1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Medienkonsum in Nordkorea

Esther Felden
16. November 2017

Sie sitzen nachts vor dem Radio. Hören über Kurzwelle, was sie eigentlich nicht hören dürfen. Oder schauen heimlich südkoreanisches Fernsehen. Die Menschen in Nordkorea wollen freie Informationen. Und sind erfinderisch.

https://p.dw.com/p/2nj3s
Kim Seung Chul bei der Veranstaltung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen
Bild: Gedenkstätte Hohenschönhausen

Primetime ist zwischen ein und drei Uhr morgens. Wenn es dunkel ist und die Gefahr, erwischt zu werden, kleiner. Dann versammeln die Menschen sich um ihre Radios, erzählt Kim Seung Chul. So groß sei der Durst nach Nachrichten. Und zwar solchen, die nicht durchtränkt sind von der staatlichen nordkoreanischen Propaganda. Zum Beispiel die Programme, die Kim Seung Chul und seine Mitarbeiter in Seoul produzieren und dann via Kurzwelle ins Land schicken.

Kim ist Direktor des "North Korea Reform Radio". Den Sender gibt es seit Ende 2007. Über seine Arbeit dort berichtete er vor wenigen Tagen bei einer Veranstaltung in Berlin, in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Ein Ort mit Mauern und Zäunen – so wie sein Heimatland, sagt er. Seit über 20 Jahren ist er fort aus Nordkorea, arbeitete zunächst am Institut für Nordkorea-Studien, dann gründete er den Sender. Mit einer klaren Mission. "Wir konzentrieren uns darauf, Informationen nach Nordkorea zu bringen, die dazu führen können, dass das System hinterfragt wird. Die Tatsache, dass die Menschen extra nachts wach bleiben, um uns zu hören, zeigt, wie groß das Verlangen der nordkoreanischen Bürger ist, etwas zu verändern."

Ingenieur, Holzfäller, Journalist

Kim Seung Chul ist 56 Jahre alt. Eigentlich ist er kein gelernter Journalist, sondern Bauingenieur. Aber das Geld reichte nicht aus, um sich und seine Familie zu ernähren, berichtet er. Deshalb tat er, was viele andere auch machen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben: 1991 ging er als Holzfäller nach Russland. Zehntausende solcher Fälle gibt es, jedes Jahr spülen sie nach UN-Schätzungen bis zu 2,3 Milliarden US-Dollar in die Kassen des Regimes.

Kim Seung Chul bei der Veranstaltung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen auf dem Podium
Kim Seung Chul möchte informieren: die Menschen in Nordkorea über die Außenwelt und die internationale Öffentlichkeit über die Zustände im LandBild: Gedenkstätte Hohenschönhausen

Frau und Kinder musste Kim zurücklassen. Das hat Methode in Nordkorea. "Es dürfen nur Arbeiter ins Ausland entsandt werden, die Familie haben, um die Fluchtgefahr zu verringern." Zwei Jahre hielt er es aus, dann floh er über Sibirien nach Südkorea. Seit 1994 lebt er dort, fern von seiner Familie.  Die Frage nach seinen Angehörigen schmerzt, er beantwortet sie ausweichend. "Es gibt punktuelle Nachrichten über die Situation meiner Familie, aber die sind alle ungeprüft und nicht bestätigt. Ich weiß selbst nicht genau, wie es um sie steht."

Fernsehen auf nordkoreanisch

In Nordkorea gilt das Prinzip der Sippenhaft. Es ist gut möglich, dass seine Familie in eines der berüchtigten Straf- und Arbeitslager gesteckt wurde, um für seine Flucht zu büßen. Unter Strafe steht in Nordkorea natürlich auch der Medienkonsum – es sei denn, es handelt sich um die wenigen staatlichen Kanäle. Im Ausland bekannt ist vor allem das nordkoreanische Staatsfernsehen KCTV mit seinen traditionell gekleideten Ansagerinnen, die – je nach Anlass – mit tränenerstickter, wutentbrannter oder pathetisch-staatstragender Stimme verkünden, was sie verkünden sollen.

Großbildleinwand in Pjöngjang: Nordkoreanisches Staatsfernsehen berichtet über Atomtest
Ansagerin im nordkoreanischen Staatsfernsehen verkündet den Atomtest vom 9. September 2016Bild: picture-alliance/Kyodo

"Der Informationsgehalt ist extrem gering und die Bandbreite sehr schmal", erklärt Kim Seung Chul. "Im Prinzip besteht das Programm nur aus Propagandameldungen, um den Führer anzupreisen. Er wird dargestellt als Vater oder Lehrer des Volkes, man kann schon von einer Vergöttlichung sprechen." Darüber hinaus gebe es nur wenige andere Inhalte wie beispielsweise aus Sport oder Kultur. Aber selbst in diesen Bereichen ginge es immer auch darum, Regimetreue zu kommunizieren.

Neben KCTV gibt es außerdem zwei Privatsender, die allerdings nur in Pjöngjang empfangbar sind, sagt Kim. Auch dort sind aber nur geprüfte Sendungen zu sehen. "Wer im Grenzgebiet zu Südkorea lebt, der kann außerdem südkoreanisches Fernsehen empfangen. Allerdings sind dort die Kontrollen auch schärfer als anderswo im Land."

DVD, USB, SD

Not macht erfinderisch, meint Kim. Und so suchen sich die Nordkoreaner immer neue Wege, um an Informationen zu kommen, zu denen sie offiziell keinen Zugang haben dürfen. "Nach meinen Informationen gibt es im Land derzeit bis zu 3,5 Millionen Handy-Nutzer. Aber die Kontrolle der Handys ist relativ stark. Es gibt Lizenzen, die man braucht, um bestimmte Sachen anschauen zu können. So wird kontrolliert, zu welchen Inhalten man Zugang hat. Die Bluetooth-Funktion wurde aber entfernt, und der SD-Kartenslot kann auch nicht genutzt werden."

Kim Jong Un besucht ein Kindercamp in Nordkorea
Ein Führer zum Anfassen: Kim Jong Un beim Besuch eines KindercampsBild: REUTERS

Eine Zeit lang seien – trotz Verbots – auch tragbare DVD-Player sehr beliebt gewesen, um an ausländische Informationen zu kommen. Mittlerweile aber würden vor allem USB-Sticks und Micro-SD-Karten genutzt, erklärt Kim. Rund 5000 solcher Karten würden sich in Nordkorea befinden, gibt er an. Beide Speichermedien haben einen entscheidenden Vorteil: Sie sind extrem klein und entsprechend leicht zu verstecken.

Radio als Fenster zur Welt

Zentrale Bedeutung hat aber auch das Radio. Vom uralten Transistor-Radio bis hin zum modernen Halbleiter-Gerät gebe es alles im Land. Erlaubt ist aber – wie auch beim Fernsehen – nur der staatliche Kanal. "Die Geräte sind so eingestellt, dass man den Sender nicht frei wählen kann. Sie werden vorher kontrolliert und entsprechend präpariert. Aufgrund der scharfen Überwachung ist es auch schwierig, Geräte ins Land zu bringen. Aber seitdem vor allem aus China sehr viele Radios nach Nordkorea gelangt sind, ist die Zahl der Radiohörer in den letzten Jahren stark angestiegen."

Selbstgebautes Radiogerät aus Nordkorea
Erfindungsreichtum: Auch mit selbstgebastelten Geräten hören die Menschen in Nordkorea RadioBild: Gedenkstätte Hohenschönhausen

Bis zu 1,5 Millionen Menschen erreichen Kim Seung Chul und seine Kollegen vom North Korea Reform Radio mit ihren Informations-Programmen, schätzt er. Genaue Zahlen gibt es natürlich nicht. "Es könnten noch deutlich mehr werden. Aber aufgrund der Furcht der Bürger haben wir nicht so viel Einfluss, wie wir gern hätten. Wer beim Hören verbotener Sendungen erwischt wird, riskiert, in einem politischen Arbeitslager zu landen. Deshalb scheuen sich viele der insgesamt rund 25 Millionen Einwohner des Landes davor, den Zugang zu ausländischen Medien zu nutzen." Einige aber lassen sich nicht abschrecken. Ihr Wissensdurst ist zu groß. Sie suchen stattdessen nach immer neuen Verstecken für ihre Geräte, um nicht aufzufliegen – beispielsweise in Erdlöchern auf dem Kartoffelacker oder auch mal im Kimchi-Topf.

Ansagerin im Dienste der Kims

Kim Jung Hyun war früher selbst Teil des Systems. Die Tochter eines hohen Offiziers gehörte zur Elite des Landes, galt als privilegiert. "Ich habe lange für den nordkoreanischen Rundfunk gearbeitet", erzählt sie vor Publikum in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Von frühester Kindheit an sei sie einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen worden. "So lange ich denken kann, hatte ich einen absoluten Hass auf die USA. Und ich war davon überzeugt, dass die Familie Kim Il Sungs Nordkorea gerettet hat." Mit ihrer Anstellung als Rundfunksprecherin sei für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. "Ich dachte: Endlich habe ich die Gelegenheit, die Wahrheit zu verbreiten. Lange habe ich geglaubt, die nordkoreanische Regierung stehe für Gerechtigkeit."

Kim Jung Hyun in der Gedenkstätte Hohenschönhausen
Kim Jung Hyun wurde von der glühenden Verehrerin zur Kritikerin des Regimes - ihr Gesicht möchte sie aber nicht öffentlich zeigenBild: Gedenkstätte Hohenschönhausen

Die Menschen in Nordkorea würden täglich darauf gedrillt, loyal zu sein und im Notfall auch ihr Leben für das Regime zu opfern, sagt die heute 58-Jährige. "Das geht sogar so weit, dass manche ein Porträt von Kim Il Sung retten, wenn sie in Seenot geraten oder wenn bei ihnen zu Hause ein Feuer ausbricht. Selbst für ein Bild von ihm setzen sie ihr Leben aufs Spiel."

Die Seiten gewechselt

2008 floh Kim Jung Hyun außer Landes, seit 2012 ist sie in Südkorea. Heute arbeitet sie wie Kim Seung Chul beim North Korea Reform Radio. Es waren zwei Faktoren, die zu dieser Entscheidung führten. "Lange dachte ich ja, dass es in allen Ländern ähnlich zugeht wie bei uns in Nordkorea", sagt sie. Aber irgendwann begann auch sie, ausländische Medien zu konsumieren. "Ich habe über das Radio südkoreanische Sendungen gehört und mir aus China ins Land geschmuggelte DVDs oder CD-Roms angeschaut, habe südkoreanische Filme und Serien gesehen. Anfangs haben mich die Inhalte beunruhigt, aber dann war ich mehr und mehr von dieser fremden Welt gefesselt."

Nordkoreanische Frauen stehen an für Lebensmittel
Anstehen für Nahrungsmittel an einer öffentlichen Verteistelle im Jahr 2005: Ohne Hilfe von außen könnte Nordkorea die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung nicht bewältigenBild: Getty Images

Der zweite Grund, warum Kim beschloss, ihr Land zu verlassen, ist ein für sie persönlich sehr trauriger. "Im Jahr 2006 starb mein Vater. Er, der mit unzähligen Medaillen dekoriert war und sein Leben lang für die nordkoreanische Führung gearbeitet hatte, starb an Hunger! Das war mir eine Lektion. Ich nahm mir vor, niemals so wertlos zu sterben wie er."  Sie macht die nordkoreanische Führung verantwortlich für seinen Tod. "Sie sind auch schuld daran, dass so viele Menschen versuchten, das Land zu verlassen. Aber sie haben nie zugegeben, dass ihre Politik falsch war."

Eine Herzensangelegenheit

Kim Jung Hyun zog die Konsequenzen – und setzte sich ab. So wie Jahre zuvor auch Kim Seung Chul. Beide hoffen, dass sie mit ihren Radioprogrammen dazu beitragen können, dass sich langfristig etwas ändert in Nordkorea. Dass das Regime nach wie vor fest im Sattel sitzt, das hat nach Ansicht von Kim Seung Chul vor allem einen Grund. "Viele Leute im Land glauben längst nicht mehr daran, was offiziell von den Staatsmedien verbreitet wird. Je nach Bildungsstand kann das variieren, aber niemand denkt noch, dass Nordkorea das Land ist, in dem es der Bevölkerung am besten geht. Dass das Regime trotzdem bis jetzt weiter funktioniert, liegt einfach daran, dass Kontrolle und strafrechtliche Verfolgung so drastisch sind, dass keiner es wagt, offiziell zu widersprechen. Mit diesen Instrumenten hält sich die Führung am Leben."

Kim Jong-Un beim Besuch einer Schuhfabrik in Pjöngjang
Abstecher zur Schuhfabrik: Immer nach dran am Volk, das ist die Botschaft, die Kim Jong Un täglich über die Staatsmedien verbrreiten lässtBild: Reuters/KCNA

Entsprechend gefährlich sind aus Sicht des Regimes deshalb auch gut informierte Bürger. Sie stellen eine Bedrohung für die uneingeschränkte Macht dar. "Je mehr die Leute sehen, wie es in der restlichen Welt zugeht, welche Rechte und Freiheiten andere Menschen genießen, desto weniger werden sie bereit sein, der eigenen Führung die Treue zu halten." Davon ist Kim Seung Chul überzeugt. Nicht zuletzt deshalb, weil er es erlebt hat. Denn – und darauf ist er besonders stolz – die Programme des North Korea Reform Radio haben zumindest im Kleinen schon direkte Auswirkungen gehabt. "Ich persönlich kenne ein knappes Dutzend Flüchtlinge, die mir nach ihrer Ankunft in Südkorea gesagt haben, dass sie sich aufgrund unserer Sendungen entschlossen haben zu fliehen." Es sind genau diese Geschichten, die ihn motivieren, weiterzumachen.