Autorin Pumla Gqola über Feminismus in Südafrika

Die ersten demokratischen Wahlen in Südafrika besiegelten das Ende der Apartheid. Während die Rassentrennung heute passé ist, macht die Autorin Pumla Gqola auf die nach wie vor schlechte Lage der Frauen aufmerksam.

Die Autorin und Aktivistin Pumla Gqola war 21 Jahre alt, als am 27. April 1994 in Südafrika die ersten freien Wahlen stattfanden und Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt wurde. Sie markierten das Ende von rund 150 Jahren Rassentrennung.

Heute ist Gqola 46 Jahre alt und Literaturprofessorin an der Universität von Fort Hare in Südafrika - bis in die 1960er Jahre hinein die einzige Uni, an der schwarze Afrikaner studieren konnten. Noch gut kann sie sich an ihre Kindheit und Jugend zu Zeiten der Apartheid erinnern.

Täglich musste man als Schwarzer damit rechnen, auf der Straße willkürlich kontrolliert und durchsucht zu werden - manchmal auch gewalttätig. Bei Familienbesuchen und den damit verbundenen langen Autofahrten aß man stets selbst zubereitetes Mittagessen am Straßenrand. Als Kind empfand Pumla Gqola diese Stopps als Abenteuer, aber als Erwachsene erkannte sie die schmerzliche Wahrheit: Schwarzen Südafrikanern war der Zutritt zu Restaurants entlang der Reiseroute verboten.

Gqola erinnert sich noch genau daran, als sie mit ihrer Familie zu den ersten freien Wahlen vor 25 Jahren ging. Damals herrschte große Aufbruchstimmung, verbunden mit der Hoffnung, dass Forderungen wie "liberation in our lifetime" ("Befreiung zu Lebzeiten") Realität werden könnten. Doch nicht jeder glaubte daran, dass die weißen Afrikaner ihre selbsterklärte Vorherrschaft und die damit verbundene Wirtschaftsmacht so leicht aufgeben würden.

Treppe nur für Weiße: Rassentrennung in Johannesburg, Südafrika, zu Zeiten der Apartheid

Doppelte Stigmatisierung

Gqola wies auf die wirtschaftlichen Machtkämpfe in Südafrika hin: insbesondere auf die damit verbundene Armut in schwarzen Communities und die unfaire Landverteilung, die selbst ein Vierteljahrhundert nach der Demokratisierung des Landes noch vorherrschen.

"Allerdings stimme ich überhaupt nicht mit der Meinung manch junger Leute überein, die sagen, es hätte sich nichts geändert. Egal wie verkorkst und fehlerbehaftet das Land noch immer ist - das ist heute nicht das Land, in dem ich aufgewachsen bin", erklärt die 46-Jährige.

Nächste Generation: Kinder feiern Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela

Anfang April nahm Gqola im Rahmen des African Book Festival in Berlin an der Podiumsdiskussion "Should all writers be feminists?" ("Sollten alle Autoren Feministen sein?") teil - eine Anspielung auf den berühmten Essay "We Should All Be Feminists" ("Wir alle sollten Feministen sein") der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. In Afrika ist "Feminismus" ein umstrittener Begriff. Aber Gqola bezeichnet sich ohne Bedenken als Feministin.

In ihren Texten spricht sie von "schwarzen Frauen" in einem Wort ("blackwomen"), weil sie Verfechterin eines intersektionalen Feminismus ist, also daran glaubt, dass Diskriminierung auf sämtlichen Ebenen gleichzeitig bekämpft werden muss. "Ich laufe nicht den einen Tag als Schwarze und den anderen Tag als Frau durch diese Welt. Ich trage immer beides in mir."

Als Aktivistin und eine der bekanntesten feministischen Schriftstellerinnen Südafrikas hat Gqola bereits mehrere Bücher über die Gleichberechtigung der Frauen geschrieben. Ihr viertes Buch erforscht in einer autobiografischen Essay-Reise verschiedene feministische Themen ("Reflecting Rogue: Inside the Mind of a Feminist"), während ihr drittes Buch "Rape: A South African Nightmare" untersucht, warum Vergewaltigungen in Südafrika so weit verbreitet sind, und warum ihr Land im Kampf gegen jene Verbrechen bislang erfolglos ist.

Cover von Gqolas Buch "Rape: A South African Nightmare"

Alltägliche Gewalt gegen Frauen

Wenn es um die Gleichstellung von Frauen geht, ist Südafrika voller Widersprüche, sagte Gqola während der Podiumsdiskussion in Berlin, an der auch ihre Schriftsteller-Kollegen Fred Khumalo aus Südafrika und Sefi Atta aus Nigeria teilnahmen. Es gebe zwar einen hohen Prozentsatz an Frauen in Führungspositionen, aber: "Ich bin eine lange Zeit davon ausgegangen, dass wir fortschrittlicher seien als andere Länder. Uns wurde auch beigebracht, dass wir eine sehr erfolgreiche feministische Bewegung haben." Demgegenüber stünde allerdings die hohe Anzahl an Vorfällen, die sie als eine "landesweit routinemäßige Gewalt gegen Frauen" bezeichnete.

"Ich denke, dass es sich hierbei um die Fortsetzung eines alten Narrativs handelt", sagte die Autorin mit Verweis auf Gruppenvergewaltigungen, die in den 1980er Jahren landesweit in den Townships stattfanden. "Diese öffentliche Ausübung von Gewalt gegen Frauen ist nichts Neues."

Trotz Demokratie: Unzureichende Gleichstellung 

Neu hingegen sei, dass "wir bei der Demokratisierung vorschnell davon ausgegangen sind, dass Männer, die in Bezug auf Klasse und Rasse fortschrittlich waren, dies auch in Geschlechterfragen seien. Das hat sich als Irrglaube erwiesen und war sehr enttäuschend."

"Nicht in meinem Namen!" Proteste im südafrikanischen Pretoria gegen Gewalt an Frauen

Für Pumla Gqola, seit ihrer Kindheit ein Bücherwurm, war Literatur die treibende Kraft für ihre Identität. "Ich bin überzeugt, dass meine Vorstellung von Körper, sexueller und geschlechtlicher Identität durch die Bücher, die ich gelesen habe, radikalisiert wurde." 

"Ich komme aus einem Land und von einem Kontinent, wo es einen direkten Zusammenhang zwischen Befreiungsbewegungen und literarischen Werken über Freiheit gibt, sei es in Bezug auf den Kolonialismus oder die Apartheid. Das ist kein Zufall. Um zu wissen, was Freiheit ist, braucht es die Vorstellungskraft der Literatur."

Mehr zum Thema