Al-Wazir: "Ich lasse mich nicht verrückt machen"

Er könnte der zweite grüne Ministerpräsident Deutschlands werden. Tarek Al-Wazir von den Grünen, momentan Juniorpartner der CDU in Hessen, nennt das im DW-Interview ein Signal gegen die Große Koalition in Berlin.

DW: Herr Al-Wazir, Sie führen ausnahmsweise mal einen Wahlkampf mit Rückenwind. Es könnte sogar sein, dass ihre Partei zweitstärkste Kraft wird in Hessen. Vielleicht reicht es sogar für eine grün-rot-rote Regierung mit Ihnen als Ministerpräsident?

Tarek Al-Wazir: Wir machen einen Wahlkampf, der sehr klar auf Eigenständigkeit setzt, auf eigene Stärke, auf die Inhalte. Und das genau ist der Grund, warum wir ganz guten Zuspruch haben. Die Grünen sind eine Partei, die an ihren inhaltlichen Projekten arbeitet. Ich will den Klimaschutz stärken. Ich will die Energie-, Agrar- und Verkehrswende voranbringen. Ich will, dass die Gesellschaft zusammenhält. Ich will vor allem auch Haltung zeigen, um unsere freie, offene und vielfältige Gesellschaft zu verteidigen. Und Koalitionsspekulationen sind genau das Gegenteil von dem, was die Leute gut finden.

Deswegen werde ich sie auch nicht machen, sondern die Menschen müssen entscheiden, wen sie in der Sache stärken wollen. Da gilt die Linie, die immer gegolten hat bei den hessischen Grünen: Wir sind erst am Wahlabend so weit, dass wir rechnerisch gucken, was geht und dann auch politisch gucken, was geht. Und von Umfragen - die sind mal so mal anders, die sind teilweise von Woche zu Woche verschieden - lasse ich mich nicht verrückt machen.

Das heißt, Sie spüren nichts von einer positiven Welle, die die Grünen bundesweit erfasst hat?

Doch, es gibt eine positive Welle! Die hat viel zu tun mit Menschen, die sich Gedanken machen über die Frage: Was passiert eigentlich gerade in unserer Gesellschaft? Wer bleibt eigentlich klar in seinen Haltungen, tritt den Rechtspopulisten klar entgegen? Der zweite Punkt ist ganz klar, dass sich mehr Menschen Gedanken machen über die Frage: Was ist eigentlich mit unserem Klima los? Klar ist nicht jede Hitzewelle gleich der Klimawandel, so wie eine Kältewelle ja nicht gleich die Eiszeit ist. Aber dass sich hier gerade etwas verschiebt, darüber denken schon etliche Menschen nach und wollen Antworten haben, was man dagegen tun kann.

Und natürlich ist es auch so, dass die Große Koalition in Berlin alles andere als ein gutes Bild abgibt. Gerade, was die Antwort auf den Rechtspopulismus angeht, versagt sie. Die Anwesenheit der AfD im Bundestag müsste ja eigentlich für viele Menschen in der Regierung bei CDU/CSU und SPD ein Weckruf sein, dass man nicht immer um sich selbst kreist, sondern sich mit der sachlichen Lösung von Problemen beschäftigt. Genau das haben sie im letzten halben Jahr nicht hinbekommen und das ist auch eine Erklärung dafür, warum die Grünen gerade so stark sind.

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DW Nachrichten | 15.10.2018

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Wenn schwarz und grün hier wieder zusammenfinden sollten nach der Wahl - ist das dann auch ein Signal gegen die GroKo in Berlin?

Ich glaube, dass viele Menschen sagen: wir wollen nicht noch eine Große Koalition. Und natürlich ist klar, dass das am Ende auch die Wahlentscheidung von Leuten bestimmt. Wir sagen, dass jede Stimme für die Grünen ganz sicher eine Stimme gegen eine Große Koalition ist. Und das ist auch eine der Erklärungen dafür, warum wir gerade in den Umfragen so gut dastehen.

Aber nochmal: Stimmungen sind noch lange keine Stimmen. Wir haben noch etwas über eine Woche bis zur Wahl. Ich habe schon viel erlebt. Die meisten Menschen treffen erst in den letzten Tagen wirklich eine definitive Wahlentscheidung. Deswegen werden wir unseren Kurs "Vernunft statt Populismus" fortsetzen und ein an der Sache orientierte Politik durchsetzen. Bis zum Wahltag und auch in den nächsten fünf Jahren orientieren wir uns genau daran.

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