davon aus, dass er ohne das Attentat über den Sommer hinaus Trainer geblieben wäre. Der seiner Entlassung vorausgegangene Streit mit BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke habe daher gerührt, "dass ich im Bus saß und Aki [Watzke, Anm. d. Red.] nicht."

35.000 Euro Schmerzensgeld

Anstatt an dem Anschlag zu verdienen, muss W. nun neben seiner Haftstrafe mindestens 35.000 Euro Schmerzensgeld zahlen: 15.000 Euro an Marc Bartra und 20.000 an den verletzten Polizisten. Zudem habe der BVB rund 12.000 Euro Schadensersatz für Schäden am Bus geltend gemacht, zitiert die "Bild"-Zeitung einen Anwalt des Vereins.

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