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Als die Nazis den Dschungel des Amazonas erforschten

Marc von Lüpke-Schwarz10. Dezember 2013

1935 verließ eine Expedition das nationalsozialistische Deutschland in Richtung des brasilianischen Dschungels. Der Leiter Otto Schulz-Kampfhenkel träumte von einer deutschen Kolonie im Regenwald.

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Tage Kaiga vom Volk der Huaorani im ecuadorianischen Yasuni-Nationalpark
Bild: picture alliance/WILDLIFE

Weiße Flecken auf den Landkarten waren Anfang des 20. Jahrhunderts selten geworden. Doch eine Weltregion harrte noch der Erkundung – das nördliche Amazonasgebiet in Südamerika. Im Jahr 1935 machte sich ein Deutscher auf, um diese Lücke zu schließen. An Bord eines Passagierschiffs erreichte Otto Schulz-Kampfhenkel mit zwei Begleitern die brasilianische Hafenstadt Belém. Von hier aus begann die Reise in den Dschungel des Amazonas. Offiziell war die Mission der Deutschen friedlicher Natur. Sie wollten die unzugängliche Natur erforschen, neue Tierarten entdecken und Kontakt zu den einheimischen Stämmen aufnehmen. Doch unter dem grünen Dach des Regenwalds ersann Otto Schulz-Kampfhenkel noch ein anderes Ziel. Hier, wollte er "Lebensraum" für die Deutschen als "nordisches Herrenvolk" gewinnen.

Ein deutscher Weltenbummler

Der künftige Amazonas-Forscher Otto Schulz-Kampfhenkel erblickte 1910 als Sohn einer Fabrikantenfamilie nahe Berlin das Licht der Welt. Für die Geschäfte des Vaters zeigte er weniger Interesse, dafür aber umso mehr an der Tierwelt. Otto sammelte Insekten, Reptilien und anderes Getier. Die Leidenschaft für die Zoologie mündete schließlich in einem Biologiestudium, doch die weite Welt zog ihn mehr an, als der Hörsaal. 1931 ging er auf Expedition nach Liberia.

Als eine Art Despot ließ er seine einheimischen Helfer bei dieser Reise unnütze Rituale aufführen. "Jeden Morgen ist Flaggenappell", schrieb Schulz-Kampfhenkel. "Dann heißt es: weggetreten, und mit tiefernsten Gesichtern geht alles an die Arbeit, erfüllt von dem stolzen Bewusstsein, so eine Art Soldat eines großen weißen Häuptlings zu sein." Aufgrund eines Reiseberichts wurde Schulz-Kampfhenkel der Öffentlichkeit bekannt. Mit dieser Popularität im Rücken organisierte der Weltenbummler seinen nächsten Streich: Die Expedition in das Amazonasbecken, genauer gesagt in das Gebiet des Amazonas-Nebenflusses Rio Jary.

Otto Schulz-Kampfhenkel Geograph Filmemacher 1935
Otto Schulz-Kampfhenkel (rechts) beim Aufbruch zu seiner Südamerika-ReiseBild: ullstein bild

Die "Amazonas-Jary-Expedition"

Im Juli 1935 konnte Otto Schulz-Kampfhenkel, mittlerweile Mitglied der nationalsozialistischen "Schutzstaffel" (SS), als Leiter der deutschen "Amazonas-Jary-Expedition" endlich brasilianischen Boden betreten. Mit dabei hatten die Teilnehmer auch ein modernes Wasserflugzeug vom Typ Heinkel "Seekadett", das die Erforschung der Region erleichtern sollte. Als absonderlichen "Schmuck" trug der Flieger ein aufgemaltes Hakenkreuz, von dem Schulz-Kampfhenkel meinte, dass es sich "wunderbar lebensstark" aus der "Farbenpracht des brasilianischen Urwalds" hervorhebe.

Zu Beginn des Novembers machte sich die Expedition, die mittlerweile noch weitere Helfer angeworben hatte, per Boot auf in ihr Zielgebiet. Als die Deutschen dem ersten Indio vom Volk der Aparai begegneten, geriet Schulz-Kampfhenkel geradezu in Verzückung: "Ein prächtiger Waldmensch!" Der Deutsche gab ihm den Spitznamen "Winnetou", nach Karl Mays bekannter Romanfigur.

Ein Hakenkreuz im Amazonas

Schließlich schlugen die Deutschen ihr Lager bei einer Siedlung der Aparai auf. Hier erforschten sie die Natur und ihre Tierwelt, begannen eine zoologische Sammlung und beobachteten interessiert die Kultur der Indios, die sie als eine Art "edle Wilde" betrachteten. Traditionelle Gesänge und Tänze zeichneten sie mit einem Aufnahmegerät für die Nachwelt auf.

UFA Dokumentarfilm Rätsel in der Urwaldhölle Tonaufnahmen
Mit moderner Technik zeichneten die Deutschen die Sprache der Einwohner aufBild: ullstein bild

Bald schon musste die Expedition indes einen ersten Verlust hinnehmen: Joseph Greiner, ein vor Ort angeworbener deutscher Helfer, starb mitten im Dschungel. Begraben auf einer Insel im Fluss, errichteten die Überlebenden an dieser Stelle ein wahrhaft riesiges Kreuz, versehen zu allem Überfluss auch noch mit einem Hakenkreuz. Nach rund 17 Monaten im Regenwald kehrten die restlichen Expeditionsteilnehmer schließlich 1937 nach Deutschland zurück. Kurze Zeit später war die Unternehmung in aller Munde. Der in Brasilien gedrehte Film "Rätsel der Urwaldhölle" wurde ein großer Erfolg in den deutschen Kinosälen.

Eine deutsche Dschungel-Kolonie

Schulz-Kampfhenkel brachte aber noch mehr aus dem Regenwald mit als diesen Film. Irgendwann während dieser Expedition war in ihm die Idee gereift, diese Region Südamerikas für das Deutsche Reich zu erobern. Als ein "hervorragend als tropische Ausbeutungskolonie nutzbarer Erdteil" erschien dem deutschen Weltenbummler das Land. Hier also sollten deutsche Kolonisten, als Vertreter der "nordischen Rasse", Fuß fassen und den von den Nationalsozialisten gebetsmühlenartig geforderten, angeblich so dringend benötigten "Lebensraum" gewinnen.

Schulz-Kampfhenkel entwickelte einen Eroberungsplan, den er im Zweiten Weltkrieg dem Reichsführer SS Heinrich Himmler unterbreitete. Zunächst wollte er mit ein paar hundert Mann, die per U-Boot heimlich ins Land geschleust werden sollten, und der Hilfe der Indios das nördlich von Brasilien gelegene französische Guayana erobern. Aus Afrika "eingeführte" Arbeitskräfte, also praktisch Sklaven, sollten das Land später schließlich urbar machen. Doch Himmler winkte ab, andere Projekte hatten Vorrang. So blieb der "Traum" einer deutschen Kolonie im Dschungel Südamerikas unerfüllt. Zurück blieb nicht zuletzt das hölzerne Kreuz im Dschungel des Amazonas als ein Denkmal nationalsozialistischen Größenwahns.

UFA Dokumentarfilm Rätsel in der Urwaldhölle Filmstill
Das deutsche Hakenkreuz im Dschungel des AmazonasBild: ullstein bild