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Verunsicherung in der Volksrepublik

Fabian Kretschmer
24. Januar 2020

Die drohende Virus-Epidemie ängstigt die Chinesen. Ihre Regierung stellt die 11-Millionen-Metropole Wuhan unter Quarantäne. Dabei spielen Erinnerungen an die SARS-Epidemie vor 18 Jahren eine große Rolle.

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Ausbrüche der Coronavirus-Pneumonie in China
Bild: Getty Images/K. Frayer

Die Sicherheitskräfte an den U-Bahneingängen tragen sie, die Kellnerinnen in den Restaurants genauso wie die Kleinkinder an den Händen ihrer Mütter: Atemschutzmasken sind allgegenwärtig im Pekinger Stadtbild. Etwa jeder zweite Passant auf der Straße führt einen solchen Schutz im Gesicht - in klinischem weiß, matten schwarz oder modisch-schrillen Signalfarben. Es ist der sichtbare Beweis für das zunehmende Unwohlsein innerhalb der chinesischen Bevölkerung.

"Unbequem sind die Masken, es zwickt und drückt an den Ohren”, sagt eine Endzwanzigerin im halbleeren Express-Zug in Richtung Flughafen. Genau wie 400 Millionen weitere Chinesen macht sie sich zum bevorstehenden Neujahrsfest auf zum Familienbesuch. Mit einem mulmigen Gefühl werde sie ins Flugzeug steigen, sagt die Angestellte einer Baufirma, doch ihre Reisepläne aufgeben wollte sie dann doch nicht.

Düstere Erinnerungen

Der Coronavirus ruft dunkle Erinnerungen wach: "Der SARS-Virus ist auch weit entfernt in Südchina ausgebrochen. Doch am Ende ging es ganz schnell, bis Peking gefährlich wurde”, sagt sie: "Die ganze Stadt war de facto zugesperrt, es gab kein Rein und kein Raus."

China Wuhan Coronavirus
Fiebermessen in der U-Bahn: ein Mitarbeiter der U-Bahngesellschaft in Wuhan und eine BahnfahrerinBild: picture-alliance/Xinhua/Xiao Yijiu

Seit Donnerstag steht die zentralchinesische Stadt Wuhan unter Quarantäne. In einem Fischmarkt in der 11-Millionen-Metropole nahm der Coronavirus seinen Ausgang, nun sitzen die Bewohner fest: U-Bahnen fahren nicht mehr; auch der Zug-, Flug und Bahnverkehr wurde eingestellt. Später berichtet die staatliche Nachrichtenagentur, dass auch die Autobahnzufahrten dicht seien. Die deutsche Botschaft Peking geht in einer ersten Schätzung davon aus, dass sich nur etwa 50 deutsche Staatsbürger in der Stadt aufhalten.

Konsequente Offenheit und ein gelöschter Weibo-Eintrag

Die Isolation von Wuhan kann als radikaler Schritt bezeichnet werden; schließlich ist die Stadt von ihrer Einwohnerzahl und Fläche in etwa mit der Metropolregion London zu vergleichen. Die Maßnahme der Behörden zeigt, dass sie der Eindämmung des Virus-Ausbruchs absolute Priorität einräumen - nicht zuletzt, weil sie die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen wollen. Bei der SARS-Epidemie starben Hunderte Menschen in Hongkong und Festlandchina. Die Regierung hatte das wahre Ausmaß der Bedrohung durch eine intransparente Informationspolitik lange Zeit verschleiert. Genau diesem Vorwurf scheinen die Behörden diesmal entschieden entgegenzuwirken - etwa, indem sie prominent in den Abendnachrichten über die Krise berichtet und täglich Informationsupdates publiziert.

China 2003 | Peking: mobile Fieberkliniken
SARS: Zur Bekämpfung der Epidemie setzte die chinesische Regierung 2003 mobile Fieberklinken einBild: picture-alliance/dpa/Reynolds

Am Dienstag hatte zudem die Kommission für Politik und Recht der Kommunistischen Partei auf dem sozialen Netzwerk "Weibo” ihre Kader in den Provinzen zu möglichst viel Transparenz aufgefordert. Wer Infektionen vertusche oder die Interessen des Volkes über das Ansehen von Politikern stellt, gehe "als Sünder in die Geschichte” ein. Bei SARS habe die mangelnde Informationspolitik "der Glaubwürdigkeit der Regierung geschadet”. Nur durch konsequente Offenlegung von Informationen könne die Virus-Bedrohung eingedämmt werden. Für chinesische Verhältnisse ist dies ein beachtliches Zeugnis öffentlicher Selbstkritik. Ebenso beachtenswert ist allerdings auch, dass der Eintrag nur wenige Stunden später vom sozialen Netzwerk gelöscht wurde.

In einem Klima der Verunsicherung sind viele Nutzer auf den sozialen Netzwerken besorgt, ob sie ausreichend über den Virus-Ausbruch informiert werden. "Ich hoffe, dass die Regierungsnachrichten aktuell und wahr sind", schreibt etwa ein Weibo-User.

Keine Panik in Peking

Von der damaligen Panikstimmung ist die chinesische Hauptstadt nach bisher 25 bestätigten Todesfällen im Land bislang noch weit entfernt: Die öffentlichen Plätze sind nach wie vor belebt, die Restaurants gut besucht, in den Parks spielen die Senioren weiterhin Mahjong. Es lässt sich allerdings leicht ausmalen, welch fruchtbaren Boden der Coronavirus zur Ausbreitung in der 21-Millionen-Metropole hätte: riesige Apartmentanlagen, zwischen denen unzählige Essenskuriere und Online-Lieferanten auf ihren Elektrorollern hin und her düsen, überfüllte U-Bahnzüge und eine hohe Fluktuation von Landarbeitern aus den Provinzen.

China, Wuhan: Patienten mit SARS-ähnlichen Virus infiziert
Der Fischmarkt von Wuhan, möglicher Ausgangspunkt der EpidemieBild: Getty Images/AFP/N. Celis

Auch wirtschaftlich hat der Coronavirus bereits für den schlimmsten Einbruch des letzten Halbjahrs an den chinesischen Börsen gesorgt. "Der SARS-ähnliche Coronavirus in Wuhan entwickelt sich zu einem potenziellem Wirtschaftsrisiko für die gesamte Asien-Pazifikregion - spätestens seit bestätigt wurde, dass der Erreger auch durch menschlichen Kontakt übertragen werden kann”, sagt Rajiv Biswas, Wirtschaftsexperte vom Marktforschungsinstituts IHS Markit. Dabei sei die mögliche Gefahr des neuen Coronavirus ungleich höher als noch 2002; schließlich ist die chinesische Bevölkerung mobiler geworden, was sich unter anderem in gestiegenen Tourismuszahlen im Ausland bemerkbar mache. Experte Biswas verweist auch auf die Sommerolympiade in Tokio, für die sich der Virus-Ausbruch zur ernstzunehmenden Bedrohung entwickeln könnte.

Am Flughafen Peking zeigen sich gespenstische Szenen: Fast jeder Besucher trägt eine Atemschutzmaske, aus denen nur die Augen als Identitätsmerkmal herauslugen. Zwei Soldaten patrouillieren im Gleichschritt durch den überfüllten Terminal. Doch Warnschilder über den Wuhan-Virus stehen nirgends im Flughafen-Gebäude, und auch die Lautsprecherdurchsagen meiden das Thema.

Auch die Dame vom Informationsschalter möchte zunächst der Presse keine Auskunft geben. Dann lässt sie sich doch zu einer Antwort überreden: "Seit Tagen geht das hier bereits schon so, dass fast alle Passagiere Masken tragen", sagt sie. Ihre Kollegen hätten von ihrem Vorgesetzten die Order erhalten, ebenfalls einen Gesichtsschutz zu tragen. Dabei seien im Pekinger Flughafen längst keine Masken mehr zu haben: "Der Andrang ist viel zu groß”, sagt die Rezeptionistin.