Archäologie in Ägypten als TV-Spektakel

Wissenschaftler haben vor laufender Kamera einen mehr als 2000 Jahre alten Sarkophag geöffnet. Spektakuläre Ausgrabungen und Sensationsfunde sollen den Tourismus aus der Krise führen. Eine kritische Betrachtung.

"Unglaublich! Fantastisch! Es ist so real", begeistert sich Moderator Josh Gates während einer zweistündigen Live-Sendung des US-Senders Discovery in einer ägyptischen Grabstätte bei Minja. Schwitzend und staunend tapst der "Abenteurer und begeisterte Entdecker" Gates in seiner Indiana-Jones-Kluft mit Entdeckerhut, Bart und Forscherweste durch die nächtliche altägyptische Nekropole südlich von Kairo.

Im offenen Wagen stehend, führt Gates die Zuschauer zur besten US-amerikanischen Sendezeit zu der Ausgrabungsstätte inmitten der Wüste, wo ihn der mittlerweile legendäre Archäologe und frühere Minister für Altertümer, Sahi Hawass, empfängt. Gemeinsam beobachten Moderator und Expeditionsleiter, wie die Arbeiter im Schein der Laternen mehrere Sarkophage öffnen. Vor laufender Kamera schwärmt Gates, wie gut die erste Mumie erhalten war. So alt. Und so gut erhalten. Oder um es mit Gates Worten zu sagen: "Amazing!" 

"Expedition Unknown"-Moderator Josh Gates führt die Zuschauer als Indiana Jones ins alte Ägypten

Alles unglaublich bedeutsam

Weiter geht's. Zu einem Familiengrab. Sehr bedeutsame Familie, unterstreicht Hawass. Dem Moderator schmilzt bereits nach eigenen Angaben das Hirn unter dem Entdeckerhut weg. Inmitten der – offensichtlich doch nicht – letzten Ruhestätte steht der Sarkophag des Familienoberhauptes, daneben seine Ehefrau. Drumherum Artefakte wie Statuen, Amulette, ein altägyptisches Brettspiel, die Überreste eines Familienhundes und vier intakte Kanopen zur Aufbewahrung der Organe.

"Wow, und hier hat wirklich noch nie jemand die Sarkophage geöffnet?", erkundigt sich der amerikanische TV-Moderator. "Aber nein", versichert der erfahrene Grabungsfuchs Hawass: "Gut, ich habe zwei Arbeiter vor einer halben Stunde hier hingeschickt, um den Sarkophag freizulegen und ihn schon mal auf Holzstehlen zu packen, Aber sonst: alles total unberührt und exklusiv!"

Oh nein!

Als die zentnerschwere Steinplatte endlich zur Seite geschoben ist, findet sich im Sarkophag nur eine Mumie in einem erschreckend schlechten Zustand. Knochen, Leinentücher, alles zerstreut. Aber Moment, es geht ja noch weiter...

Auf dem beschwerlichen Weg zur Hauptattraktion greift Hawass zielstrebig in ein seitliches Loch. Fantastisch, ein perfekt erhaltenen Männerkopf. Eine Sensation! Als hätte er es geahnt. Dieser außergewöhnliche Wachskopf sei der exakte Abguss der 2500 Jahre alten Hohepriester-Mumie, so der Ägyptologe in seiner Blitzanalyse. So etwas wurde schon lange nicht mehr gefunden, versichert Hawass. "Ich habe schon hunderte Gräber ausgegraben, aber so etwas Tolles habe ich noch nie entdeckt!" Amazing!

Moderator Josh Gates und Expeditionsleiter Hawass besprechen den Sensationsfund

"Amazing! Amazing!" 

Schließlich krabbeln die TV-Entdecker stöhnend hinter der auf sie gerichtete Kamera durch einen schmalen Gang zur nächsten Kammer, in der der Hohepriester in einem aufwändig geschnitzten Sarkophag liegt. So brauchte es denn auch die gesamte Muskelkraft, um die schwere Steinabdeckung zur Seite zu wuchten. Dann endlich sieht das TV-Grabunsgteam die mehr als 2000 Jahre alte und erfreulich gut erhaltene Mumie des Hohepriesters. Auf der Mumie aus der 26. Dynastie, die im Jahr 525 vor Christus endete, liegt ein Amulett der Gottheit Isis, daneben einige Grabbeigaben, unter anderem aus Gold. Der Priester sei wie ein König, stellt Hawass gleich mal den historischen Kontext klar. "Das ist noch größer als ein Grand Slam", versichert Gates.

Der TV-Moderator ist überwältigt und selbst die Ägyptologie-Koryphäe Zahi Hawass lässt medienwirksam wissen: "Niemals in meinen 50 Jahren in der Archäologie habe ich etwas so Großartiges wie dieses erlebt", sagt er. "Die Ergebnisse hier sind etwas ganz Besonderes und absolut Einzigartiges. Das ist es, was mich antreibt. Es ist das, was mich jung und lebendig fühlen lässt!" Was tut man nicht alles zum Wohle der Altertumsforschung.

Gezielte Vermarktung der archäologischen Entdeckungen

Was für ein Spektakel! Was für eine – kalkulierte – Sensation! Sicherlich, die Öffnung des Sarkophags ist beeindruckend, die Mumie gut erhalten und die Grabbeigaben sehenswert. Aber die Vermarktung der Ausgrabung hat etwas sehr befremdliches, denn es geht längst nicht mehr um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um maximales Spektakel, mit dem Ägypten seinen in der Krise steckenden Tourismus wieder ankurbeln will.

Seit den Protesten gegen den damaligen Machthaber Husni Mubarak im Jahr 2011 ist der Tourismus massiv eingebrochen. Im Jahre 2010 waren jährlich 14,7 Millionen Touristen gekommen, 2017 besuchten nur noch 8,3 Millionen das Land am Nil. Zwar erholt sich die Branche langsam etwas, aber von einer Stabilität ist das Land unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi noch weit entfernt. Mit harter Hand geht der gegen Islamisten, aber auch gegen liberale Kräfte vor. Dies soll politische Stabilität schaffen, um wieder ausländische Investitionen anzulocken.

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Mit großen Ausstellungen wie hier in Paris und Sensationsfunden sollen Touristen nach Ägypten gelockt werden

Entsprechend häufen sich die Sensationsfunde in letzter Zeit. Nach Angaben von Discovery war die Graböffnung ein Gemeinschaftsprojekt mit dem ägyptischen Ministerium für Altertümer. Wie viel Geld für die Senderechte an die Regierung in Kairo gezahlt wurde, ließ der Sender offen.

Sensation mit Ankündigung

Natürlich war das Medienspektakel "Expedition Unknown: Egypt Live mummy reveal" komplett choreografiert, eine Sensation mit Ankündigung und wenigen Unbekannten. Die Grabstätte war bereits im Februar vergangenen Jahres entdeckt worden. Dort fanden die Archäologen in einem Netz von vertikalen Schächten und Tunneln, darin Gräber mit insgesamt 40 Mumien, die "zur Adelselite gehörten".

Der Fundort selber ist bereits seit 1927 bekannt, als dort ein Antiquitäteninspektor erstmals in der Gegend den Sarkophag eines Hohepriesters in dieser Gegend entdeckt hatte. Allerdings war der Sarkophag schon ausgeraubt und die Mumie fehlte. Jetzt aber konnte die ganze Welt dank der Kameras diesen historischen Moment live bewohnen als die Mumie eines einflussreichen Hohepriesters enthüllt wurde. Amazing!

"Wir waren die Ersten, die diese erstaunlichen Schätze gesehen haben. Aber das Beeindruckendste von allem ist vielleicht, wie viel noch zu erkunden ist. Ich bin sehr froh, dass das Programm von Millionen von Menschen aus der ganzen Welt gesehen wurde. Wir senden eine wichtige Botschaft, dass Ägypten sicher ist, und wir laden Touristen ein, zu kommen", sagte Waziri, der Generalsekretär des Obersten Rates der Antiken Ägyptens.

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Ungeschützt ausgestellt

Ganz ohne Sarkophag, nur in Leinen gehüllt, war der mumifizierte Leichnam Tutanchamuns zeitweise zu sehen. Hier liegt er in einem unterirdischen, klimatisierten Raum. Feuchtigkeitsschwankungen und Staub, die durch die Besucher hereingetragen werden, sollen in Zukunft besser von der Mumie ferngehalten werden.

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Gebettet für die Ewigkeit

Hier hat der Kindkönig wieder seinen alten Platz bezogen. Die echte Totenmaske ist im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt. Im Tal der Könige sind nur der Sakrophag und die Mumie des Pharaos zurückgeblieben. Bis heute liegt Tutanchamun an dem Ort, wo er einst von seinen Untertanen gebettet wurde und wo Carter ihn entdeckte.

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Weibliche Gesellschaft

Auch die Wandmalereien wurden akribisch gereinigt. Dunkle Flecken, die den Konservatoren zunächst Kopfzerbrechen bereitet hatten, erwiesen sich als uralte unschädliche mikrobiologische Wucherungen. Diese Damen leisten dem Kindkönig in seiner Grabkammer seit Jahrtausenden Gesellschaft.

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Den Tiergott an der Seite

Auch diese Zeichnung erstrahlt nach der Restaurierung in neuem Glanz. Der Pavian, oder auch Hundskopfaffe genannt, war im alten Ägypten ein heiliges Tier. Er galt als sehr intelligent und sollte Schülern als eifriges Vorbild dienen. Ob der junge Pharao auch im Jenseits weiter lernen sollte?

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Tief unter der Erde

Die alten Ägypter legten die Grabkammern ihrer Pharaonen tief versteckt unter der Erde an, um sie vor Grabräubern zu schützen. Im Falle von Tutanchamun hatten sie damit lange Erfolg. Über 3000 Jahre ruhte er in Frieden.

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Der Entdecker

Es war der Ägyptologe Howard Carter, der die Grabkammer Tutanchamuns am 4. November 1922 im Tal der Könige entdeckte. Doch bevor er sie öffnete, telegrafierte er an seinen Geldgeber Lord Carnarvon: "Habe endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht. Prächtiges Grab mit intakten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft wieder zugeschüttet. Gratulation."

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Zahlreiche Schätze

Obwohl Tutanchamun ein unbedeutender Pharao war, ist er heute weltberühmt: Denn Carter fand in seiner Kammer 5000 intakte Objekte, die den Kindkönig im Jenseits begleiten sollten. Seine Totenmaske kennt heute jedes Schulkind.

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Blick auf den Pharao

Im Rahmen der Restaurierungsarbeiten wurde in der Grabkammer eine neue Plattform installiert, von der die Besucher einen hervorragenden Blick auf den Sarkophag und die Wandmalerereien haben. Ob das in Zukunft noch möglich sein wird?

Für die Zukunft konserviert: Tutanchamuns Grab

Zu viele Touristen

Zahi Hawass, früherer Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung und Initiator der Restaurierungsarbeiten, spricht sich dafür aus, das Grab zu schließen und für die Besucher stattdessen eine identische Kopie anzufertigen. "Denn wenn wir hier weiter Massentourismus zulassen", ist er überzeugt, "wird das Grab keine 500 Jahre mehr überstehen."