Ai Weiwei beklagt Zensur bei "Berlin, I Love You"

Eine Filmsequenz des chinesischen Künstlers in "Berlin, I Love You" wurde aus dem Film entfernt. Ai Weiwei vermutet dahinter politischen Druck aus China. Selbst die Berlinale habe zum Rauswurf der Szene geraten.

Dass die achtminütige autobiographische Episode des chinesischen Dissidenten aus der Endversion des Episodenfilms "Berlin, I Love You" entfernt worden sei, sei eine politische Entscheidung, sind sich Ai Weiwei und die Produzenten des Films einig.

Kunst | 31.08.2017

"Sie (die Produzenten, Anmerkung d. Red.) sagten mir, mein politischer Status sei der Grund, dass die Szene mit mir rausgeschnitten wurde", sagte Ai Weiwei der DW-Reporterin Melissa Chan. "Er mache es für das Produktionsteam sonst schwierig, auch weiter Fördergelder zu bekommen."

Er selbst habe erst nach dem Erscheinen des Films gemerkt, dass die Szene fehle. Der Berliner Episodenfilm ist der jüngste  in der Reihe "Cities in Love". Neben der deutschen Hauptstadt wurden auch schon New York, Paris und Rio porträtiert. Einer der Produktionsleiter der Serie plant laut Ai Weiwei eine Fortsetzung in Shanghai.

"Ich kann nur bestätigen - so haben es mir die Produzenten von "Berlin, I Love You" gesagt -, dass @aiww's Behauptung stimmt. Die Szene mit ihm wurde wegen Bedenken herausgeschnitten, dass der Künstler politisch unbequem sei, zukünftige Fördergelder und den Zugang zu China gefährde, inklusive den geplanten Film "Shanghai, I Love You", twitterte DW-Reporterin Chan.

Filmproduzenten bestätigen Ai Weiweis Aussagen

Auch die Berlinale habe Druck ausgeübt, seinen Beitrag zu verhindern, beklagte sich Ai Weiwei weiter im Gespräch mit der DW. "Ich fragte meinen Produzenten. Der sagte mir, die Berlinale hätte den Film nicht akzeptiert, wenn ich ein Teil davon gewesen wäre."

Der Künstler  kritisiert die chinesische Regierung immer wieder heftig. In seiner Heimat stand er vier Jahre unter Hausarrest, bevor er im Juli 2015 endlich das Land verlassen durfte. Er wählte Berlin als neuen Wohnsitz.

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DW News | 18.02.2019

Ai Weiwei: 'The purpose is to censor every piece of art'

Edda Reiser und Claus Clausen, die Produzenten des Films, bestätigten der DW, dass Ai Weiweis Vorwürfe der Wahrheit entsprächen  - auch  was die Berlinale betreffe. Er habe keine andere Wahl gehabt, als die Szene rauszuschneiden, so Clausen. Mit künstlerischen Differenzen habe das nichts zu tun; im Gegenteil, er habe Ai Weiweis Teilnahme begrüßt: "Wir standen vor der Wahl. Wir wollten die Szene mit Ai auf jeden Fall. Aber am Ende sahen wir uns gezwungen, sie rauszunehmen." 

Audio und Video zum Thema

Die Szene mit Ai Weiwei entstand schon 2015, als eine der ersten des Films "Berlin, I Love You". Damals stand der Künstler noch unter Hausarrest, daher wurde per Videochat gedreht. Seine Teilnahme gab dem Projekt mehr Gewicht, so dass bekannte Regisseure darauf aufmerksam wurden und sich beteiligten.

Berlinale bestreitet Vorwürfe

Gegenüber der DW wollte man bei der Berlinale keinen Kommentar über einen Film abgeben, der bei dem Festival gar nicht gelaufen ist. Die Organisatoren wiesen Ai Weiweis Vorwürfe aber zurück: Es sei keinesfalls ein Kriterium für die Wahl eines Films auf dem Festival, ob Ai Weiwei daran beteiligt sei oder nicht. 

"Berlin, I Love You" ist offenbar nicht der erste Film, der sich Chinas langem Arm beugen muss. Der renommierte chinesische Regisseur Zhang Yimou zog seinen Wettbewerbsbeitrag im Rennen um den Goldenen Bären, "One Second", der zur Zeit von Mao Zedongs Kulturrevolution spielt, 2017 während der laufenden Berlinale zurück - angeblich wegen technischer Probleme. Man geht aber allgemein davon aus, dass China wirkungsvoll Zensur ausgeübt hat.

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"Good Fences Make Good Neighbors"

Ai Weiwei weiß, was es heißt, ein Flüchtling zu sein: In seiner Heimat China ist er selbst ein Verfolgter. Für seine große Schau in New York hat er über fünf Stadtteile Kunstwerke verteilt, die sich mit der globalen Flüchtlingskrise auseinandersetzen. Eine der größten Installationen ist der "Vergoldete Käfig" am Rande des Central Parks (Bild), in den man durch Drehkreuze ein- und austreten kann.

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Die Flüchtlingskrise als wiederkehrendes Thema

Das Drama der Flüchtlinge lässt ihn nicht los. Immer wieder verarbeitet Ai Weiwei ihr Schicksal in seinen Werken. So baute er ein 70 Meter langes Schlauchboot mit 258 überlebensgroßen Insassen. Bei den Venedig-Filmfestspielen ging sein Dokumentarfilm "Human Flow" ins Rennen um den Goldenen Löwen.

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Kunst oder Selbstdarstellung?

Ende 2015 ging das Foto des dreijährigen syrischen Flüchtlingkindes Alan Kurdi, der tot am Strand angespült wurde, um die Welt. Die Aufnahme mit Ai Weiwei entstand im Januar 2016 für das News-Magazin India Today auf der griechischen Insel Lesbos. Doch nicht jeder fand diese Art des Protestes gegen die europäische Asylpolitik ethisch vertretbar. Sie sorgte für heftige Diskussion.

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Luther aus Ai Weiweis Perspektive

Die Ausstellung "Luther und die Avantgarde" zeigt Werke zeitgenössischer Kunst. Bilder seien weder gut noch böse, sie könnten den Glauben und das Nachdenken über Gott und die Welt anregen, sagte der Reformator einst. Seine Haltung zu künstlerischer Freiheit ebnete der modernen Kunst den Weg. In seiner Installation zeigt Ai Weiwei seinen Blick auf Individualität, Religion und Widerstand.

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Legosteine im Gefängnis von Alcatraz

Auch andere Ausstellungen Ais hatten klare politische Aussagen. Von September 2014 bis April 2015 war auf der früheren US-Gefängnisinsel Alcatraz eine Werkschau zu sehen, in denen der Künstler auf die Situation politisch Verfolgter aufmerksam machen wollte. Aus 1,2 Millionen Legosteinen hatte er Porträts von Menschen im Exil oder in Haft geformt. Dabei waren auch Edward Snowden und Nelson Mandela.

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"Berlin, ich liebe dich."

Während der Berlinale 2015 drehte Ai Weiwei per Fernregie aus Peking eine achtminütige Episode des Kinofilms "Berlin, I love you". Darin beschreibt er, wie er über die große Distanz die Beziehung zu seinem damals sechsjährigen Sohn Ai Lao, der mit der Mutter in Berlin lebt, aufrecht erhalten hat. Die technische Herausforderung gelang über Satellit und Skype.

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Die erste Ausstellung in China

Ai Weiweis Werke durften lange nicht in China gezeigt werden. Doch im Juni 2015 lockerte sich die starre Haltung der Behörden. Am 6. Juni eröffnete in Peking die erste Einzelausstellung Ais in China. Obwohl klar war, dass Ai in der Schau keine politisch motivierten Werke zeigen würde, fand die Eröffnung erst zwei Tage nach dem Jahrestag des Massakers vom Tiananmen Platz (1989) statt.

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Sonnenblumenkerne

100 Millionen Sonnenblumenkerne aus Porzellan ließ Ai für die Londoner Tate Gallery herstellen. Zwei Jahre lang arbeiteten 1600 Menschen an der Installation, die ab Herbst 2011 ein halbes Jahr lang in London zu sehen war. Die "Sunflower Seeds" erinnern an die Zeit der Kulturrevolution, während der das Symbol der Sonnenblume ein beliebtes Propagandamotiv war.

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"Circle of Animals / Zodiac Heads"

Die zwölf Tierkreiszeichen sind die Reproduktion eines Brunnens in einem alten chinesischen Königspalast, der 1850 von französischen und britischen Truppen zerstört wurde. Als Ai diese Skulpturen in New York ausgestellte, gab es Interpretationsspielräume: Reizte er China mit der symbolischen Ausfuhr eines Kulturschatzes? Oder spielte er auf die Plünderungszüge westlicher Kolonialmächte an?

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6000 Hocker

Selbst aus dem Hausarrest heraus konnte Ai Weiwei seine Ausstellungen im Ausland organisieren. Die Installation "Stools" war 2014 im Berliner Martin Gropius-Bau zu sehen. Tausende Hocker aus seiner Heimat China - zum Teil uralte Stücke, die beim Umzug in die Stadt zurückgelassen wurden - sollten auf den Verlust chinesischer Traditionen, vor allem im ländlichen Gebiet, aufmerksam machen.

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"Very Yao"

Immer mehr Chinesen fahren eigene Autos. Das traditionelle Verkehrsmittel - das Fahrrad - verschwindet immer mehr aus dem Straßenbild. Radfahrern wird oft die Schuld für Verkehrsunfälle gegeben. Diese Installation aus 150 Rädern soll an Yang Jia erinnern, der auf einem angeblich geklauten Fahrrad erwischt wurde. Man hängte ihm den Mord an sechs Polizisten an. Dafür erhielt er die Todesstrafe.

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