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Google App soll Hautkrankheiten erkennen

23. Mai 2021

Mithilfe künstlicher Intelligenz sollen Patienten herausfinden, ob ihr Ausschlag oder ein Muttermal gefährlich ist. Experten erkennen die Vorteile eines solchen Tools, betonen aber: Einen Arzt kann sie nicht ersetzen.

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Hautärztin untersucht den Rücken eines Patienten
Vor dem Besuch beim Hautarzt vielleicht zunächst ein Foto für die Google App?Bild: picture-alliance/BSIP/A. Benoist

Für viele ist es schon fast automatisch: Beim ersten Auftreten ungewöhnlicher Krankheitssymptome wird gegoogelt. Was zum Beispiel sind diese komische Flecken auf meinen Fingernägeln? Oder der Ausschlag auf meinem Bauch? Muss ich mir Sorgen machen, sollte ich zum Arzt?

Jedes Jahr, so berichtet der Tech-Gigant Google, geben Menschen fast zehn Milliarden Anfragen über Haut-, Haar- und Nagelprobleme in seine Suchleiste ein. Aber den Ausschlag, den man auf der eigenen Haut entdeckt hat, mit Worten zu beschreiben, ist manchmal gar nicht so einfach.

Bald soll es dafür eine direktere Methode geben. Google Health, eine Forschungsabteilung des Suchmaschinenbetreibers in Kalifornien, hat eine App entwickelt, bei der künstliche Intelligenz (KI) helfen soll, Hautkrankheiten zu identifizieren.

User machen von dem Fleckchen Haut, das ihnen Sorge bereitet, drei Fotos mit ihrer Handykamera und laden diese in der App hoch. Dann müssen sie einige Fragen beantworten. Das KI-Tool nutzt die Fotos und Informationen, vergleicht sie mit 288 Krankheiten, die es im System hat, und spuckt den besorgten Nutzern verschiedene mögliche Krankheiten aus.

Die App zeigt Informationen an, "die von Dermatologen geprüft wurden", heißt es in dem Blogpost, in dem Google die App, die es bisher nur als Pilotprojekt gibt, vorstellt. Einen Arztbesuch soll die KI-Analyse selbstverständlich aber nicht ersetzen, beeilt sich das Unternehmen zu erklären. Viele Hautkrankheiten erforderten "eine persönliche Untersuchung oder weitere Tests wie eine Biopsie." Stattdessen solle die App ihre Nutzer mit Informationen versorgen, damit sie "gut informiert eine Entscheidung über ihre nächsten Schritte treffen können".

Kein Arzt-Ersatz, aber eine wertvolle Erleichterung

Nur weil Google betont, dass das Tool keinen Arzt ersetzen könne, heißt das noch nicht, dass zukünftige Nutzer diese Einstellung teilen werden. "Es ist ein stückweit naiv anzunehmen, dass Nutzer so ein Tool nicht zur Selbstdiagnose nutzen, wenn Google es zur Verfügung stellt", sagt Dr. Christian Baumgartner, Leiter einer Forschungsgruppe am Exzellenscluster für maschinelles Lernen an der Universität Tübingen.

Baumgartner ist Experte für künstliche Intelligenz an der Schnittstelle zwischen Bildanalyse und Medizin. Er hält es für unrealistisch, dass man innerhalb der nächsten 20 Jahre die Klärung medizinischer Fragen ausschließlich an Patienten mit KI-Tools abgeben kann. "KI ist im Moment nicht in der Lage, Ärzte zu ersetzen", sagt Baumgartner im DW-Interview.  

Künstliche Intelligenz in der Medizin sei aber auf andere Weise wertvoll. "Wozu KI dienen kann, ist Ärzten eine Arbeitslast abnehmen." Wenn eine erste Diagnose aufgrund der Analyse tausender Bilder durch ein KI-Tool erfolgt sei, habe der Arzt mehr Zeit für einen intensiven Patientenkontakt, erklärt Baumgartner.

Außerdem gebe es zu wenig Dermatologen. Nicht wenige Patienten gehen deshalb zunächst zum Hausarzt, wenn sie ein auffälliges Muttermal entdecken. Doch auch die sind gewöhnlich keine Experten für Hauterkrankungen. Vor Ort in der Hausarztpraxis sei die Verwendung eines Erkennungstool wie das von Google dann besonders sinnvoll, so der KI-Experte.

Nahaufnahme eines malignen Melanoms auf weißer Haut
Ein malignes Melanom - Hautkrebs wie diesen soll die Google App identifizieren und dann einen Arztbesuch anratenBild: picture-alliance/Okapia/Neufried

False negatives vermeiden

Auch Eoin McKinney vom Centre for Artificial Intelligence in Medicine an der Cambridge University in Großbritannien sieht in der Medizin "am meisten Potenzial" für KI in der Verwendung durch Ärzte. Mit einem Tool, dass Patienten direkt benutzen können, gilt es eine Balance in der Vermeidung zweier Fehler zu finden: False positives, wenn die App also etwas als gefährlich einstuft, was sich bei der ärztlichen Untersuchung dann als harmlos herausstellt. Und false negatives, wenn die App eine gefährliche Erkrankung wie beispielsweise Hautkrebs nicht als solche erkennt und dem Patienten ein "alles super" meldet.

McKinney geht davon aus, dass eine App wie die von Google immer eher "übervorsichtige Fehler machen" und im Zweifel lieber etwas als besorgniserregend einstuft, als eine Krankheit zu übersehen. Das könne dann aber schnell zu "Panik bei den Patienten und hohen Kosten für das Gesundheitssystem" führen, erklärt er gegenüber der DW.

Baumgartner teilt diese Einschätzung. "Es geht vor allem darum, die Nicht-Erkennung von Krankheiten zu vermeiden." Es sei anzunehmen, dass "Google die Sensitivität [seines KI-Tools] ein bisschen hochschraubt, auch aus rechtlichen Gründen, denke ich. Das könnte eine Welle an Leuten auslösen, die in die Dermatologie strömen."

Künstliche Intelligenz - schlauer als der Mensch?

Wie ein Medizinstudium für KI

Google hat sein Tool mit rund 65.000 Bildern gefüttert, um der künstlichen Intelligenz möglichst viele Krankheitsbilder genau beizubringen. Die Methode "neues Foto mit einer Vielzahl an bekannten Aufnahmen abgleichen und daraus eine Diagnose ableiten" unterscheide sich nicht allzu sehr von der Vorgehensweise eines menschlichen Arztes, sagt McKinney.

"Medizin hat schon immer mit der Erkennung von Mustern gearbeitet", so McKinney. "Ärzte vergleichen neue Bilder mit denen von früheren Fällen, die sie im Kopf haben." Der Algorithmus der künstlichen Intelligenz werde quasi angelernt, wie ein angehender Arzt beim Medizinstudium, um zu erkennen, was Hautkrebs sein könnte und was nicht.

Nur dass Ärzte einen entscheidenden Vorteil haben: "Ein Arzt schaut sich eigentlich nie nur einen einzigen Teil eines Patienten an", sagt McKinney. "Er würde sich nicht nur ein Stück Haut ansehen, sondern zum Beispiel auch, wie der Patient zur Tür hereinkommt."

Nutzer der App müssen zwar auch Fragen beantworten, aber es käme eben darauf an, basierend auf dem Verhalten des Patienten die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten richtig zu interpretieren, sagt KI-Experte McKinney. Das aber kann künstliche Intelligenz aktuell (noch) nicht leisten.

Carla Bleiker
Carla Bleiker Redakteurin, Channel Managerin und Reporterin mit Blick auf Wissenschaft und US-Politik.@cbleiker