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Angst und Wut

Anna Kuhn-Osius22. August 2008

Während die Lage in Georgien gespannt ist, sind sie in Sicherheit: Georgische Studenten in Deutschland. Junge, gebildete Menschen, die den Kalten Krieg nicht erlebt haben: Die Zukunft Georgiens.

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Weinende Georgierin in Berlin.
Verzweifelt protestiert diese junge Georgierin gegen den Krieg in ihrer HeimatBild: AP
Zerstörte Wohnung einer Georgierin. Quelle: ap
Das Horrorszenario: Eine russische Rakete hat die Wohnung dieser Georgierin zerstörtBild: AP

Mariam sitzt im Hofgarten in Bonn. Es ist ein warmer Augustabend, die Sonne ist gerade untergegangen. Mariam sieht das nicht. "Ich habe jeden Tag Angst", sagt die Studentin. "Jeden Tag rufe ich meine Mutter in Tiflis an und wenn sie nicht drangeht, wird mir ganz schlecht vor Angst. Dann denke ich, heute hat eine russische Bombe unser Haus getroffen."

Wut auf Russland

Mariam Akiashvili
Mariam hat Angst um ihre FamilieBild: Kuhn-Osius

Seit vier Jahren lebt Mariam in Deutschland, sie studiert Volkswirtschaft. Eigentlich möchte sie nach Hause, aber im Moment traut sie sich nicht. Die Unruhen in ihrer Heimat verfolgt sie mit ihren georgischen Freunden in jeder freien Minute vor dem Fernseher oder im Internet. Auf den russischen Präsidenten sind die jungen Georgier wütend: "Russland kann einfach nicht damit leben, dass Georgien sich westlich entwickelt", sagt Mariams Schwester Mtvarisa verbittert. "Georgien hat eine strategisch gute Lage, Gas- und Ölpipelines gehen durch unser Land und natürlich wollen die Russen das kontrollieren".

"Wir müssen uns verteidigen"

Georgische Soldaten. Quelle: ap
Kampf den Russen: Georgische Soldaten in TiflisBild: dpa

Auch Nino glaubt fest an den georgischen Präsidenten. Wie Saakaschwili sich verhalten hat, findet sie absolut richtig. "Wir müssen uns verteidigen", sagt sie. Es klingt wie von klein auf auswendig gelernt. Nino ist erst ein Jahr in Deutschland, sie wartet auf einen Medizin-Studienplatz. Sie ist gerade 20, den Kalten Krieg hat sie nie erlebt. Trotzdem: Auch bei ihr kommt der alte Hass wieder hoch, werden die alten Fronten Gegenwart: Ost gegen West, Russland gegen Amerika – und Georgien in der Mitte, zwischen allen Stühlen. Georgien fühlt sich als Pufferstaat und hat mit Russland den übermächtigen Gegner direkt vor der Haustür. "Die Russen wollen einfach unsere Regierung stürzen und mit Leuten aus Russland besetzen", schimpft Nino.

Feinde in der Disko

Nino Kargishvili
Nino steht voll hinter dem georgischen PräsidentenBild: Kuhn-Osius

"Der Russe" ist für die jungen Georgierinnen jemand, den man hasst, niemand, mit dem man Freundschaft schließt. Das war schon immer so. Nino könnte sich deswegen auch niemals vorstellen, sich in einen russischen Jungen zu verlieben, auch nicht hier in Deutschland. "Nach allem was vorgefallen ist zwischen unseren Ländern, geht das nicht mehr", sagt sie und schüttelt abwehrend den Kopf.

Den Hass, die Wut und die Angst tragen die jungen Georgier mit sich, mitten in Deutschland. Zum Glück leben in ihrem Studentenwohnheim keine Russen, sagen sie. Neulich haben sie welche auf der Straße getroffen, nachts. Ein paar russische Studenten, die eine Disko suchten und die jungen Georgierinnen nach dem Weg fragten. "Wir haben sofort am Akzent erkannt, dass die aus Russland kamen", erzählt Mariam. "Und als sie fragten, woher wir kommen und wir sagten, dass wir Geogier sind, wurden sie aggressiv. Ein Junge schrie: 'Russland tötet Georgien'. Ich habe gesagt, ihr seid zwar unsere Feinde, aber wir helfen euch gerne, wenn ihr eine Disko sucht."

"Es gibt keinen Frieden"

Soldaten springen von einem russischen Panzer. Quelle: ap
Die Russen kommen! Davor haben die Studenten am meisten AngstBild: AP

"Die einzige Lösung ist: Die Russen müssen weg", sagen die Studentinnen einstimmig. Sie haben Angst, dass sich Russland Georgien einfach einverleibt, die Regierung stürzt. "Ich könnte niemals unter einer russischen Regierung leben", sagt Mariam. "Ich bin Georgierin und stolz darauf."

"Es gibt keinen Frieden", sagt Nino, "Der Krieg ist aus, aber die Leute haben immer Angst vor den Russen, die sind noch in Georgien, die ziehen nicht ab. Im Gegenteil: Die richten ihre Raketen auf Tiflis."

"M-schwi-do-ba"

Mtvarisa, Nino, Tamta und Mariam: Georgische Studenten in Bonn
Mtvarisa, Nino, Tamta und MariamBild: Kuhn-Osius

Manchmal, ganz selten kommen den Studentinnen Zweifel an ihrem Hass auf Russland. Wenn sie Russen kennenlernen, die eigentlich ganz nett sind. So wie das Mädchen in der deutschen Volkshochschule, beim Sprachkurs. Mariam freundete sich mit der jungen Russin an. Nicht für lange. "Die Politik hat unsere Freundschaft zerstört", sagt sie und es klingt ein bisschen traurig.

Denn trotz aller Wut - eigentlich wollen auch die georgischen Studenten nur eines:

"M-schwi-do-ba", sagen sie. Das ist georgisch. Und heißt Frieden.