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200 Jahre Beethovens Neunte Sinfonie

Gaby Reucher
Veröffentlicht 6. Mai 2024Zuletzt aktualisiert 7. Mai 2024

Mit seiner Neunten Sinfonie schuf Ludwig van Beethoven 1824 ein Werk für die Ewigkeit. Doch wie hat er das geschafft? Zum Jubiläum der Uraufführung gibt es neue Erkenntnisse.

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Ludwig van Beethovens handschriftliches Notenblatt von Beethovens Neunter.
Eines der berühmtesten Werke der Musikgeschichte: die Neunte Sinfonie Bild: Andreas Altwein/dpa/picture alliance

Ludwig van Beethoven hatte alle Hände voll zu tun vor der Uraufführung seiner Neunten Sinfonie am 7. Mai 1824. Das neue Werk des Meisters wurde in Wien mit Spannung erwartet. Kopisten arbeiteten auf Hochtouren an der Herstellung des handschriftlichen Aufführungsmaterials. Beethoven überwachte nicht nur ihre Arbeit, sondern kümmerte sich auch um ein geeignetes Theater, um Musiker und Sänger.

"Das Publikum sieht Beethoven oft als dieses einsame Genie, das mutterseelenallein grandiose Werke schafft, dabei hat er mit einem großen Team zusammengearbeitet", sagt Beate Angelika Kraus, Musikwissenschaftlerin am Beethoven-Archiv, der Forschungsabteilung des Beethoven-Hauses in Bonn. Dort wurde Ludwig van Beethoven im Dezember 1770 geboren.

Rosafarbene Hausfassade mit großem zweiflügligem grünen Holztor
Das Geburtshaus von Beethoven in Bonn - heute Museum und KulturinstitutBild: Vincenzo Vanacore/Zoonar/IMAGO

Beethoven als Teamplayer und Manager

"Wir müssen uns Beethoven auch als einen Manager vorstellen, der mit einem Netzwerk von Mitarbeitenden sein Berufsleben organisiert hat", sagt Kraus, die seine Neunte Sinfonie im Rahmen der wissenschaftlich-kritischen Beethoven-Gesamtausgabe herausgegeben hat und sich intensiv mit den Arbeitsprozessen im Hause Beethoven beschäftigt hat.

Portrait Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven managte trotz seiner fortschreitenden Ertaubung alles rund um seine Konzerte Bild: Heinz-Dieter Falkenstein/Zoonar/picture alliance

Auch bei der Leitung von Chor und Orchester gab es mehrere Akteure auf der Bühne. Dem Hauptdirigenten Michael Umlauf stand Beethoven zur Seite und gab die Tempi vor. Neben dem Konzertmeister an der ersten Geige übernahm auch ein Pianist Verantwortung. "Das war damals üblich. Wenn ein Chor zum Einsatz kam, dann konnte vom Klavier aus bei Bedarf unterstützend eingegriffen werden", sagt Kraus.

Die Neunte machte Beethoven zum Weltstar

Als Meilenstein der Musikgeschichte und "Symbol für Kultur und Humanität" ist das Autograph der Neunten Sinfonie seit 2001 Teil des Weltdokumentenerbes der Unesco. Beethoven setzte in seiner letzten vollendeten Sinfonie zum ersten Mal einen Chor ein. Das hatte es bis dahin in einem sinfonischen Werk noch nicht gegeben. Außerdem ist die Neunte mit fast 70 Minuten außergewöhnlich lang. Beethoven war ein Wegbereiter für viele Komponisten nach ihm. Der berühmte Schlusschor der Neunten mit der "Ode an die Freude" steht für Frieden und Völkerverständigung. Die Instrumentalversion wurde 1972 zur Hymne des Europarates ernannt und ist seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union. Die Melodie zum Text "Freude schöner Götterfunken" ist heute auf der ganzen Welt bekannt. Deshalb sei das Werk ein Beitrag zum "internationalen Kulturdialog", heißt es in der Unesco-Begründung.

Warum die Welt Beethovens Neunte liebt

Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv dirigierte die Neunte einen Tag nach dem russischen Angriff auf Kiew und Charkiw im Februar 2022. Für sie sind die Textpassagen aus der Feder des Dichters Friedrich Schiller besonders berührend. Etwa wenn es heißt: "Alle Menschen werden Brüder". "Diese Empathie sollte jeder auf der ganzen Welt entwickeln. Das hat das Publikum damals schon angesteckt, und sie haben sogar ihre Mützen in die Luft geworfen", sagt Lyniv in einem Interview mit der DW. 

Es gibt nicht nur die eine Neunte

Die Neunte Sinfonie wurde von langer Hand geplant. Die erste Skizze ist aus dem Jahr 1815 bekannt. Zu Lebzeiten des Komponisten gab es zwölf Aufführungen seiner Neunten. Dabei hat er mehr als eine Fassung geschaffen. "Wir können sagen, dass Beethoven über einen Zeitraum von 12 Jahren immer wieder zu unterschiedlichen Anlässen eine von ihm autorisierte Fassungen in die Welt geschickt hat", sagt Beate Angelika Kraus.

Beethoven, Sinfonie Nr. 9  Titelblatt mit handschriftlicher Widmung
Das Titelblatt von Beethovens Sinfonie Nr.9 mit der eigenhändigen Widmung an den König von Preußen, Friedrich Wilhelm III.Bild: akg-images/picture alliance

Die Neunte der Uraufführung war eine Frühfassung und anders als jene, die er an seinen Verleger schickte oder die Partitur für den preußischen König, dem Beethoven seine Sinfonie schließlich widmete. "Die Neunte ist nicht, wie man landläufig denkt, das eine feststehende Werk", sagt Kraus, "sie ist eher ein Work in Progress."

Der Auftrag kam aus London

Die Sinfonie war ein Auftragswerk der Londoner "Philharmonic Society". Deshalb sollte die Uraufführung selbstverständlich in England stattfinden. Es existierte ein Schreiben von 30 Kunstfreunden mit der Bitte an Beethoven, seine neuesten Werke zuerst in Wien zu Gehör zu bringen. "Dieses Schreiben von Februar 1824 kennen wir schon länger, aber wir sehen es jetzt mit anderem Blick: Viele dieser Unterzeichner standen mit Beethoven in einem engen Kontakt", so Kraus. Es stelle sich deshalb die Frage, ob Beethoven beteiligt war. Zumindest sei es ihm sicher sehr willkommen als Vorwand für die Uraufführung in Wien gewesen.

Das Programm der Uraufführung

Ludwig van Beethoven präsentierte seine neuesten Werke der Öffentlichkeit in Konzerten, den sogenannten "Akademien". Bei der Akademie am 7. Mai 1824 im Wiener Hoftheater am Kärntnertor erklangen vor über 2000 Zuhörern neben der Uraufführung der Neunten Symphonie op. 125 weitere Werke des Komponisten. Darunter waren drei Teile der "Missa solemnis" op. 123 und die Ouvertüre "Die Weihe des Hauses" op. 124. "Niemand wäre damals in ein Konzert gegangen, das nur eine Stunde dauert oder als einziges Werk die Neunte Sinfonie enthält", so Kraus.

Weißer pyramidenartiger Grabstein auf Sockel mit der Aufschrift "Beethoven".
Der Gedenkstein auf dem Wiener Zentralfriedhof erinnert an den Tod des Komponisten am 26. März 1827Bild: Daniel Kalker/picture alliance

Zum Zeitpunkt der Uraufführung litt Beethoven stark unter seiner Schwerhörigkeit. Er hatte schon früh einen Hochtonverlust erlitten und konnte hohe Töne, wie z.B. Flötentöne, nicht mehr hören. "Hinzu kamen Tinnitus und 'Recruitment': Das heißt, trotz Schwerhörigkeit wurden laute Töne als schmerzhaft empfunden", sagt Kraus. Dennoch stand er mit auf der Bühne und gab die Tempi an. "Tiefe Frequenzen, zum Beispiel die Pauken und Bässe, kann er durchaus noch wahrgenommen haben."

Beethoven Denkmal auf Sockel, Beethoven trägt einen langen Mantel und hält einen Stift und ein Notizbuch in den Händen.
Das Beethoven-Denkmal auf dem Bonner MünsterplatzBild: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres/picture alliance

Die Neunte im "Resound"

Das Beethoven-Haus Bonn hat die "Akademie" von 1824 zum 200. Jubiläum der Neunten Sinfonie so originalgetreu wie möglich rekonstruiert. Das Uraufführungskonzert findet am 7. Mai 2024 in der prächtigen Stadthalle Wuppertal statt, da der Uraufführungsort, das Wiener Hoftheater am Kärntnertor, nicht mehr existiert.

Unter der Leitung von Martin Haselböck spielt das Orchester der Wiener Akademie auf Originalinstrumenten. Es singt der WDR-Rundfunkchor mit prominenten Solisten. Wie bei der Uraufführung wird der Chor nicht hinter, sondern vor dem Orchester stehen und damit, so Dirigent Haselböck, direkter zum Publikum sprechen. Sowohl die Missa Solemnis als auch Beethovens Neunte appellieren an den Friedensgedanken, der für die Veranstalter aktueller denn je ist. Das Konzert wird von der Deutschen Welle live auf dem Youtube-Kanal "DW Classical Music" übertragen.

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