Agnès Varda ist 90 - und präsentiert ihren neuesten Film

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"Augenblicke: Gesichter einer Reise"

Die Dokumentation "Augenblicke: Gesichter einer Reise", die nun in Deutschland Kino-Premiere feiert, ist ein so humorvoller wie tiefsinniger Film über das Heimatland der Künstlerin - und gleichzeitig ein Film über eine Freundschaft. Varda reist mit dem Street-Art-Künstler JR in die französische Provinz, erzählt von den Menschen in Frankreich und nicht zuletzt von sich und ihrer Beziehung zu JR.

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Engagiert bis heute: Agnès Varda

Als bei den Filmfestspielen in Cannes vor kurzem 82 Frauen auf die Unterbeschäftigung des weiblichen Geschlechts im Filmgeschäft aufmerksam machten, war Agnès Varda als älteste Teilnehmerin auf dem Roten Teppich dabei. Seit Mitte der 1950er Jahre ist sie eine Vorreiterin des Autorenfilms - künstlerisch einflussreich, engagiert und dabei mit viel Humor ausgestattet.

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Viele Ehrungen für Agnès Varda

Auszeichnungen und Preise ist Agnès Varda inzwischen gewöhnt. Lange Zeit stand sie im Schatten ihrer bekannteren männlichen Regiekollegen François Truffaut, Claude Chabrol und Jean-Luc Godard. Dabei war sie es, die einst die Nouvelle Vague mitbegründete, jene inzwischen legendäre filmische Erneuerungsbewegung in Frankreich, die Einfluss auf das gesamte europäische Filmschaffen haben sollte.

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Debüt mit "La Pointe Courte"

1955 feierte Agnès Varda in Cannes mit "La Pointe Courte" ihren ersten großen Festivalauftritt. Ihr Debüt, halb Dokumentation, halb Spielfilm, blickt auf ein junges Paar an der französischen Mittelmeerküste, das in der Krise steckt. Gleichzeitig zeichnet Varda in ihrem Film das harte Leben französischer Fischer nach, die um ihre Existenz ringen. An den Kinokassen fiel "La Pointe Courte" durch.

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"Mittwoch zwischen 5 und 7"

Nach dem aus wirtschaftlicher Sicht missglückten Debüt schlug sich Varda zunächst einige Jahre mit Auftragsarbeiten durch - bis sie 1961 künstlerisch mit "Cléo de 5 à 7" ("Mittwoch zwischen 5 und 7") noch einmal neu begann. In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die Regisseurin von einer jungen Pop-Sängerin, die auf das Ergebnis einer Krebs-Untersuchung wartet. Ein Film über Zeit, Angst und den Tod.

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Surreales Märchen: "Die Geschöpfe"

Zwei Stars des französischen Kinos vereinte Varda in "Les créatures" ("Die Geschöpfe") im Jahre 1966. Michel Piccoli und Catherine Deneuve spielen ein Paar, das Ferien auf einer kleinen Insel macht. Er ist Science-Fiction-Autor, sie nach einem Unfall verstummt. Der Film spielt mit surrealen Märchenelementen, wechselt zwischen Schwarz-Weiß und Farbe.

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Rückkehr nach Frankreich

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre drehte Varda mehrere Dokumentarfilme in den USA, die sich mit sozial- und gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich inszenierte sie 1977 "L'une chante, l'autre pas" ("Die eine singt, die andere nicht"). Vardas Beitrag zur Feminismusdebatte erzählt die Geschichte einer Frauenfreundschaft über einen langen Zeitraum.

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Erfolg mit "Vogelfrei"

Ihren bis dahin größten Erfolg feierte Agnès Varda dann 1985, als sie für ihren Film "Sans toit ni loi" ("Vogelfrei") den Goldenen Löwen der Filmfestspiele in Venedig errang. Die Geschichte einer jungen Frau (Sandrine Bonnaire), die aus dem bürgerlichen Leben aussteigt, ist auch ein Spiegel der Karriere der Regisseurin: Der Film stellt Fragen nach konsequenter Lebensverweigerung und Anpassung.

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Arbeiten mit Jane Birkin

Nach "Vogelfrei" widmete sich die Regisseurin in zwei Filmen der Sängerin und Schauspielerin Jane Birkin. Nach einem kunstvollen Porträtfilm über Birkin drehte sie 1987 "Le petit amour" ("Die Zeit mit Julien"), der die Liebe zwischen einer 40-jährigen Frau und einem 14-jährigen Jungen nachzeichnet. Neben Jane Birkin spielen Vardas Sohn Mathieu Demy und Birkins Tochter Charlotte Gainsbourg mit.

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Abschied vom Ehemann

Eine ganz persönliche Trauerarbeit war "Jacquot de Nantes" im Jahre 1991. Vardas langjähriger Ehemann, der Filmregisseur Jacques Demy, war im Jahr zuvor gestorben. In dem Film widmet sich die Regisseurin nun in spielerischer Art und Weise der Jugend und der späteren künstlerischen Laufbahn des Regisseurs, der vor allem mit Musicals bekannt geworden war.

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Blick auf die Kinogeschichte

1995, als weltweit 100 Jahre Kino gefeiert wurde, steuerte auch Agnès Varda einen Beitrag zu den Jubiläumsfeierlichkeiten bei. In "Les cent et une nuits de Simon Cinéma" ("Hundert und eine Nacht") bringt Varda in einem phantasievollen Bilderreigen verschiedene Größen der Leinwandgeschichte zusammen: ein künstliches und künstlerisches Kaleidoskop des Kinos.

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"Die Sammler und die Sammlerin"

Zur Jahrtausendwende legte Agnès Varda dann einen weiteren Dokumentarfilm vor, der sich um die französische Landbevölkerung dreht. Ein Jurist, gekleidet in dunkler Robe, führt durch den Film. In "Les glaneurs et la glaneuese" ("Die Sammler und die Sammlerin") geht es der Filmemacherin um die sogenannten Sammler, die früher frisch abgeerntete Felder nach essbaren Ernterückständen absuchten.

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Rückblick auf das eigene Leben

Vor knapp zehn Jahren blickte die Filmregisseurin in "Les plages d'Agnès" ("Die Strände von Agnès") eindrucksvoll zurück auf das eigene Leben. Dabei griff Varda kaum auf altes Material und nur auf wenige Filmausschnitte zurück. Vielmehr erlebt der Zuschauer die Regisseurin an ihren Lieblingsplätzen - den Stränden Frankreichs. Eine Reflexion über Leben und Leidenschaften, über Kunst und Kino.

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Nach Löwen und Bären auch einen Oscar

Agnès Varda hat viele Preise bekommen in ihrem Leben, unter anderem 1965 einen Spezialpreis der Berlinale, 1985 den Goldenen Löwen in Venedig oder 2014 den Ehren-Leoparden in Locarno. 2017 kam der Ehrenoscar dazu. Und sie wird nicht müde weiter Filme zu drehen. Ihr neuester, der oscarnominierte "Augenblicke: Gesichter einer Reise", kommt jetzt in die deutschen Kinos.

Mit 89 noch einen Film zu drehen, das schaffen nicht viele. Die Französin Agnès Varda hat es geschafft: "Augenblicke: Gesichter einer Reise" kommt zu ihrem runden Geburtstag ins Kino - Grund genug für einen Rückblick.

Dieses originelle Filmduo dürfte in die Geschichte eingehen. Die Regisseurin Agnès Varda und der Street-Art-Künstler JR haben einen wundervollen, poetischen und dazu humorvollen Film gedreht. Beide zeichneten für die Regie verantwortlich, beide agierten als ihre eigenen Hauptdarsteller. "Augenblicke: Gesichter einer Reise", im vergangenen Jahr in Cannes uraufgeführt, anschließend mit einer Oscarnominierung bedacht, erreicht jetzt auch die deutschen Kinos (Start: 31.5.2018) - einen Tag nach Vardas 90. Geburtstag.

Varda und JR zeichnen ein sensibles Porträt Frankreichs

Das Konzept, das sich die beiden Künstler aus so unterschiedlichen Generationen ausgedacht haben (Varda wurde 1928 geboren, JR 1983), ist so einfach wie effektiv. Mit ihrem Kleintransporter, der wie eine Kamera gestaltet ist, fahren sie durch die französische Provinz. JR fotografiert die Menschen, klebt die überdimensionierten Abzüge auf Hauswände oder drückt sie den darauf Abgebildeten direkt in die Hände. Die Regisseurin spricht mit den Menschen, filmt das Ganze. Entstanden ist so ein Porträt vom Zustand einer Nation im Jahre 2017, es zeichnet das Bild eines Landes zwischen Pessimismus und Lebensmut.

Filmstills - Augenblicke: Gesichter einer Reise

Die beiden Künstler in ihrem Fotografie-Mobil, mit dem sie in Frankreich unterwegs sind

Agnès Varda war stets eine Filmemacherin, die zwischen Dokumentation und Spielfilm pendelte. Sie war immer eine europäische Filmkünstlerin, die sich dem Kommerzkino verweigerte, konsequent ihre eigene künstlerische Linie verfolgte. So überraschte es viele, als die Oscar-Akademie im vergangenen Jahr beschloss, ausgerechnet der Autorenfilmerin Agnès Varda einen Ehrenoscar fürs Lebenswerk zu verleihen: Varda und die glänzend-goldene Statuette aus Hollywood, die wie kaum ein anderer Preis für Glanz und Glamour steht - wie passt das zusammen? 

Autodidaktin hinter der Kamera

Agnès Varda ist Tochter eines Griechen und einer Französin. Geboren wurde sie am 30. Mai 1928 in Brüssel. Aufgewachsen ist sie an der südfranzösischen Küste. Sie ist kein Kind des Kinos, sondern der Literatur, der Fotografie und der bildenden Kunst. Sie kam zum Kino mit nur wenig Erfahrung. Als sie 1955 ihren ersten Film "La Pointe Courte" auf die Leinwand brachte, soll sie zuvor erst zehn Filme im Kino gesehen haben. Eher interessierte sie sich für die großen Schriftsteller, Künstler und Fotografen. "Die Fotografie hört nicht auf, mir beizubringen, wie man Filme macht", hat sie später einmal gesagt. Ihr neuer Film passt also gut ins Werk dieser Regisseurin.

Agnes Varda 1986

Sie war die einzige Frau im Umfeld der Nouvelle Vague: Agnès Varda, hier im Jahre 1986

Später wurde Agnès Varda aber dann doch zu einer Frau des Kinos. Eigentlich wie keine andere in Frankreich, dem Geburtsland des Kinos. Doch Varda stand lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen, Jean-Luc Godard und François Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Eric Rohmer. Sie galten als die Revolutionäre des Kinos, als Begründer der berühmten Nouvelle Vague, die zu Beginn der 1960er Jahre für eine Wiedergeburt des französischen Films gesorgt hatte. Von Varda war in diesem Zusammenhang weniger die Rede. Was auch daran lag, dass die 1928 geborene Filmemacherin nicht im Umkreis von Truffaut und Godard verkehrte, die über das Schreiben von Kinokritiken zum Film gekommen waren.

Eine experimentierfreudige Regisseurin

Dabei hätte die Filmgeschichtsschreibung allen Grund gehabt Agnès Varda schon früh zu beachten, schließlich nahm ihr Filmdebüt 1955 vieles vorweg, was ihre männlichen Kollegen ein paar Jahre später in heute berühmten Werken wie "Außer Atem" oder "Sie küssten und sie schlugen ihn" ausarbeiteten: eine unkonventionelle Dramaturgie, filmische Experimente mit Kamera, Schnitt und Montage, ein Zusammenspiel von Spiel- und Dokumentarfilmelementen. "All das Neue, womit die Nouvelle Vague die 'Tradition der Qualität' herausfordern wird, (ist) bereits in Vardas Erstling vorhanden: produktionstechnisch, in der Geisteshaltung und ästhetisch", skizzierten die Kritiker Miriam Fuchs und Norbert Grob später den Werdegang der Regisseurin.

Internationale Filmfestspiele von Cannes - Roter Teppich

In letzter Zeit war Varda oft auf roten Teppichen zu sehen, so auch in Cannes 2017

Und in späteren Jahren wurde Agnès Varda dann auch dazugezählt, wenn von den großen französischen Kinoerneuerern die Rede war - stets mit dem Zusatz: die einzige Frau der Nouvelle Vague. Vielleicht lag es auch daran, dass Varda lange nicht so wahrgenommen wurde: Weil sie eben eine Frau war. Das Schreiben über das Kino war ja auch eher eine Männersache. Das hat sich inzwischen ein wenig geändert. Und so ist auch Varda in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet, geehrt und gefeiert worden.

Ein Oscar für die einzige Frau der Nouvelle Vague

Mit dem Oscar hat Varda nun auch den meisten der Nouvelle-Vague-Heroen etwas voraus: Weder Chabrol noch Alain Resnais, weder Rohmer noch Rivette wurden mit der Trophäe bedacht. Einzig Truffaut bekam 1974 einen für seine "Amerikanische Nacht". Jean-Luc Godard wurde 2010 ein Ehrenoscar angetragen. Der bärbeißige Regisseur machte sich allerdings nichts aus der Auszeichnung, reiste nicht nach Los Angeles um sich die Statuette abzuholen: "Eine so lange Reise für ein Stück Metall?" Die damalige Reaktion des Regisseurs ist legendär.

Agnes Varda 2008

Ganz entspannt blickt Varda im Film "Die Strände von Agnès" auf ihr Leben zurück

Varda zeigte sich dem amerikanischen Filmpreis aufgeschlossener. Sie sei eine kleine Königin am Rande des Kinos, sagte sie in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Die Ehren-Oscars bekämen Leute, die keine Hollywood-Stars und Blockbuster-Filmemacher seien. Dass man sie trotzdem wahrgenommen habe, habe sie sehr berührt.

Der Ehren-Oscar für Varda steht auch für den Wandel der Oscar-Akademie

Die Regisseurin hatte sich in den 1960er Jahren, als sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Jacques Demy, einige Jahre in den USA lebte und Filme drehte, beharrlich geweigert, kommerzielle Angebote der großen Filmstudios anzunehmen. Varda legte stets allergrößten Wert auf ihre künstlerische Unabhängigkeit. Hollywood wollte ihr das damals nicht gewähren.

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Die Oscar-Akademie hat sich in den vergangenen Jahren allerdings gewandelt. Nach einigen harschen Vorwürfen, sie sei nicht offen genug für Frauen und schwarze Filmemacher, hat sie sich behutsam verändert. Agnès Varda hat von diesem Wandel profitiert. Dafür steht auch die Oscar-Nominierung für Vardas jüngsten Film, die Dokumentation "Augenblicke: Gesichter einer Reise", der jetzt in die deutschen Kinos kommt - einen Tag nach dem 90. Geburtstag dieser großen Filmemacherin.